Brief von Karl Bernhard Ritter (unklar) an Paul Tillich vom 17. Januar 1949

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Der editierte Text

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17. Januar 1949

Herrn Professor Paul Tillich (Details anzeigen)
99 Clarement-Ave
New York 27 /N.Y. U.S.A. (Details anzeigen)

Lieber Paul Tillich (Details anzeigen)!

Eben wollte ich den anliegenden Brief absenden, da kommt Dein sehr lieber Neujahrsgruß mit seiner Beilage1. Hab sehr herzlichen Dank für diesen Schreiben, das mir noch einmal unser Treffen im Sommer auf das lebhafteste vor die Seele stellt. Es ist mir eine wirkliche Freude, das sagen zu dürfen, wie gerne meine Frau (Details anzeigen) und ich an diese Begegnung zurück denken. Eine sehr tröstliche Tatsache, daß solche Gemeinschaft über solche Zeiträume und Ereignisse hinweg unangetastet bestehen bleiben kann. Wenn Du schreibst, daß Dir diese Reise nach Deutschland (Details anzeigen) eine schwere, unübersehbare Fülle von Verpflichtungen aller möglichen Art auferlegt hat, so verstehe ich das nur zu gut. Ich glaube, niemand der mit Deutschland (Details anzeigen) heute in irgend einer Weise verbunden ist kann das sein, ohne immer wieder einmal geradezu erdrückt zu werden von der Größe seiner Verantwortung und der Fülle der unablässigen Sorgen, die auf ihn einstürmen. Jedenfalls geht es mir so. Und ich versuche dann immer wieder, mich an der Frische und unangefochtenen Art, an dem zuversichtlichen Lebensmut meiner Kinder aufzurichten. Zwar lernt man es als Christenmensch in diesen Zeiten, noch in anderen Räumen beheimatet zu sein und als Bürger der himmlischen Welt in einem Jenseits sich aufgehoben zu wissen, einem Jenseits von alle dem, was vergeht. Und man lernt das Gebet der alten Kirche mitbeten „Es vergehe die Welt und es komme das Reich“. Aber dadurch ist doch die Spannung keineswegs aufgehoben, mit der man zugleich alledem zugewandt ist was hier unten geschieht, und wenn man darauf in seinem Gemüt und Willen auch nur durch den täglichen Besuch eines Enkelsöhnchens gestoßen würde, so wäre das Anstoß genug.

Was mir im Augenblick besonders zu schaffen macht, ist eine schon seit Wochen andauernde, immer noch wachsende rein körperliche Müdigkeit. Ich beobachte dieselbe Erscheinung bei sehr vielen Menschen meiner Umgebung. Es ist so, als ob nach so langen Jahren der ständigen Überforderung aller körperlichen Kräfte ein sehr starkes Versagenm ein Rückschlag einträte. Mir ist das persönlich ziemlich arg, weil sich die literarischen Pläne sehr drängen. Ich komme in die Jahre, wo man das Feld der geistlichen Erfahrungen ernten möchte und plötzlich eine ganze Fülle von durch Jahre hindurch gehender Arbeit zum Abschluss drängt. Eine große Hilfe und Entlastung bedeutet es da für mich, daß die gute Claudia Bader (Details anzeigen) meinen gesamten Jugendunterricht übernommen hat und mich dadurch wesentlich entlastet.

Einen wichtigen Ausschnitt aus meiner Arbeit bedeutet die Teilnahme an den liturgischen Gesamtkonferenzen des deutschen Luthertums, in denen wir jetzt ziemlich schnell voran kommen in der Erarbeitung gemeinsamer gültiger gottesdienstlicher Formen für die lutherischen Gemeinden Deutschland (Details anzeigen)s. Nachdem das Einheitsgesangbuch so gut wie fertig ist und seine Annahme durch die Landessynoden in sicherer Aussicht steht, wäre dies ein nächster wichtiger Schritt. Meine große Sorge dabei ist nur, daß die Neigung vieler dieser Liturgiker allzugroß ist, einfach auf die Vergangenheit zurück zu greifen und sich dem Wahn hin zu geben, eine Frage sei entschieden, wenn festgestellt ist, zu welchen Entscheidungen man im 16. Jahrhundert [o]der noch früher | gekommen ist. Es ist so bequem, dem sachlichen und produktiven Ri[n]gen auszuweichen und sich auf die Autorität der Vergangenheit zu berufen. Dabei hat der deutsche Theologe ja die eigentümliche Fähigkeit, rein zufällige Ergebnisse einer oft genug sehr verworrenen Geschichte mit dem Glanz grundsätzlicher Bedeutung auszustatten und sogar aus dem Nichtvorhandensein eines Prinzips ein Prinzip abzuleiten. Aber das sind ja Erscheinungen auf einem Teilgebiet theologischer Arbeit, die sich auch sonst allzu bemerkbar machen. Irgendwie empfinde ich dabei, daß es sich da um eine Fluchthaltung handelt, ein Mangel an Selbstvertrauen, oder richtiger gesagt, ein Mangel an Glauben daran, daß der hl.Geist sich nicht zu irgend einem Zeitpunkt der Kirchengeschichte endgültig zur Ruhe gesetzt hat, sondern auch uns nich die Möglichkeit gibt zu echter legitimer Gestaltung. Herrlich, wenn man dann erlebt z.B. in unserer Bruderschaft, daß irgend ein Laienbruder dieser ganzen theologischen Eingleisigkeit tapfer widerspricht und die Theologen zwingt, auf f sehr quer einschlagende Fragestellungen einzugehen.

Zum Schluß noch ein paar Andeutungen, mit denen mein Sohn Jürgen (Details anzeigen) jetzt aus den Wirtschaftskreisen des Rheinlandes zurück kam. Es wird da erzählt, daß wir demnächst an Luxemburg (Details anzeigen) und Holland (Details anzeigen) Gebietsteile abtreten müssten, bei denen es sich im Falle Luxemburg (Details anzeigen) um die Braunkohlengruben des Aachener Gebiets, bei Holland (Details anzeigen) um neu entdeckte Ölfelder handle. Das schlimmste aber wäre daß man die in diesen Gebieten wohnenden Menschen nach Restdeutschland evakuieren wille. Das hieße also, daß man die unheilvolle Politik der Vertreibung von Menschen ganzer Länderstriche aus ihrer Heimat, ihre Entwurzelung, fortzusetzen beabsichtige, und wenn es sich dabei auch nur um Zehntausende und nicht um Millionen handeln sollte! Aber die prinzipielle Bedeutung diese Verfahrens ist so schauerlich negativ! Hoffentlich! Hoffentlich bewahrheitet sich dieses Gerüchte nicht, sie wirken natürlich ebenfalls in der von mir angedeuteten Richtung.

Mit sehr herzlichen Grüßen

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17. Januar 1949

Herrn Professor Dr. Paul T i l l i c h (Details anzeigen)

New York (Details anzeigen)
Union Theological Seminary

Lieber Paul Tillich (Details anzeigen)!

Die gute Claudia B a d e r (Details anzeigen) meint, es läge Dir an Zuschriften aus unserem Lande, die Dich z.B. über die Empfindungen belehren, mit denen wir auf die Weisheit der alliierten Herrscher reagieren. Ihrer Ermahnung folgend möchte ich heute ein Wort zu dem geradezu niederschmetternden Eindruck sagen, den das Ruhrstatut auf alle nachdenklichen Menschen gemacht hat. Seit vielen Monaten ist bei uns die Hoffnung genährt worden, daß es bei der endgültigen Ordnung der Ruhrwirtschaft zu einem ersten Schritt in der Richtung der Europaidee kommen würde, also einer Eingliederung dieses für Deutschland (Details anzeigen) schlechthin entscheidenden Gebiets von dem die gesamte übrige deutsche Wirtschaft abhängt in eine irgendwie europäisch gedachte umfassende Konstruktion. Wir Deutsche haben uns innerlich bereit gefunden, die Souveränität über diesen wichtigsten Teil unserer Wirtschaft im Interesse der europäischen Zusammenarbeit ganz und gar anzustreben. Wir haben versucht, trotz aller Enttäuschungen, die unser 1945 so großes Vertrauen inzwischen erlitten hat, diesesmal den immer wiederholten Versicherungen zu glauben, daß diesesmal die Europa-Idee nicht nur ein Tarnungsmanöver zur Durchsetzung partikularer Interessen sein würde, daß es viel mehr um eine echte Föderation ginge, der zunächst auf dem wirtschaftlichen Gebiet der Boden bereitet werden sollte. Die Ruhrfrage wurde so in unseren Augen zu einem ersten Prüfstein für die Wirksamkeit der Europa-Idee, das heißt also, einer Vereinigung Westeuropas ohne Vorherrschaft und ohne privilegierte Interessen einzelner Nationen.

Die Art und Weise, wie sich nunmehr die Franzosen haben durchsetzen können (und offensichtlich auch erhebliche englische Interessenten-Haufen) ist nichts anderes, als der Grabstein über allen diesen Hoffnungen, ist der ärgste Rückschlag, den die Europa-Idee erleiden konnte. Alle, die guten Willens und guter Hoffnung waren, stehen jetzt als die dummen Toren da und müssen sich sagen lassen, daß sie wieder einmal auf leere Worte herein gefallen sind. Man fragt sich dabei uns, wodurch sich eigentlich diese Art von schlecht getarnter Interessenten- und Machtpolitik von Hitler (Details anzeigen)s Europa-Idee unterscheidet. Denn an Stelle irgend einer Partnerschaft wird in diesem Ruhrstatut Westdeutschland (Details anzeigen) eine Rolle zugewiesen, die gleichbedeutend ist mit völliger Ohnmacht. Die Festsetzungen über die Beschlußfassung des vorgesehenen Rats sind raffiniert so getroffen, daß die drei Stimmen der deutschen Vertreter für alle Beschlußfassungen unerheblich sind, sie kommen gar nicht in Betracht. Wenn also Frankreich (Details anzeigen) und England (Details anzeigen) die Ruhrwirtschaft in den Grenzen halten wollen, die ihnen aus Konkurrenzgründen erwünscht erscheinen, so muß Deutschland (Details anzeigen) dem zusehen, ohne sich auch nur wehren zu können. Man hält uns auch jetzt wieder vor, was wir eigentlich wollten, man schiene in Deutschland (Details anzeigen) bereits wieder nationalistischen Regungen zu verfallen, man vergesse bei uns, daß es zu einem europäischen Aufbau nur schrittweise kommen könne und was dergleichen Redensarten mehr sind, die angesichts| der tatsächlichen Politik nur verbitternd wirken können. In einer ausgesprochen christlichen Zeitschrift las ich den Satz, der Ruhrstatut laufe praktisch doch auf etwas ähnliches hinaus, wie die Errichtung der Oder-Neuße-Linie. Damals wurde der Osten amputiert, heute der Westen, „Es ist offenbar ein Fehler von uns gewesen, zu denken, daß in der Zwischenzeit das allgemeine und gegenseitige Verständnis unter den Menschen spürbare Fortschritte gemacht habe.“ Im Lichte dieses Faktums der nunmehr offenkundigen Gestaltung des Ruhrstatuts gerät nunmehr auch die Demontage-Politik, die viel Umstrittene, aufs neue in eine sehr grelle Beleuchtung. Wenn man hört, daß gerade im Ruhrgebiet (Details anzeigen) bestimmte Teile von allerwichtigsten Werken abmontiert werden, und daß es sich bei diesen Werken ausgerechtnet um solche handelt, die in England (Details anzeigen) nun aufgebaut worden sind, so wirkt das bei uns lähmend. Gleichzeitig mit diesen Nachrichten über die Zerstörung des Ruhrpotentials für Eisen- und Stahlerzeugnisse gehen aber Mitteilungen durch die Wirtschaftspresse, daß die Stahlproduktion der westlichen Welt durchaus hinter der Erfordernissen zurück bleibt. Mit wirtschaftlicher Vernunft hat also diese Wirtschaftspolitik der Alliierten offenbar gar nichts zu tun.

Ich empfinde es als eine sehr unheimliche Sache, wie auf diese Weise eine innere Zersetzung und Auflösung des guten Willens, des Vertrauens, der Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Westen vorbereitet wird, die eines teils einen labilen Seelenzustand {sc}affen wird, der dann einer entsprechenden Propaganda für den Osten trotz allem offen steht. Wir haben ja genau diese Entwicklung schon einmal durchgemacht. Ich entsinne mich snbon sehr genau, wie verzweifelt Brüning (Details anzeigen) und Treviranus (Details anzeigen) darüber waren, daß der Westen sich zu keiner echten hilfreichen Politik aufraffen konnte und tatenlos dem Aufkommen des Nationalsozialismus zusah. Wie billig wäre damals der Preis gewesen, den man hätte zahlen müssen, um diesem Vabanquespiel von vorne herein jede Erfolgsmöglichkeit abzuschneiden. Warum begeht man heute mit solcher Konsequenz die gleichen Fehler?

Mit herzlichem Gruß
Dein

Ritter (Details anzeigen)



Fußnoten, Anmerkungen

1liegt nicht vor.

Register

aTillich, Paul
bNew York City
cTillich, Paul
dRitter, Margarete
eDeutschland
fDeutschland
gBader, Claudia
hDeutschland
iRitter, Jürgen
jLuxemburg
kHolland
lLuxemburg
mHolland
nTillich, Paul
oNew York City
pTillich, Paul
qBader, Claudia
rDeutschland
sHitler, Adolf
tWestdeutschland
uFrankreich
vEngland
wDeutschland
xDeutschland
yRuhrgebiet
zEngland
aaBrüning, Heinrich
abTreviranus, Gottfried
acRitter, Karl Bernhard

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
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Brief von Karl Bernhard Ritter an Paul Tillichvom 24. Juni 1948
nächster Brief in der Korrespondenz
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Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Karl Bernhard Ritter (unklar) an Paul Tillich vom 17. Januar 1949, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11278.html, Zugriff am ????.

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