Der editierte Text

| Harald Poelchau (Details anzeigen)

Lieber Paulus (Details anzeigen)!

Wir freuten uns sehr über Deinen Neujahrsbrief (Details anzeigen). Wenn Du nie ausdrücklich eine Antwort wünschtest, würde ich mich vielleicht nicht dazu aufschwingen, Euch zu schreiben, denn es ist wirklich so, wie Du schreibst: Es ist schwierig für Euch und uns miteinander zu sprechen. Bei Deinem Abdruck aus „Christian Answer“ in der Auslese1 glaubte ich und glaube es auch jetzt noch, daß der Beitrag uns deswegen so unbefriedigt ließ, weil er sehr stark zusammengestrichen war und wohl nur das Äußerlichste Deines Buches brachte. Ich hoffe sehr, bald einmal de[n] ganzen Text in Englisch lesen zu können, weiß bloß bis jetzt noch niemand, der das Buch hat und mir leihen kann. Ich bin aber überzeugt, daß Du, sobald Du in Marburg (Details anzeigen) gewesen sein wirst, und, wie ich sehr hoffe, auch in Berlin (Details anzeigen), nicht nur terminologisch mit uns übereinkommst, sondern auch die Akzente unserer Problemstellung siehst. Gerade Du, der Du von jeher besser als andere verstandest, das herauszuheben, wonach eigentlich gefragt wird. Ich, der ich kein Philosoph und im Augenblick nicht mal ein Theologe bin, kann das immer nur dilettantisch an verschiedenen Ecken versuchen. So halte ich Deine Gegenüberstellung von vertikaler und ho[r]izontaler Linie für nicht glücklich. Wir, dh. die Sozialisten, die Planung und trotzdem individuelle Entwicklung wollen, sind keineswegs eschatologisch eingestellt. Wir versuchen allen Ernstes, auch unter der Herrschaft der Russen und deren uns so sehr fremden Einstellung zum Menschen jetzt und hier etwas hinzustellen. Daß wir bei diesem Versuch immer wieder an den Abgrund geführt werden, der unsere Versuche in Frage stellt, ist freilich eine Erfahrung, die jetzt deutlicher ist als je. Aber das werden wir Dir konkret alles nur mündlich sagen können.

In dieser Situation ist die Stellung und Haltung der Kirchen recht wichtig, weil sie im Prinzip wenigstens sich von dem Machtwillen der politischen Parteien in der Menschenführung fernhalten und die einzigen sind, die das uns zerstörende Ressentiment, was die Menschen aller Schichten immer mehr ergreift und zersetzt, auffangen können. Der Aufsatz von Ernst Tillich (Details anzeigen) in Heft 7/8 des „Sozialistischen Jahrhunderts“2 scheint mir in diesem Zusammenhang eine recht gute Situationsschau.

Der Sinn meines Briefes soll nur der sein, Dich mit allen mir zur Verfügung stehenden Tönen zu bitten, doch ja auch mit nach Berlin (Details anzeigen) zu kommen, und wenn es nur für zwei Tage ist. Die Si| tuation allein von der amerikanisch besetzten Zone aus zu beurteilen würde Dir ein bleibendes schiefes Bild hinterlassen. Edel Gasch (Details anzeigen) schickte mir die Abschrift ihres Briefes an Dich,3 der mir ein Beweis dafür zu sein scheint, wie wenig von innen her die Frage von Religion und Sozialismus „drüben“ durchgedacht werden. In Westdeutschland (Details anzeigen), wo die bürgerlichen Schichten nicht politisch entmachtet sind, trägt die uns auferlegte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit den Charakter der Diskussion mit den früheren Parteimitgliedern, die dort mehr oder weniger wieder gewisse Positionen innehaben. In der russisch besetzten Zone ist die Auseinandersetzung sehr viel schwieriger, als es nicht um Restauration der bürgerlichen Schicht geht, sondern um den Kampf gegen den Geist des Nationalsozialismus, der unter dem Schutz der russischen Diktatur fröhlich wieder aufblüht und den Menschen verachtet. Ich schreibe dies, obgleich ich parteipolitisch den Weg der deutschen Kommunisten für den richtigeren halte im Gegensatz zu dem der Sozialdemokraten. Ernst (Details anzeigen) and viele der anderen Freunde sehe ich häufig, und wir sind in lebendigem Gespräch.

Auf Wiedersehen? Mit herzlichem Gruß von uns allen

Dein


Register

aPoelchau, Harald
bBerlin-Zehlendorf
cTillich, Paul
dRundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Harald Poelchauvom 1. Januar 1947
eTillich, Paul
fTillich, Christentum Wirtschaft und Demokratie, 1946
gMarburg an der Lahn
hBerlin
iTillich, Ernst
jTillich, Ernst
kTillich, Gespräch mit den Kirchen?, 1947
lBerlin
mGasch, Edel
nWestdeutschland
oTillich, Ernst

Überlieferung

Signatur
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
Berlin-Zehlendorf - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Harald Poelchauvom 1. Januar 1947
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Harald Poelchau vom 2. August 1947

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Harald Poelchau an Paul Tillichvom 16. März 1947, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11536.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11536.pdf
erwähnte Briefe