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      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>Brief von John Arthur Jacker an Paul Tillich vom 18. Januar 1949</title>
            <author ref="#tillich_person_id__963">John Arthur Jacker</author>
            <respStmt>
               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
               <address>
                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
                  <postCode>1010</postCode>
                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
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            <msDesc type="typescript">
               <msIdentifier>
                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno>bMS 155(3)</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich und eigenhändig</p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <encodingDesc>
         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
      </encodingDesc>
      <profileDesc>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__963">John Arthur Jacker</persName>
               <date when="1949-01-18">18.01.1948</date>
            </correspAction>
            <correspAction type="received">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
            </correspAction>
         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__963">Korrespondenz mit John Arthur Jacker</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__963" target="L11252.xml">Brief von John Arthur Jacker an Paul Tillich vom 20. Oktober 1948</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L11278.xml">Brief von Karl Bernhard Ritter (unklar) an Paul Tillich vom 17. Januar 1949</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L11280.xml">Brief von Kurt Leese an Paul Tillich vom 18. Janur 1949</ref></correspContext></correspDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">Deutsch</language>
         </langUsage>
      <creation><date type="sort" when="1949-01-18"/></creation></profileDesc>
      <revisionDesc status="approved">
         <change who="MI" when="2026-06-16">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
      </revisionDesc>
   </teiHeader>
   <text type="letter">   
      <body>
         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><dateline><date when="1949-01-18">18. Januar, 1949</date></dateline><lb/><rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Herrn Prof. Dr. Paul
                  Tillich</rs>,<lb/><rs ref="#tillich_place_id__319" type="place">New York</rs>.
                  <salute>Lieber, verehrter <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Herr
                     Professor</rs>:</salute>
            </opener>
            <p><rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs>
            sagte mir, Sie wünschten den Brief der <rs ref="#tillich_person_id__5443" type="person">Hilde Merrem</rs>
            nochmals zu lesen; ich füge ihn hier bei <!-- scheint nicht vorzuliegen -->. Damit Sie ihn
            ganz verstehen können, schließe ich auch die Kopie meines Briefes an die <rs ref="#tillich_person_id__5443" type="person">Hilde</rs>
            bei <!-- liegt ebenfalls nicht vor -->, beides gegen Rückgabe.</p>
            <p><rs ref="#tillich_person_id__5443" type="person">Hilde</rs>'s Brief ist ein
               Versuch, ihre vergangene und gegenwärtige politische Haltung zu rechtfertigen, vor
               mir, aber vor allem auch vor sich selbst. Sie gehört jedenfalls zu jenen Deutschen,
               die unter dem Zusammenbruch als solchem seelisch schwer leiden und innerlich nicht
               verzichten können. Ich glaube, dass ein grosser Teil ihrer Generation in derselben
               Verfassung ist und dass erst eine neue Generation anders denken und fühlen wird –
               soferne man es verstehen wird, diesem neuen Denken und Fühlen die nötige seelische
               und materielle Grundlage zu geben.</p>
            <p>Interessiert Sie der <q>Tatsachenbericht</q>, von der die <rs ref="#tillich_person_id__5443" type="person">Hilde</rs>, der ein <q>klares und
                  unmissverständliches Bild des heutigen <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs></q> vermittelt?</p>
            <closer>
               <salute>Mit meinen herzlichsten Grüssen für Sie und alle Ihre Lieben<lb/>Ihr ergebener</salute>
               <signed><rs ref="#tillich_person_id__963" type="person"><hi rend="hand">Jacker</hi></rs></signed><lb/>2 Anlagen
            </closer>
         </div>
         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><dateline><date when="1949-01-18">18. Januar, 1949</date></dateline>
               <salute>Lieber, verehrter <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Herr
                  Professor</rs>:</salute>
            </opener>
            <p>diese Zeilen schreibe ich separat, sie sind ganz vertraulichen Charakters, also <hi rend="underline">nur für Sie bestimmt.</hi>
               <rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs> erzählte mir von Ihrer
               Bemerkung, bei ihrer Mutter müsse unter einer ruhigen Oberfläche grosse
               Leidenschaftlichkeit geherrscht haben, sonst wäre nicht passiert, was alles geschehen
               ist. – Als mir <rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs> dies
               erzählte, sah sie mich forschend an; ich erwiderte, ich wüsste nicht, was Sie damit
               meinen. Ich bin aber über Ihre Bemerkung sehr erschrocken, und da bei dem lebhaften
               Interesse, das sie daran nimmt, <rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs>'s Forschung vermutlich bei Ihnen weitergeht, muss ich Sie auf eine
               grosse Gefahr aufmerksam machen:</p>
            <p>Bisher wusste <rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs> nur, dass
                  <del rend="s">I</del>ihre Mutter einer Herzattacke erlegen ist. Nun hat sie, nach
               diesem plötzlichen Verlust der Mutter, eine fast ununterbrochene Reihe<pb n="2"/> von
               Schrecken <add place="above">bis in die jüngste Zeit</add> erfahren, deren Resultat,
               m. E., ein labiler Nervenzustand ist. Es ist bei ihr der Eindruck entstanden, dass
               alles flüchtig ist, nichts Bestand hat, wie ja das Leben selbst auch nicht. Das ist
               begreiflich, wenn man ihren Lebensfilm aufrollt: Ein Jahr nach der Mutter starb die
               Grossmutter, die sie betreute, nach einem weitern Jahr, mit 5. musste sie das schöne
               Heim, Garten, etc. plötzlich verlassen, für immer, und sah mich 5 Jahre lang einmal
               im Jahr. Dann, 1938, wurde sie, unter dem Vorwand eines Osterurlaubes, per Flugzeug
               nach <rs ref="#tillich_place_id__343" type="place">Paris</rs> gebracht, fand sich
               aber 48 Stunden <add place="above">später</add> bei einer fremden Familie und erfuhr
               den ersten schweren Schreck, als ich ihr sagen musste, dass sie nicht zurückkehren
               könne, der jahrelang nachwirkte, denn die seelischen Bindungen waren schon stärker
               geworden. Dann aber begann erst recht die Bewegung. 1939 Flucht aus <rs ref="#tillich_place_id__343" type="place">Paris</rs>, und, kaum in <rs ref="#tillich_place_id__1315" type="place">Annecy</rs> angekommen, meine erste
               Verhaftung. Übrigens, auch in<pb n="3"/> der zweiten Hälfte 1938 sah sie mich nicht,
               da ich in <rs ref="#tillich_place_id__684" type="place">Amerika</rs> war. Dann kamen
               etwa 1 1/2 Jahre der immer erneuten Trennung, wo, u.a., sie einmal ins
               deutsch-besetzte Gebiet geraten war und ich im Begriffe, nach der <rs ref="#tillich_place_id__1787" type="place">Sahara</rs> deportiert zu werden. Die
               Wiedervereinigung war ein Wunder. Dann kam der Einbruch der Deutschen in
               Südfrankreich, unsere immermehr gefährdete Lage, schliesslich unser Beider Flucht in
               die <rs ref="#tillich_place_id__397" type="place">Schweiz</rs> Ende 1942, unter
               höchst gefährlichen Umständen. Dann 1 1/2 Jahre Trennung, schliesslich Vereinigung,
               die aber von Anfang an den Stempel des Provisoriums trug. Die Unterstützung wurde
               mehreremale gestoppt, während die Behörde auf Ausreise drängte. Das hat <rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs> bereits sehr bewusst
               miterlebt.</p>
            <p>Und hier, bald nach unserer Ankunft, die Erkenntnis, dass ich keinen Erwerb finden kann
            und sie, die Anfängerin, für uns Beide werde sorgen müssen.<pb n="4"/></p>
            <p>Wir fanden aber viel Freundschaft, und ihre Vorstellung, dass <q>alles fliesst</q>,
               hätte sich vielleicht beruhigt, wenn nicht ein Schreck auf seelischem Gebiete dazu
               gekommen wäre, der geeignet ist, jene Vorstellung zu verstärken: In <rs ref="#tillich_place_id__1788" type="place">Grenoble</rs> gehörte zur Ortsgruppe
               der protestantischen Flüchtlinge, die ich leitete, eine Familie, mit der wir viel
               verkehrten. Ein Zwillingspaar war da, nur 4 Jahre älter als <rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs>, prächtige Jungens, von dem
               der eine viel Sympathie für <rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs> zeigte, und umgekehrt vielleicht noch mehr, bei ihr aber unbewusster
               und darum tiefer. Man blieb in Kontakt. Dieser Junge studierte Theologie in <rs ref="#tillich_place_id__1789" type="place">Montpellier</rs> und erhielt dort die
               Weihen. Beide Jungens waren im Untergrund tätig und später in der Armee. Als wir auf
               der Herreise in <rs ref="#tillich_place_id__1788" type="place">Grenoble</rs> Halt
               machten, begrüsste die Mutter <rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs> mit einer Zärtlichkeit, die ihr das Herz sehr warm machte.<pb n="5"/>
               Und Anfangs 1948 kamen Mutter und Sohn hier an! Er zum Studium am Union Theological
               Seminary, es wurde aber <rs ref="#tillich_place_id__630" type="place">Princeton</rs>
               daraus. Er kam regelmässig herein und rief auch bald an, um uns zu seiner Tante
               einzuladen. Dieser Besuch verlief aber recht unglücklich. Als die Tante bemerkte,
               dass zwischen den jungen Leuten ein Kontakt besteht, war sie offensichtlich entsetzt
               und begann sofort, dagegen zu agitieren. Später besuchte uns zwar die Mutter, aber
               offenbar mit der Absicht einer Inspektion unserer Lage, die natürlich ungünstig
               ausfiel. Der künftige Professor der Theologie wird kein mittelloses Mädchen heiraten,
               die auch noch für ihren Vater sorgen muss. Es erfolgte keine Einladung mehr, und es
               war auch für mich eine schwere Enttäuschung, <pb n="6"/> dass der junge Pfarrer sich
               das von seiner Familie ausreden liess. Man traf sich zuletzt zufällig bei Ihrem
               Vortrag über <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs>...</p>
            <p>Für <rs ref="#tillich_person_id__2690" type="person">Mary</rs> war dieses ganze
               Erleben ein so innerliches, blütenhaftes, dass die Erkenntnis, dass es von Zauberhand
               zerstört wurde, ein unendlicher, wahrscheinlich der schwerste Schreck war – auch
               dieser wieder eine Stärkung der Auffassung, dass nichts beständig ist. Sie hat sich
               davon keineswegs erholt, ich sehe sie traurig werden, wenn irgendeine Erwähnung
               erfolgt, selbst wenn nur sein Vorname genannt wird, auch wenn er einer andern Person
               gehört.– </p>
            <p>Ich glaube, für Ihr Verstehen ist jedes weitere Wort überflüssig. Ich versuche, alle 
            Erschütterungen von ihr fernzuhalten, für <pb n="7"/>Aufheiterung zu sorgen, denn es ist
            in ihr unverkennbar ein pessimistischer Zug. Eines Tages könnte sie finden, dass das
            Leben nicht lebenswert ist, ihre tief religiöse Natur könnte zum Verzicht auf das Diesseits
            gelangen...</p>
            <p>Ich bin überzeugt, dass ich mit Ihrer freundschaftlichen Hilfe und Ihrer
            völligen Diskretion rechnen kann.</p>
            <closer>
               <salute>Mit herzlichem Gruss<lb/>Ihr</salute>
               <signed><rs ref="#tillich_person_id__963" type="person"><hi rend="hand">Jacker</hi></rs></signed><lb/>
            </closer>
            <postscript><p>Bitte, mir darüber nicht zu <hi rend="hand">schreiben</hi>!</p></postscript>
         </div>
      </body>
   <back><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__2690">
                  <persName>Jacker, Maria</persName>
                  <birth>
                     <date>1927-11-04</date>
                  </birth>
                  <note type="bio">
                     <p>Sie war die Tochter von Arthur und Annie Jacker.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__963">
                  <persName>Jacker, John Arthur</persName>
                  <birth>
                     <date>1875-07-19</date>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1963-07-06</date>
                  </death>
                  <occupation>Fleischfabrikant</occupation>
                  <note type="bio">
                     <p>Geboren in Prag (Tschechoslowakei), Heirat mit Annie Jacker im Jahr 1915 in Wien. Von 1914 bis 1933 Lebensmittelpunkt in Berlin, wo J. Fleischverpackungsbetrieben vorstand, bevor er am 1. April 1933 seinen Beruf aufgeben musste. Exil in Paris und Grenoble bis 1942, danach in der Schweiz und schließlich in New York.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__5443">
                  <persName>Merrem, Hilde</persName>
               </person>
               </listPerson><listPlace><place xml:id="tillich_place_id__1787">
                  <placeName>Sahara</placeName>
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                     <geo>26.00000 13.00000</geo>
                  </location>
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                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q6583</idno>
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