Der editierte Text

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Sehr verehrter Herr Professor (Details anzeigen),

als wir vor zweieinhalb Monaten nach den Staaten (Details anzeigen) zurückkehrten[,] versuchten wir einige Male, Sie zu erreichen. Endlich erfuhren wir[,] dass dieses Jahr für Sie ein Jahr der Ruhe sein soll, das Sie ausserhalb New York (Details anzeigen) verbringen wollen. So dachten wir, es sei ein Freundschaftsdienst[,] Sie nicht zu stören und Ihnen, der Sie ja sonst so eingespannt sind in das Getriebe der Metropolis[,] Ruhe zu gönnen.

Susan (Details anzeigen) schrieb und erzählte mir, wie ausserordentlich freundlich und freundschaftlich Sie zu ihr waren; sie berichtete mir auch, dass meine Zeilen an Sie aus Jerusalem (Details anzeigen) Sie nicht erreicht haben. Ich kann nur vermuten, dass mein Brief an Sie zu denen gehört, die bei einer Notlandung eines Postflugzeugs in Aegypten (Details anzeigen) von den Behörden beschlagnahmt wurden und die – wie es die Presse berichtete – vernichtet sind[.]

Wenn wir es auch vorzogen Sie nicht zu stören, so haben wir beide doch an Sie oft gedacht, ja viel Zeit „mit Ihnen“ verbracht[,] mit Ihrem Werke1 nämlich, das uns viel Anregung und Anlass zum Gespräch gab.|

Es ist wirklich ein Wagnis anno 1951 mit einem „System“ „der“ „Theologie“ aufzutreten und Sie haben es sich wahrscheinlich nicht leicht gemacht. Schon dafür herzlichen Dank.

Der Band ist wirklich schön ausgestaltet, man würde darum wünschen[,] dass zu einer Neuauflage die Druckfehler verschwinden würden. Ich notiere einen Teil derer, die ich bemerkt habe, es waren noch etliche, die ich im Moment nicht mehr präsent habe.

S. 31 statt anwering theology lese: answering

S[.] 233 " monoism " monism (zweimal in einem Abschnitt was bei manchen Schülern als neue Gattung von Monismus „genommen“ werden kann!)

S. 237 statt „jump.“ lese: „jump“. (es scheint mir der Punkt gehört logisch nicht zwischen die Anführungszeichen, dies kam öfters im Buche vor[)]

S. 261 " Wetsern lese Western

S. 274 ol statt olim " olam

und ein Fehler, hinter dem sich eine ganze Geschichte verbirgt: Wenn ich S. 19 recht verstanden habe: Hegel (Details anzeigen) worked from „above“ ... Wundt (Details anzeigen) worked from „below“ so scheint Wilh. Wundt (Details anzeigen) gemeint zu sein. Im Register aber findet sich Wundt Max (Details anzeigen) 19!! Wie es zu einem solchen „Fehler“ kam, erkläre ich mir so: Einer Ihrer Assistenten, dessen Bildung in mod. Philosophie zu wünschen übrig lässt und der nie von Wundt (Details anzeigen) gehört hatte, ging zum| berühmten Orakel in NY (Details anzeigen): der Katalog der Bibliothek, entweder Columbia oder Union Theol[.] Seminary und hatte – Pech, dass auch der Sohn Wilh. Wundts (Details anzeigen) sich auf das Glatteis der Metaphysik (als Historiker) begeben hat (bekannt ist sein Buch: die sechs grossen Themen der abendl. Metaphysik2) und dass Max im Katalog vor Wilhelm erscheint. So kam Max Wundt (Details anzeigen) wohl zur Ehre[,] in Ihrem Register erwähnt zu werden! Sie sehen, lieber Professor Tillich (Details anzeigen), man liest auch heute noch ein Buch, wenn es interessant ist, „from cover to cover“!

Was den Inhalt angeht, so hat jede Seite zum Nachdenken und Überdenken veranlasst – wenn auch das Resultat ein etwas abweichendes ist.

Die Krisis der Theologie seit Hegel (Details anzeigen)-Feuerbach (Details anzeigen) Hegel (Details anzeigen)-Marx (Details anzeigen)3 einerseits, Nietzsche (Details anzeigen)-Overbeck (Details anzeigen) andererseits hat z. B. Karl Barth (Details anzeigen), wie mir scheint, zu vollkommener Waffenbrechung veranlasst. Wenn Barth (Details anzeigen) sich von der „Theologie“ auf die „Dogmatik“ und in der Dogmatik von der „christlichen“ auf die „kirchliche“ zurückzog (dort allerdings unangreifbar! Aber wer wollte schon 1930–1950 eine „kirchliche“ Dogmatik angreifen!!) so heisst das Waffenstreckung, über die das Volumen der Bände nicht hinwegtäuschen kann (und den tieferen Leser nicht hinwegtäuschen will!)[.] Denn Barth (Details anzeigen) hat Feuerbach (Details anzeigen) und Overbeck (Details anzeigen) ernst genommen als "unerledigte Fragen der Theologie – und sie sind es heute noch. Der Anspruch der| Theologie als λόγος im göttl. Verstande genommen zu werden, wird immer wieder gedemütigt werden hinein ins Feuerbachs (Details anzeigen) These[,] dass der Theologen eigener Geist eher aus der Theologie redet als der heilige Geist. Den Anspruch der „Christlichkeit“ der christl. Theologie hat ja Overbeck (Details anzeigen) als unerledigte Frage der christlichen Theologie als Knochen zurückgelassen, an dem sie sich zu {Tode nagen} kann. (Weder Feuerbach (Details anzeigen) noch Overbeck (Details anzeigen) werden in Ihrem Werk erwähnt.)

Eine Theologie, die sich als „Logostheologie“ des Christentums gibt[,] wird Aug in Aug sich stellen müssen mit den zwei „Katastrophen“ der christlichen Theologie. Die eine am Anfang der Logostheologie: Origenes (Details anzeigen), die andere am Ende der Logostheologie: Hegel (Details anzeigen). Die Kirche hat nach langen Kämpfen nicht {¿¿¿} können Origenes (Details anzeigen) auszustossen. Der wahre Grund ist wohl weil jede Logos-Theologie (bis zur Sophientheologie Bulgakows (Details anzeigen)) am fleischlichen Christus sich „stören“ muss, über ihn hinaus muss. Die originestischen Streitigkeiten haben deutlich bewiesen[,] dass die Logostheologie, auch existenziell, über Christus hinausführen muss. Die Mönche von {Athos} später wie die griech[.] Mönche überhaupt am Anfang[,] haben die mystische Einheit des menschl. und göttlichen Geistes erfahren[,] ohne den {¿¿¿} zu bedürfen, ja ihn als Hemmung betrachtend zum Weg der Vergottung, die nicht um „Spekulation“[,] sondern „Wirklichkeit“, also „existenziell“ war[.]|

Dann die zweite Katastrophe: die Logosmystik Hegels (Details anzeigen) im Ereignis ist, mit dem wir noch nicht fertig ist sind, kann jeder begreifen, der sich die Akten dieses Prozesses vornimmt – Löwith (Details anzeigen) hat sie ja in seinem Werk: Von Hegel bis Nietzsche (Details anzeigen) zusammengestellt! Dies spart mir jeden besonderen Hinweis. Jedenfalls ist das „Ende“ von dem die christl. Botschaft sprach in der Logosmystik Hegels höchst zweideutig zum Ende des Christentums geworden. Jeder Versuch einer neuen „Vermittlung“ wird sich doch {messen} müssen am Ausmass des Einbruchs und Zusammenbruchs der grossen Versöhnung und Vermittlung[,] die Hegels (Details anzeigen) Theologie u. Philosophie erlebt hat und sich fragen müssen: kann einer neuen Vermittlung ein besseres Ende beschieden sein? muss nicht ganz anders jetzt, wenn überhaupt, Theologie aufgebaut werden?

Es wird mich nicht wundern, wenn von kirchlicher Seite her das Urteil über den neuen systematischen Versuch lauten wird: Gnosis, verdünnte Gnosis, aber doch Gnosis. Für mich ist der Name Gnosis ein Ehrenname und kein „Todesurteil“, aber ich gebe zu[,] dass die Kirche (wenn es überhaupt „die“ Kirche als corpus mysticum im protest. Raum gibt) sich wehren wird, sich wehren muss.

Ich als „Gnostiker“, wenn ich so sagen darf, würde sagen: zu wenig Gnosis[.] Das Gericht {sieht} besonders darauf, dass Sie die Theologie einzirkeln in den Raum der Kirche und unter das materiale Apriori von Jesus| Christus (Details anzeigen) stellen wollen. Dass Sie sich auf die Logik des Zirkels (Dilthey (Details anzeigen), Heidegger (Details anzeigen)) berufen, hilft nicht. Denn nie lässt sich der Zirkel der Erkenntnis (ontologisch!) auf den ontischen Bereich beziehen (materiale Aussage). Sonst könnte ja ein jeder den Ansatz des λόγος anders (d. h. beliebig!) setzen und wir wären eingespannt in eine private Welt des Traumes, des Schlafes, der Umnachtung. Derjenige, der den λόγος zum Prinzip erhob, hat auch das Nötige über die Anwendung und die Gemeinsamkeit des λόγος gesagt. Der λόγος ist allen gemeinsam, gerade weil er das Eigenste eines jeden Einzelnen ist. Ist Heraklit (Details anzeigen) nicht existenziell?

Ich sehe ich muss Schluss machen, sonst wird der Brief sich zu einer Epistel dehnen. Es ist viel leichter[,] sich mündlich über solche Fragen zu verständigen. Auf dem Wege nach Jerusalem (Details anzeigen) bleiben wir vier Tage (2. Nov. – 5. Nov) in NY (Details anzeigen) und werden unser Glück versuchen, ob wir Sie erreichen können. Sonst sehen wir uns, hoffe ich[,] nächstes Jahr. Susan (Details anzeigen) kehrt mit gemischten Gefühlen zurück, sie liebt die Landschaft, hat sich aber in die Gesellschaft gar nicht finden können. Und dies wird uns, wie ich fürchte[,] zwingen wieder packen zu müssen und zurück zu kommen[.]

In diesem Jahr halte ich eine Marxvorlesung und werde dabei Gelegenheit haben, das Problem aufzurollen, welches wir durch Sie sehen gelernt haben: Kairos. Eine Frage noch: was ist aus der proletarischen Situation für Sie geworden? Vielleicht lässt sich die Situation heute gar nicht mehr Klassenmässig fassen?

Mit herzlichen Grüssen von uns beiden, von Haus zu Haus

Ihr ergebener
Jacob Taubes (Details anzeigen)
Jerusalem Hebrew University


Register

aRochester (NY)
bTillich, Paul
cVereinigte Staaten von Amerika
dNew York City
eTaubes, Susan
fJerusalem
gÄgypten
hTillich, Paul
iTillich, Systematic Theology, Volume One, 1951
jHegel, Georg Wilhelm Friedrich
kWundt, Wilhelm
lWundt, Wilhelm
mWundt, Max
nWundt, Wilhelm
oNew York City
pWundt, Wilhelm
qWundt, Max
rTaubes, Jacob
sHeimsoeth, Heinz
tHeimsoeth, Die sechs großen Themen der abendländischen Metaphysik und der Ausgang des ..., 1922
uWundt, Max
vWundt, Geschichte der Metaphysik, 1931
wWundt, Die deutsche Schulmetaphysik des 17. Jahrhunderts, 1939
xWundt, Max
yTillich, Paul
zHegel, Georg Wilhelm Friedrich
aaFeuerbach, Ludwig
abHegel, Georg Wilhelm Friedrich
acMarx, Karl
adNietzsche, Friedrich
aeOverbeck, Franz
afBarth, Karl
agBarth, Karl
ahBarth, Karl
aiFeuerbach, Ludwig
ajOverbeck, Franz
akFeuerbach, Ludwig
alOverbeck, Franz
amFeuerbach, Ludwig
anOverbeck, Franz
aoOrigenes
apHegel, Georg Wilhelm Friedrich
aqOrigenes
arBulgakow, Sergei Nikolajewitsch
asHegel, Georg Wilhelm Friedrich
atLöwith, Karl
auLöwith, Von Hegel bis Nietzsche, 1941
avHegel, Georg Wilhelm Friedrich
awJesus von Nazaret
axDilthey, Wilhelm
ayHeidegger, Martin
azHeraklit
baJerusalem
bbNew York City
bcTaubes, Susan
bdTaubes, Jacob

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/208 (12)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Rochester - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Jacob Taubes an Paul Tillichvom 2. Mai 1948

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Jacob Taubes an Paul Tillichvom 31. Oktober 1951, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11497.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11497.html |titel=Brief von Jacob Taubes an Paul Tillichvom 31. Oktober 1951 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=31.10.1951 |abruf=???? }}
L11497.pdf