Der editierte Text

|
March 1949

Zwischen zwei Vortrags-Fahrten

Lieber Freunde:

Dies ist weder ein Rundbrief noch ein persoenlicher Brief sondern nur eine Mitteilung ueber mein Ergehen und eine Begruendung warum selbst kuerzestes Schreiben unmoeglich ist. Durch das Zusammentreffen vieler Umstaende habe ich in diesem Semester (1. Februar bis Anfang Mai) jede Woche 14-16 Std. Vorlesungen, darunter 3 Seminare und eine Vorlesung, die Vorbereitung verlangen. Ferner habe ich in dem gleichen Semester etwa ein Dutzend auswaertiger Vortraege, die vorbereitet werden muessen und lange Eisenbahnfahrten beanspruchen. Gleichzeitig musste und muss ich mehrere Artikel schreiben und Predigten vorbereiten. Das Ganze geht ueber alles hinaus was ich je, selbst in diesem Sommer in Deutschland (Details anzeigen), erlebt habe, und es geht weit ueber meine Kraefte. Alle menschliche Dinge muessen voellig zuruecktreten – nicht nur drueben, sondern auch fuer hier. Wie ich durchkommen soll, weiss ich heute noch nicht. Ich werde, wenn ich es durchhalte und im Mai frei bin, wieder an Euch schreiben.

Ich bin fuer jeden Brief unendlich dankbar. Es bringt mich zurueck in die grossen drei Monate des vorigen Sommers.

Wir machen uns hier viel Sorgen ueber die politische Entwicklung in Deutschland (Details anzeigen). Manchmal sieht es so aus als ob sich wenig oder gar nichts in der Grundhaltung geaendert haette. Die Wiederkehr aller Kraefte, die das Unheil gebracht haben, scheint unaufhaltsam zu sein. Bitte, schreibt mir darueber.

In Freundschaft und Verbundenheit,
Euer

Paul Tillich (Details anzeigen)

|

Liebste Nina (Details anzeigen)!

Am Hudson, dem deutschen Rhein, entlang sausend, denke ich an Dich und das Schwere, was Du erlebst. Eins hast Du vor mir voraus: Du kannst Dir selbst begegnen. Und ich weiss, dass Du vielen und guten Gebrauch davon machen wirst und | mehr in Dir finden als nur Dich selbst. Ich arbeite an einer Predigt über das „Sehen“, einer der schillerndsten Begriffe des N.T., besonders bei Johannes. Es gibt ein Sehen, das dem Glauben entgegengesetzt ist, und sein Sehen, dass der Glaube selbst ausübt, und ein Sehen, das den Glauben überschreitet und „Schauen“ ist. Interessant ist, dass für Paulus (Details anzeigen), das Spätmittelalter, die Reformation und die Barthianer das Hören entscheidend ist...


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aDeutschland
bDeutschland
cTillich, Paul
dBaring, Nina
ePaulus
fTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 122(57)
Typ

Brief, maschinenschriftlich und eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Nina Baringvon Dezember 1948
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Nina Baring vom 17. Juni 1949

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Rundbrief (Nina Baring) vom März 1949, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11284.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11284.html |titel=Brief von Paul Tillich an Rundbrief (Nina Baring) vom März 1949 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=03.1949 |abruf=???? }}
L11284.pdf