Brief von Harald Poelchau an Paul und Hannah Tillich vom 21. September 1946

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Der editierte Text

| Harald Poelchau (Details anzeigen)

Lieber Paulus (Details anzeigen),

eine so seltene Gelegenheit, einen unzensierten Brief an Dich zu schicken, will ich nicht vorbei gehen lassen, obgleich Du den meinen (Details anzeigen), ausführlichen, vom Juni noch nicht beantwortet hast. Das Gefühl, sich nicht frei äussern zu können, bedrückt doch auf die Dauer etwas, besonders jetzt nach den Wahlen, wo die Russen auf das demokratische Dekorum immer mehr verzichten. Bisher war es so, dass an wichtigen Stellen in der russisch besetzten Zone, ausser in Mecklenburg (Details anzeigen) auch noch Leute stehen konnten, die nicht in der Sed waren. Heute lese ich in der Zeitung, dass unser Freund Mertens (Details anzeigen)[,] den Du auch noch kennen wirst, von seinem Amt als Oberbürgermeister von Halle (Details anzeigen) enthoben ist ohne Angaben von Gründen. Er gehörte der Demokratschen Partei an, nur formal, war Sozialist in Gesinnung und Amtsführung, seine Frau (Details anzeigen) Kommunist. Dennoch war er untragbar. Vor einigen Wochen schon war seine Sekretärin (Details anzeigen) bei mir, die die „operative Gruppe“[,] so heißt jetzt die GPU in Halle (Details anzeigen), unter körperlicher Bedrohung zur Unterschrift gezwungen hatte, dass sie sich als Spitzel gegen ihn verpflichtete. Ich versuchte, sie im englischen Sektor unterzubringen. Wir haben ja hier diese Ausweichmöglichkeit in Berlin (Details anzeigen). Die Besatzungsmacht lässt sich in vielen dieser Fälle nur missbrauchen, die Initiative liegt bei deutschen unverantwortlichen Elementen, die aus Machtgier oder persönlichen Gründen, kaum ernsthaft politischen handeln. Aber es genügt eine Denunziation bei den Russen, wenn sie von der SED gestützt wird, und man verschwindet ohne ein Zeichen von sich geben zu können.

Die Situation ist für uns Sozialisten besonders schwierig, weil wir uns in der geeinten Arbeiterpartei vertreten fühlen müssten und dies nicht können, weil diese keine eigene Gestaltung versucht, sondern die Ausführung der russischen Befehle. Ich bin mit einem guten Vorurteil für die Russen nach Berlin (Details anzeigen) gekommen, sehe aber aus allen Versuchen, mit ihnen zusammen zu arbeiten, dass hier die menschlichen Grundforderungen, Gerechtigkeit und Freiheit, überhaupt nicht gesehen, geschweige denn beachtet werden.

Ich sehe das in meiner Tätigkeit als Betriebsrat in meiner „Deutschen K|:J:|ustizverwaltung“, einer Behörde, die dem früheren Justizministerium etwa entspricht. Sie untersteht der Sowjet.Mil. Verwaltung unmittelbar. Diese gibt monatlich Sonderlebensmittelzuteilungen an uns, die recht erheblich sind, aber nicht etwa an alle Angestellten, oder an die besonders bedürftigen, sondern an die leitenden, gestaffelt nach der Gehaltsgruppe. Heimlich teilen die Ministerialräte mit den Justizräten wenigstens, damit auch diese Kategorie noch etwas bekommtnt. 15% die Belegschaft bekommt eine „P|:P:|rämie“, d.h. ein steuerfreies Monatsgehalt. Da die Steuern fast die Hälfte des Gehalts ausmachen, ist das recht beträchtlich. Diese Prämie bekommen die „Spezialisten“, d.h. die obersten Gehaltsgruppen. Wie sehr das |:die:| Athmosphäre eines Hauses vergiftet, sehe ich im Betriebsrat. Hinzukommen|:t:|, dass alles dies geheim ist, es darf nicht darüber gesprochen werden, wird aber von den unter|:en:| Beamten bearbeitet. In der Praxis habe ich den Vorteil, dass sich die Russen nicht für den Strafvollzug interessieren, sodass ich ungehindert abr|:rb:|eiten kann, wenn nicht die örtilichen Kommandanten besonders unangenehm sind. Andererseits bedeuten sie keine Stütze, wie etwa in Bayern (Details anzeigen), wo die Amerikaner entscheidende Anregungen geben[.]| Auch in den andern Zonen ist es schwierig, durch eine fremde Macht den Geist überwinden zu müssen, der von uns selber hätte überwunden seinm müssen. Je mehr sich die Kriegsfolgen zeigen, um so schwieriger wird die Lage und die Hitlerleute sind noch lange nicht tot, sondern sie fangen die Misstimmung auf und richten die gegen die Besatzungsmacht und schlagen noch Kapital aus ihrer eigenen Schuld. Gilt das schon dür für die Westzonen, so scheint das bei dem Verhalten der Russen noch viel wahrscheinlicher für den Osten. Hier ist das aber nicht so, vielleicht, weil wir von Anfang an schärfer druchgegriffen haben. Du solltest einmal kommen und Dir die ganze Situation ansehen. Beschreiben lässt sie sich nicht. Ich hoffe sehr, mich noch lange hier halten zu können, ohne „der“ Partei anzugehören, wie manh schon wieder sagt. Ich halte viele Vorträge, soll jetzt einen Lehrauftrag an der Universität für Strafvollzug bekommen, arbeite sehr erfreulich im Hauptausschuss der „Opfer des Faschismus“ mit allen Richtungen, ärgere mich über die Kirchenleitung und arbei freue mich über das „Hilfswerk der ev. Kirche“, das nicht konfessionell arbeitet und stehe mitten drin da viele Angehörige all meiner verschiedenen früheren Schützlinge kommen. Dennoch ist alles was man tut gefährlich, fast noch gefährlicher als in der Nazizeit und ich muss Dich bitten, auch mit den Einzelheiten dieses Briefes vertraulich umzugehen, wenn Du mir nicht eine Gefahr bereiten willst. Ich bin z.B. seit Monaten nach Holland (Details anzeigen) eingeladen, habe das Visum usw. kann aber nicht hinfahren, wenn es meine Russen nicht ausdrücklich erlauben, weil ich sonst in den Verdacht der Verbindung mit den Westmächten gerate. Seit März liegt der Antrag bei den Russen, unbeantwortet!

Ich schreibe diesen Brief rasch und ungeordnet, gleich muss ich zu Niebuhr (Details anzeigen). Ihr sollt nur auf diese Weise einmal erfahren, dass meine offiziellen Briefe mehr zwischen als in den Zeilen enthalten, ganz wie früher; .

Du kündigst ein Paket an, das wir teilen sollten, wir wollen das natürlich gern tun und sind dankbar, wenn ihr etwas schicken könnt, am besten vielleicht über Care. Da Pastor Fritz (Details anzeigen) in der russ. Zone wohnt, schickt Ihr an ihn wohl am besten über mich, der ich im amerikanischen Sektor wohne. Ich persönlich habe recht abgenommen, und die Aerzte sagen, ich brachte hauptsählich Trockenmilch und Fett. Wenn Ihr davon etwas herbeischaffen könnten, wären wir alle sehr dankbar. Deinen Aufsatz in „the christian answer“ sah ich bei Rheinstein (Details anzeigen) und hoffe, ihn bald zu bekommen. Wir wissen hier sehr wenig von Deinen Arbeiten. Das englisch reicht schon soweit, dass wir sie lesen können. Steinrath (Details anzeigen) ist jetzt frei und wieder Frankfurt (Details anzeigen). Von de Man (Details anzeigen)s hoher Strafe las ich. Sein Buch apres cp{n} coup ging schon ind dieser Richtung aber er tut mir leid.

Mit vielen herzlichen Grüssen an Euch alle
Dein


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aPoelchau, Harald
bBerlin-Zehlendorf
cTillich, Paul
dBrief von Harald Poelchau an Paul und Hannah Tillich vom 4. März 1946
eMecklenburg
fMertens, Heinrich
gHalle (Saale)
hMertens, Maria
i?
jHalle (Saale)
kBerlin
lBerlin
mBayern
nHolland
oNiebuhr, Reinhold
pFritz, Alfred
qRheinstein, Max
rSteinrath, Franz
sFrankfurt am Main
tde Man, Hendrik

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief vpn Paul Tillich an Harald Poelchau vom 4. März 1946
nächster Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Harald Poelchauvom 1. Januar 1947

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Harald Poelchau an Paul und Hannah Tillich vom 21. September 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11534.html, Zugriff am ????.

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{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11534.html |titel=Brief von Harald Poelchau an Paul und Hannah Tillich vom 21. September 1946 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=04.03.1946 |abruf=???? }}
L11534.pdf
erwähnte Briefe