Der editierte Text

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18. Januar, 1949

Herrn Prof. Dr. Paul Tillich (Details anzeigen),
New York (Details anzeigen).

Lieber, verehrter Herr Professor (Details anzeigen):

Mary (Details anzeigen) sagte mir, Sie wünschten den Brief der Hilde Merrem (Details anzeigen) nochmals zu lesen; ich füge ihn hier bei . Damit Sie ihn ganz verstehen können, schließe ich auch die Kopie meines Briefes an die Hilde (Details anzeigen) bei , beides gegen Rückgabe.

Hilde (Details anzeigen)'s Brief ist ein Versuch, ihre vergangene und gegenwärtige politische Haltung zu rechtfertigen, vor mir, aber vor allem auch vor sich selbst. Sie gehört jedenfalls zu jenen Deutschen, die unter dem Zusammenbruch als solchem seelisch schwer leiden und innerlich nicht verzichten können. Ich glaube, dass ein grosser Teil ihrer Generation in derselben Verfassung ist und dass erst eine neue Generation anders denken und fühlen wird – soferne man es verstehen wird, diesem neuen Denken und Fühlen die nötige seelische und materielle Grundlage zu geben.

Interessiert Sie der „Tatsachenbericht“, von der die Hilde (Details anzeigen), der ein „klares und unmissverständliches Bild des heutigen Deutschland (Details anzeigen)“ vermittelt?

Mit meinen herzlichsten Grüssen für Sie und alle Ihre Lieben
Ihr ergebener

Jacker (Details anzeigen)


2 Anlagen
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18. Januar, 1949

Lieber, verehrter Herr Professor (Details anzeigen):

diese Zeilen schreibe ich separat, sie sind ganz vertraulichen Charakters, also nur für Sie bestimmt. Mary (Details anzeigen) erzählte mir von Ihrer Bemerkung, bei ihrer Mutter müsse unter einer ruhigen Oberfläche grosse Leidenschaftlichkeit geherrscht haben, sonst wäre nicht passiert, was alles geschehen ist. – Als mir Mary (Details anzeigen) dies erzählte, sah sie mich forschend an; ich erwiderte, ich wüsste nicht, was Sie damit meinen. Ich bin aber über Ihre Bemerkung sehr erschrocken, und da bei dem lebhaften Interesse, das sie daran nimmt, Mary (Details anzeigen)'s Forschung vermutlich bei Ihnen weitergeht, muss ich Sie auf eine grosse Gefahr aufmerksam machen:

Bisher wusste Mary (Details anzeigen) nur, dass Iihre Mutter einer Herzattacke erlegen ist. Nun hat sie, nach diesem plötzlichen Verlust der Mutter, eine fast ununterbrochene Reihe| von Schrecken |:bis in die jüngste Zeit:| erfahren, deren Resultat, m. E., ein labiler Nervenzustand ist. Es ist bei ihr der Eindruck entstanden, dass alles flüchtig ist, nichts Bestand hat, wie ja das Leben selbst auch nicht. Das ist begreiflich, wenn man ihren Lebensfilm aufrollt: Ein Jahr nach der Mutter starb die Grossmutter, die sie betreute, nach einem weitern Jahr, mit 5. musste sie das schöne Heim, Garten, etc. plötzlich verlassen, für immer, und sah mich 5 Jahre lang einmal im Jahr. Dann, 1938, wurde sie, unter dem Vorwand eines Osterurlaubes, per Flugzeug nach Paris (Details anzeigen) gebracht, fand sich aber 48 Stunden |:später:| bei einer fremden Familie und erfuhr den ersten schweren Schreck, als ich ihr sagen musste, dass sie nicht zurückkehren könne, der jahrelang nachwirkte, denn die seelischen Bindungen waren schon stärker geworden. Dann aber begann erst recht die Bewegung. 1939 Flucht aus Paris (Details anzeigen), und, kaum in Annecy (Details anzeigen) angekommen, meine erste Verhaftung. Übrigens, auch in| der zweiten Hälfte 1938 sah sie mich nicht, da ich in Amerika (Details anzeigen) war. Dann kamen etwa 1 1/2 Jahre der immer erneuten Trennung, wo, u.a., sie einmal ins deutsch-besetzte Gebiet geraten war und ich im Begriffe, nach der Sahara (Details anzeigen) deportiert zu werden. Die Wiedervereinigung war ein Wunder. Dann kam der Einbruch der Deutschen in Südfrankreich, unsere immermehr gefährdete Lage, schliesslich unser Beider Flucht in die Schweiz (Details anzeigen) Ende 1942, unter höchst gefährlichen Umständen. Dann 1 1/2 Jahre Trennung, schliesslich Vereinigung, die aber von Anfang an den Stempel des Provisoriums trug. Die Unterstützung wurde mehreremale gestoppt, während die Behörde auf Ausreise drängte. Das hat Mary (Details anzeigen) bereits sehr bewusst miterlebt.

Und hier, bald nach unserer Ankunft, die Erkenntnis, dass ich keinen Erwerb finden kann und sie, die Anfängerin, für uns Beide werde sorgen müssen.|

Wir fanden aber viel Freundschaft, und ihre Vorstellung, dass „alles fliesst“, hätte sich vielleicht beruhigt, wenn nicht ein Schreck auf seelischem Gebiete dazu gekommen wäre, der geeignet ist, jene Vorstellung zu verstärken: In Grenoble (Details anzeigen) gehörte zur Ortsgruppe der protestantischen Flüchtlinge, die ich leitete, eine Familie, mit der wir viel verkehrten. Ein Zwillingspaar war da, nur 4 Jahre älter als Mary (Details anzeigen), prächtige Jungens, von dem der eine viel Sympathie für Mary (Details anzeigen) zeigte, und umgekehrt vielleicht noch mehr, bei ihr aber unbewusster und darum tiefer. Man blieb in Kontakt. Dieser Junge studierte Theologie in Montpellier (Details anzeigen) und erhielt dort die Weihen. Beide Jungens waren im Untergrund tätig und später in der Armee. Als wir auf der Herreise in Grenoble (Details anzeigen) Halt machten, begrüsste die Mutter Mary (Details anzeigen) mit einer Zärtlichkeit, die ihr das Herz sehr warm machte.| Und Anfangs 1948 kamen Mutter und Sohn hier an! Er zum Studium am Union Theological Seminary, es wurde aber Princeton (Details anzeigen) daraus. Er kam regelmässig herein und rief auch bald an, um uns zu seiner Tante einzuladen. Dieser Besuch verlief aber recht unglücklich. Als die Tante bemerkte, dass zwischen den jungen Leuten ein Kontakt besteht, war sie offensichtlich entsetzt und begann sofort, dagegen zu agitieren. Später besuchte uns zwar die Mutter, aber offenbar mit der Absicht einer Inspektion unserer Lage, die natürlich ungünstig ausfiel. Der künftige Professor der Theologie wird kein mittelloses Mädchen heiraten, die auch noch für ihren Vater sorgen muss. Es erfolgte keine Einladung mehr, und es war auch für mich eine schwere Enttäuschung, | dass der junge Pfarrer sich das von seiner Familie ausreden liess. Man traf sich zuletzt zufällig bei Ihrem Vortrag über Deutschland (Details anzeigen)...

Für Mary (Details anzeigen) war dieses ganze Erleben ein so innerliches, blütenhaftes, dass die Erkenntnis, dass es von Zauberhand zerstört wurde, ein unendlicher, wahrscheinlich der schwerste Schreck war – auch dieser wieder eine Stärkung der Auffassung, dass nichts beständig ist. Sie hat sich davon keineswegs erholt, ich sehe sie traurig werden, wenn irgendeine Erwähnung erfolgt, selbst wenn nur sein Vorname genannt wird, auch wenn er einer andern Person gehört.–

Ich glaube, für Ihr Verstehen ist jedes weitere Wort überflüssig. Ich versuche, alle Erschütterungen von ihr fernzuhalten, für | Aufheiterung zu sorgen, denn es ist in ihr unverkennbar ein pessimistischer Zug. Eines Tages könnte sie finden, dass das Leben nicht lebenswert ist, ihre tief religiöse Natur könnte zum Verzicht auf das Diesseits gelangen...

Ich bin überzeugt, dass ich mit Ihrer freundschaftlichen Hilfe und Ihrer völligen Diskretion rechnen kann.

Mit herzlichem Gruss
Ihr

Jacker (Details anzeigen)


Bitte, mir darüber nicht zu schreiben!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Paul
bNew York City
cTillich, Paul
dJacker, Maria
eMerrem, Hilde
fMerrem, Hilde
gMerrem, Hilde
hMerrem, Hilde
iDeutschland
jJacker, John Arthur
kTillich, Paul
lJacker, Maria
mJacker, Maria
nJacker, Maria
oJacker, Maria
pParis
qParis
rAnnecy
sVereinigte Staaten von Amerika
tSahara
uSchweiz
vJacker, Maria
wGrenoble
xJacker, Maria
yJacker, Maria
zMontpellier
aaGrenoble
abJacker, Maria
acPrinceton
adDeutschland
aeJacker, Maria
afJacker, John Arthur

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 155(3)
Typ

Brief, maschinenschriftlich und eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von John Arthur Jacker an Paul Tillich vom 20. Oktober 1948

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von John Arthur Jacker an Paul Tillich vom 18. Januar 1949, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11279.html, Zugriff am ????.

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