Brief von Harald Poelchau an Paul und Hannah Tillich vom 4. März 1946

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Der editierte Text

| Dr. Harald Poelchau (Details anzeigen)

Liebe Hannah (Details anzeigen), lieber Paulus (Details anzeigen)!

Euere Briefe vom Januar 1 und 4. März (Details anzeigen) erreichten mich zu gleicher Zeit Ende Mai in Berlin (Details anzeigen). Wie schön, daß man nun wieder direkt schreiben kann, und wie schön, daß ihr noch genauso freundschaftlich und nah an uns hier denkt wie vor 12 Jahren. Wir tun das auch, und ich muß bei dieser Gelegenheit einmal sagen, daß Deine philosophische und geschichtliche Konzeption, Paulus (Details anzeigen), für mich für das Verständnis dieser Jahre und der politischen Bewegungen richtunggebend und klärend gewesen ist. Aus diesem Grunde meine ich, obgleich ich nichts, aber auch garnichts von Dir zu lesen bekommen habe aus den letzten Jahren, daß es sehr wichtig für uns wäre, wenn Du nun wieder herkommen könntest und uns ein Wort für die Zeit und für den Aufbau unseres Sozialismus sagen könntest. Wir stehen ja hier in Deutschland (Details anzeigen) unter so starken Spannungen, daß wir uns wohl gegenseitig totschlagen würden, wenn die Besatzungsmächte nicht da wären und uns daran hinderten. Man kann nicht sagen, daß in unserem Kreise eine Unsicherheit des Weges und der Linie herrsche, wir sehen sowohl die nächsten Schritte wie auch das fernere Ziel, aber es würde für die Versöhnung breiter Schichten, besonders der bürgerlichen Schichten leichter sein, wenn jemand wie Du uns theologisch und philosophisch hülfe.

Ich habe nun an Bultmann (Details anzeigen) geschrieben und zunächst einmal dort vorgefühlt. Was aber vielleicht wichtiger ist, Max Rheinstein (Details anzeigen) will versuchen, zu erreichen, daß Du an dem amerikanischen Marburger Sommersemester 1947 beteiligt wirst. Der Weg über ihn, den Chicagoer Juristen, erwies sich als aussichtsreicher als über den recht zurückhaltenden Gerhard Colm (Details anzeigen), der uns menschlich durch seine Kühle etwas enttäuscht hat.

Daß ich selbst einmal zu Euch käme, scheint im Augenblick aussichtslos. Ich habe seit 4 Monaten eine sehr dringende Einladung nach Holland (Details anzeigen), auch das Visum dafür liegt schon lange vor, und bekomme nicht die Ausreise. Deutschland (Details anzeigen) zerfällt ja in zwei völlig getrennte Gebiete und zwischen ihnen ist eine Kluft befestigt, die man körperlich nur sehr schwierig und brieflich auch nicht ganz einfach überschreiten kann. Auch Kassel (Details anzeigen) liegt jenseits dieser Kluft, Hannah (Details anzeigen). Es macht mir Freude, in meinem eigenen abgegrenzten Bereich intensiv und relativ ungestört arbeiten zu können, aber schon Schriftwechsel wie der mit Bultmann (Details anzeigen) müssen sich auf relativ formale Beziehungen beschränken. Ich bin aber überzeugt, daß Du die Möglichkeit haben wirst, wenn Du in Marburg (Details anzeigen) bist, jedenfalls nach Berlin (Details anzeigen) zu kommen, vielleicht sogar, wenn Du noch alte Papiere hast, auch nach Dresden (Details anzeigen) und Halle (Details anzeigen) usw.

Deswegen ist es auch nicht ganz einfach, über die Lage der Kirche einen einheitlichen Bericht zu geben. Sie wird in allen Zonen von den Besatzungsmächten sehr respektiert, bei uns möchte man sie auf die Seite des Glaubens beschränken und die der Liebe | einschränken. Bei den Westmächten, denen ja die caritative Arbeit der Kirche selbstverständlich ist, ist dies leichter. Die innere Struktur der Kirche ist außerordentlich schwierig. Viel überalterte Pfarrer mit wenig Weitblick, aber in Einzelfällen viel politische und soziale Aufgelockertheit. Die Dinge sind jetzt sehr im Fluß, zumal sich die Erkenntnis der furchtbaren Armut, in die wir alle geraten sind, noch nicht vollständig ausgewirkt hat.

Der Kreis um Rackwitz (Details anzeigen) hat sich wieder gebildet, Seeberger (Details anzeigen) gehört ihm auch an, und es springen die alten Gegensätze zwischen den den kirchlich gebundenen religiösen Sozialisten auf und denen, die den Akzent ihrer Arbeit auf die Partei legen. An Fritz (Details anzeigen) habe ich geschrieben und ihm eine Abschrift Deines Briefes (Details anzeigen) geschickt. Da er so weit weg ist für Berliner Verkehrsverhältnisse, sehe ich ihn relativ selten, aber wir verstehen uns gut. – Auf die Frage, ob wir englisch lesen können, möchte ich doch sagen: Ja! Es wäre uns recht wichtig, zu sehen, was Du in den letzten Jahren geschrieben hast. Dein letztes Buch war die „Interpretation of history“.

In einem späteren Briefe möchte ich dann auch gern mal über meine Arbeit für das Gefängniswesen erzählen, für heute genug – ich hoffe auch, daß bis dahin sie soweit gediehen ist, daß man schon konkretere Dinge und nicht nur Projekte berichten kann. Vorläufig beschränkt sich im Grunde meine Arbeit auf die Ausarbeitung von gesetzlichen Bestimmungen.– Wir sind alle sehr dankbar, daß es Euch noch gibt, und möchten gern einmal Bilder sehen, besonders von den Kindern. Wir können uns garnicht vorstellen, wie sie aussehen.

Vergessen habe ich, zu sagen, daß wir im Mai umgezogen sind und jetzt ein Häuschen von 5 1/2 Zimmern mit etwas Garten mit viel Kiefern und einer Birke in Zehlendorf (Details anzeigen)-West in der Nähe von Schlachtensee (Details anzeigen) bewohnen, ein einfaches Reihenhäuschen, das uns aber sehr groß und schön vorkommt, nachdem wir in der Afrikanischen Straße doch recht eng gewohnt haben.


Fußnoten, Anmerkungen

1liegt nicht vor

Register

aPoelchau, Harald
bBerlin-Zehlendorf
cTillich, Hannah
dTillich, Paul
eBrief vpn Paul Tillich an Harald Poelchau vom 4. März 1946
fBerlin
gTillich, Paul
hDeutschland
iBultmann, Rudolf
jRheinstein, Max
kColm, Gerhard
lHolland
mDeutschland
nKassel
oTillich, Hannah
pBultmann, Rudolf
qMarburg an der Lahn
rBerlin
sDresden
tHalle (Saale)
uRackwitz, Arthur
vSeeberger, Erhard
wFritz, Alfred
xBrief vpn Paul Tillich an Harald Poelchau vom 4. März 1946
yPoelchau, Dorothee
zSiemsen, Gertrud
aaPoelchau, Harald
abSiemsen, Andrea
acPoelchau, Harald
adBerlin-Zehlendorf
aeSchlachtensee

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Harald Poelchau an Paul und Hannah Tillich vom 4. März 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11533.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11533.pdf
erwähnte Briefe