Der editierte Text

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Lieber Paul (Details anzeigen)!

Ich erhielt vor 3 Tagen die beiden Briefdurchschläge betr. Niemöller (Details anzeigen). Ich danke Dir herzlich für die Übersendung dieser interessanten Dokumente. Da erkennst Du die bodenlose Naivität bezw. Ignoranz dieses „Kirchenpräsidenten“. Ich finde Deine Antwort sehr gut, möchte Dir aber doch 2 Punkte zu bedenken geben. Meine Lehrer waren wohl am ehesten Ernst Troeltsch (Details anzeigen), Albert Schweitzer (Details anzeigen) und Rudolf Otto (Details anzeigen), wie wohl ich nur Schweitzer (Details anzeigen) persönlich gekannt und gehört habe. Im übrigen war ich weitgehend Autodidakt. Meine Abkünftigkeiten waren (wie bei Dir) die autonome Geisteshaltung der idealistischen Philosophie und das Urchristentum bezw. die Reformation. Von hier aus konnten Du und ich zueinanderfinden, ja, konvergieren. Daß ich von Dir sehr wichtige Anregungen und fruchtbare Anstöße empfangen habe, daraus habe ich, wie Du weißt, nie einen Hehl gemacht und Dir zuletzt das große Tillich-Kapitel in meinem Buch: „Die Religion des protestantischen Menschen (Details anzeigen)“ gewidmet. Daß ich aber in selbstständiger Entwicklung diese Anregungen aufgenommen und verarbeitet habe, das ist ebenso sicher. Deine Wege in den „Religiösen Sozialismus“ hinein bin ich nicht mitgegangen. Deine „Christologie“ ist mir immer fragwürdig gewesen, und das Problem der „Naturfrömmigkeit“ habe ich sowohl nach der phänomenologischen wie nach der systematischen Seite hin neu zu erschließen vermeint. Allein, es liegt mir nicht daran, mit Dir zu rechten zwischen Dein und Mein. Ich möchte Dich nur ernstlich und dringend bitten, hüben und drüben nicht davon zu sprechen (wie in Deinem Brief (Details anzeigen) an Niemöller (Details anzeigen)), daß ich, zumal wir gleichaltrig sind, Dein „Schüler“ sei, sondern eher und sachgemäßer von der „geistigen Freundschaft“, die uns verbindet.

Zum | Zum 2. Punkt: Du betonst in Deinem Brief an Niemöller (Details anzeigen), daß „Freies Christentum“ ein gräßlicher Name ist. Auch ich finde den Namen nicht gut, ebensowenig wie die Bezeichnung „Neuprotestantismus“. Ich selber spreche lieber von „undogmatischem Christentum,“ von „freiem Protestantismus“ oder von „gläubiger Freiheit“.

Der Name „Neu-Orthodoxie“ und „Bekennende Kirche“ oder ähnliche Wendungen sind für meinen Geschmack nicht weniger gräßlich als der von Dir getadelte. Solange Du aber (oder Niemöller (Details anzeigen)) keinen besseren Namen hast, solltest Du nicht das „freie Christentum“ als „gräßlich“ deklarieren. Das muß in einem Brief an Niemöller (Details anzeigen) herabsetzend wirken. Dies nur zur Erwägung. -
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Ich sandte gegen Jahresende einen Artikel an die Schweiz[er]„Theologische Rundschau“, die in Bern (Details anzeigen) erscheint, unter dem Titel „Zur religiösen Lage der Gegenwart. Ironie und Satire aus Deutschland (Details anzeigen)“. Er soll Ende Februar/Anfang März herauskommen. Aber er ist furchtbar in Anklage, Enthüllung und offenenem Hohn. Ich rechne damit, daß Du ihn nicht billigst; aber das Maß war zu voll, als daß ich länger hätte an mich halten können. Da die theologischen Dunkel- und Kirch[en]männer an mich nicht heran können (als Philosoph in der Philosophischen Fakultät), so wollte ich allen denen beispringen, die sich noch einen kleinen oder winzigen Rest gläubiger Freiheit bewahrt haben.

Theodor Litt (Details anzeigen) aus Bonn (Details anzeigen) war anläßlich einer Goethe-Feier 2 Tage in Hamburg (Details anzeigen) und besuchte mich 3 Stunden zum Kaffee. Er erzählte mir von ganz niederschmetternden und grotesken Erfahrungen, die er {in} Vorträgen mit jungen Theologen gemacht habe, mit solchen, die nur noch „die Befehle Gottes entgegennehmen“ und was dergleichen Absurditäten mehr sind. –

Der in Bonn (Details anzeigen) tagende parlamentarische Rat hat beschlossen, zu empfehlen, daß der Religionsunterricht in den Schulen nicht nur nach den Grundsätzen der Kirche erteilt werden, sondern auch von den Organen der Kirche beaufsichtigt werden müsse. Die Lehrerschaft aller 3 Westzonen ist darüber in größter Aufregung, daß sie unter Kuratel der Kirche gestellt werden soll, und es scheint zu einem „Kulturkampf“ zu kommen.

Na,| Na, kurz und gut, es ist wenig Erfreuliches zu berichten.

In der Hamburger Lehrerzeitung wird voraussichtlich mein Schweizer Artikel nach Erscheinen abgedruckt werden.

Laß Dir noch einmal danken für die Übersendung der so wichtigen Schreiben und sei herzlichst gegrüßt
von Deinem

Kurt (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aLeese, Kurt
bTillich, Paul
cNew York City
dTillich, Paul
eNiemöller, Martin
fTroeltsch, Ernst
gSchweitzer, Albert
hOtto, Rudolf
iSchweitzer, Albert
j
kBrief von Paul Tillich an Martin Niemöller vom 10. Januar 1949
lNiemöller, Martin
mNiemöller, Martin
nNiemöller, Martin
oNiemöller, Martin
pBern
qDeutschland
rLitt, Theodor
sBonn
tHamburg
uBonn
vLeese, Kurt

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Kurt Leesevon Dezember 1948

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Kurt Leese an Paul Tillich vom 18. Janur 1949, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11280.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11280.html |titel=Brief von Kurt Leese an Paul Tillich vom 18. Janur 1949 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=18.01.1949 |abruf=???? }}
L11280.pdf
erwähnte Briefe