Der editierte Text

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13.2.49.

Lieber Paulus (Details anzeigen),

denke bei diesem Briefkopf bitte nicht, dass ich nun zu dieser Arbeit übergesiedelt sei. Ich habe immer in ihr gestanden, hoffe aber, jetzt wieder intensiver mitmachen zu können, wenn mir mein Gefängnis Tegel (Details anzeigen) mehr Zeit lässt, als die Justizverwaltung. Noch bin ich in der alten Arbeit und gebe sie nur ungern auf, weil sie mir die Möglichkeit gab, überall in der russ. Zone zu reisen und ohne auf Misstrauen zu stossen, öffentlich zu sprechen, im Kulturbund, in Fachkreisen, auf Kursen von Fürsorgern oder Richtern usw. Wie weit dies nun so bleibt, weiss ich nicht. Das hängt von der weiteren Neurotisierung der Russen ab, die allmählich die andern, zunächst die Deutschen[,] dann aber die ganze Welt mit ihrer Angst anstecken. Meine Loyalität ihnen gegenüber geht sehr weit, ich weiss, sogar für Dich, erst recht aber für Walter Braune (Details anzeigen), zu weit, dennoch halte ich es für möglich, dass Sie [sic!] mich als Kirchenmann nicht mehr sprechen lassen. Ich scheide in Frieden von meinen SED-Vorgesetzten; ja man baute mir eben noch so goldene Brücken, dass Dorothee (Details anzeigen) schon fürchtete, ich würde wieder rückfällig werden und bleiben, weil man mir die Leitung einer Schule für die Ausbildung des gesamten Gefängnispersonals übertragen wollte. Aber ich sehne mich nach einer stilleren meditativen Arbeit und nach der Freiheit zu reisen. So will ich zunächst einmal für 3 Monate nach Westdeutschland (Details anzeigen) und Holland (Details anzeigen), vielleicht auch nach Frankreich (Details anzeigen) an die l' école de la paix unseres Versöhnungsbundes.1

Über Deinen Brief (Details anzeigen), den Bericht und Hannahs (Details anzeigen) Bilder haben wir uns sehr gefreut. Die innere und äussere Überlastung kann ich gut verstehen, deshalb hätte ich Deine Zeit auch nicht mit einem Brief von hier beansprucht, der nichts grundsätzliches[,] sondern nur persönliches enthält. Aber Du empfindest ihn doch als Brücke. Hannah (Details anzeigen) fand ich nicht wesentlich verändert. Ob wir uns noch einmal sehen? Ich hoffe immer, dass mich die Quäker noch einmal nach Philadelphia (Details anzeigen) schicken. Aber was wissen wir über die politische Entwicklung? Die Wahl von Dibelius (Details anzeigen) war wichtig, auch über die engeren kirchlichen Kreise hinaus beachtet. Ich halte sie für glücklich, da D. (Details anzeigen) trotz seiner Neigung und Herkunft von den alten deutschnationalen Kreisen recht offen und in der Kirchenpolitik nicht so eindeutig orthodox ist wie die alten Kämpfer der BK. Andererseits wird ein Kampf mit der SED unvermeidbar sein. Dabei wird auch die Kirche sich ändern. Die Barmherzigkeit verlangt, dass sie die Sprache der Massen lernt. In meiner neuen Freiheit (ein kleines Amt mit einem Hilfsprediger) werde ich dies Anliegen auf die Hörner nehmen müssen und mir viel Ärger mit der Kirchenleitung machen. Wenn es Dich interessiert, will ich Dir gern einmal später über die Lage berichten. – Unser Student, Gernot Löchel (Details anzeigen), hat durch Deine Vorlesungen entscheidenden Antrieb bekommen, Du wirst immer noch viel diskutiert und wirkst so bis in die Theologie unserer verlassenen Zone hinein. Wie schön wäre es, wenn Du wieder in Berlin (Details anzeigen) lesen könntest, und wenn es nur für einige Wochen wäre –.

Vielleicht interessiert Dich und Hannah (Details anzeigen) die kleine Arbeit, die in Heft 3 der Synopsis (Hamburg (Details anzeigen)) eben erscheint. Ein CARE-Paket steht durch Deine Vermittlung in Aussicht. Dank

Ob Ihr Euch denken könnt, wie viele Menschen sich mit uns daran freuen werden? CARE kommt jetzt auch trotz Blockade durch, so können wir darauf hoffen.2

Trude (Details anzeigen) hält wacker in ihrer Arbeit aus. Emmy Frey (Details anzeigen) hat eine schöne Arbeit über Rilke (Details anzeigen) im Schulunterricht geschrieben.3

Dir und Hannah (Details anzeigen) dankbare, herzliche Grüsse


Fußnoten, Anmerkungen

2Vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 blockierte die Sowjetunion den Westaliierten den Land- und Seeweg nach Westberlin, in der Hoffnung, auch den Westteil Berlins und schließlich ganz Deutschland unter ihre Herrschaft zu bekommen. Die Westmächte begegneten der Blockade mit einer Luftbrücke und einer Gegenblockade. Die Blockade wurde schließlich aufgelöst, ohne dass die Sowjetunion ihre Ziele erreicht hat.

Register

aTillich, Paul
bBerlin-Tegel
cBraune, Walther
dPoelchau, Dorothee
eWestdeutschland
fHolland
gFrankreich
hRundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Harald und Dorothee Poelchauvon Dezember 1948
iTillich, Hannah
jTillich, Hannah
kPhiladelphia (PA)
lDibelius, Otto
mDibelius, Otto
nLöchel, Gernot
oBerlin
pTillich, Hannah
qHamburg
rMennicke, Trude
sFrey, Emmy
tRilke, Rainer Maria
uFrey, Emmy
vFrey, Über Rilkes Gedichte mit Beziehung auf den Deutsch-Unterricht der Oberstufe, None
wTillich, Hannah

Überlieferung

Signatur
Erstpublikation
Harald Poelchau: Ohr der Kirche, Mund der Stummen. Harald Poelchau: eine Tagung zu seinem 100. Geburtstag. Erste Auflage. Berlin: Wichern Verlag, 2004, 95f. (Berliner Begegnungen, 4)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Harald Poelchauvom 29. Januar 1949

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Harald Poelchau an Paul Tillichvom 13. Februar 1949, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11545.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11545.pdf
erwähnte Briefe