Der editierte Text

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Liebes Paulchen (Details anzeigen)!

Für Deinen lb. Geburtstagsbrief1 danke ich Dir herzlich. Da Du darin über großen [sic!] Schweigsamkeit der lb. Brüder klagst, so will ich auch gleich antworten. Also Deine lb. Worte haben mich sehr gefreut u. es ist mir eine große Beruhigung, an Dir einen treuen Waffenfreund für das nächste Semester zu haben.2 Daß Du Dich nochmal recht erholst, freut mich, nun bist also wieder ein sandwühlendes problemewälzendes Lebewesen, hoffentlich erbarmt sich das Wetter u. Du bekommst noch recht schöne Tage.

Ich bin seit 2 Wochen zu Hause, dh. in Schwaben (Details anzeigen), gleich nach meiner Ankunft gieng ich nach Holzgerlingen (Details anzeigen), wo ich meine kl. Nichte | eifrig wiegte. Es ist ein zu liebes Ding u. wenn man ein so hupfendes, rutschendes Wesen in seinem Paradieseszustand betrachtet u. denkt was es noch Alles auszuhalten hat u. was es noch Alles an Freude u. Leide erleben wird, so wird man wehmütig u. fröhlich zugleich. Es ist doch das größte Wunder, daß ein solch hilflos zappelndes Geschöpf mehr wert ist als die ganze schöne, unermeßlich große Welt. Du siehst ich habe richtig philosophiert, als ich das kl. Mädel in den Schlaf wiegte.

In Bielefeld (Details anzeigen) war es vollends recht schön u. es war mir der Abschittied von meinen lb. Jungens beinahe schwer.3 Es ist ja eine andere Liebe, die man zu solchen armen Geschöpfen hat, eine ganz von Sympathie losgelöste, es war mir eine Wonne dort Nietzsche (Details anzeigen) zu lesen u. sich an den [sic!] albernen Geschwätz zu erbauen. Wenn N. (Details anzeigen) eine Zeit lang in Bethel (Details anzeigen) Hosen geputzt hätte, hätte er nicht | so geistreich von den Viel zu Vielen geschrieben. Denn von seinem Standpunkt sind meine lb. Jungens sich Viel zu Viele u. für mich waren sie so wichtig.

Du scheinst Dich auch hauptsächlich an das NT. gemacht zu haben, das ist auch meine Hauptarbeit, so weit ich zu einer komme u. meine Hauptarbeitfreude. Zu meinem Geburtstag bekam ich besonders einige Schlatter (Details anzeigen)kommentare: Galaterbrief (Details anzeigen), Johannesev. (Details anzeigen), Markus u. Lukas (Details anzeigen), u. Mathäus (Details anzeigen). So will ich mich nun vollends ganz verschlattern. Daß er auch Dir gefällt freut mich, er hat etwas so urkräftiges, Sein Wort: „Daß Gott einen kranken Fuß heilen kann glauben wir gerne, aber daß er unsern armen verwirrten Kopf zu Stande bringen kann, glauben wir nicht,“ ist mir schon oft ein Trost in dem Wirrwarr u. Schwierigkeit gewesen, die nun scheints einmal Theologenlos sind. Doch Du bist ja gründlicher. | Dir hilft ein solches hupfendes Tröstchen nicht. Aber wenn auch nicht in dieser Form, so mußt Du doch wohl auch Dein problemewälzendes Oberhaupt zur Ruhe bringen u. suchen: Stille zu sein in Gott. (Weißt noch auf der Peißnitz (Details anzeigen)).

Auf der Heimfahrt machte ich eine wunderschöne Rheinreise. Doch möchte ich dir nimmer viel davon erzählen, sondern auf Mündliches aufsparen. Dir u. besonders deinem lb. Vater (Details anzeigen) wünsche ich recht gute Erholung; Dein verehrtes Frl. Schwester (Details anzeigen), bitte ich, zu grüßen, bei Frl. Toni (Details anzeigen) mich zu empfehlen.

Es grüßt Dich herzlich

Dein tr. Alfred (Details anzeigen)

Ich sende den Brief nach Berlin (Details anzeigen), da ich Deine Adresse in Misdroy (Details anzeigen) nicht weiß


Fußnoten, Anmerkungen

1Die Korrespondenz liegt nicht vor.
2Alfred Fritz war für das Wintersemester 1906/07 zum Erstchargierten des Hallenser Wingolfs gewählt worden. Für dasselbe Semester war Tillich zum Hauptkassendachs gewählt worden.

Register

aStuttgart
bTillich, Paul
cSchwaben
dHolzgerlingen
eBielefeld
fBrief von Alfred Fritz an Paul Tillich vom 21. August 1906
gNietzsche, Friedrich
hNietzsche, Friedrich
iBethel
jSchlatter, Adolf
kSchlatter, Der Galaterbrief ausgelegt für Bibelleser, 1890
lSchlatter, Das Evangelium des Johannes ausgelegt für Bibelleser, 1899
mSchlatter, Die Evangelien des Markus und Lukas ausgelegt für Bibelleser, 1900
nSchlatter, Das Evangelium des Matthäus ausgelegt für Bibelleser, 1900
oPeißnitzinsel
pTillich, Johannes Oskar
qFritz, Johanna
rWinkler, Toni
sFritz, Alfred
tBerlin
uMisdroy

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974., bMS 649/143(10)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Stuttgart - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Alfred Fritz an Paul Tillich vom 27. September 1906, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00125.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L00125.pdf