Der editierte Text

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24. Juni 1948.

Lieber Paul Tillich (Details anzeigen)!

Wenn Du Lust hast und Dich ohne Überforderung an Deine Kraft und Zeit dazu frei machen kannst, wäre es wunderschön, wenn wir Dich noch einmal zu einem Abschiedabend bei uns haben könnten. Rufe mich doch bitte an, damit wir eine Verabredung treffen können. Ich bin voraussichtlich vom 1. August ab für 14 Tage im Ordenshaus Assenheim (Details anzeigen) zur Leitung von Geistlichen Wochen,1 in den Tagen vorher könnte ich mich nach Deinen Wünschen richten. Besetzt bin ich auch am 13./14[.] und 17./18. Juli, sonst läuft nur der normale Dienst. Es wäre schön, wenn Du in mein Buch über Meditation (Details anzeigen) hineingesehen und wenigstens die grundsätzlichen Ausführungen überflogen hättest und ich Dich dazu sprechen könnte, da ich in den nächsten Jahren wahrscheinlich meine Hauptarbeit auf die Frage der geistlichen Übung richten werde, die ja z. B. in der anglikanischen Kirche – wie weit in der amerikanischen weiß ich nicht – eine viel breitere Tradition hat las als bei uns in Deutschland (Details anzeigen). Mir scheint insbesondere die spanisch-französische Tradition der Mystik des Karmel (Johannes vom Kreuz (Details anzeigen)) erheblichen Einfluß auf die Anglikaner gewonnen zu haben. Kennst Du das vortreffliche Buch des schweizer Reformierten Nigg (Details anzeigen)Große Heilige (Details anzeigen)“? In ihm scheint mir in sehr bedeutsamer, für den Protestanten überraschender Weise die Dimension des Heiligen als des Ortes echter Offenbarungskorrelation neu erschlossen zu werden.

In Deiner letzten Kollegstunde machtest Du einige Bemerkungen über das Gebet. Sie sind hoffentlich nicht so zu verstehen, wie Deine Formulierungen es immerhin nicht verwehrten, daß es sich beim Gebet um eine lediglich subjektive Aktion, eine reine Frage der supjektiven [sic!] Diskoniertheit und nicht um einen echten, d. h. wirksamen Akt der Begegnung handelt. Mir ist ins besondere im Laufe der Jahre die reale Bedeutung und Wirksamkeit der Fürbitte immer wichtiger geworden. Spezialfall ist die Fürbitte für die Verstorbenen. Ich glaube, daß für sie die Fürbitte eine geradezu unentbehrliche Zuleitung geistlicher Nahrung darstellt. Aber auch sonst ist mir das Bild der Nahrungsaufnahme für alle Gebet[e] immer wichtiger. Extremer Fall: die zuverlässig bezeugten Daten aus einigen Heiligenleben, z. B. No Nikolaus von der Flüe (Details anzeigen), nach denen diese Heiligen durch viele Jahre hindurch ohne jede materielle Nahrungsaufnahme gelebt haben. Dieser Fall scheint mir nicht Kuriosität, sonder[n] Zeichen dafür, was das Gebet einschließlich des sakramentalen Lebens, überhaupt ist.

Mit herzlichem Gruß

Dein
Ritter (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1In den Jahren 1946 bis 1951 wurde das Schloss Assenheim von der Michaelsbruderschaft gemietet und als Ordenshaus genutzt.

Register

aTillich, Paul
bAssenheim
cRitter, Über die Meditation als Mittel der Menschenbildung, 1947
dDeutschland
eJohannes vom Kreuz
fNigg, Walter
gNigg, Große Heilige, 1946
hNikolaus von der Flüe
i

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Schleswig, Schleswig-Holstein'sches Landesarchiv, Michaelsbruderschaft, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., Abt. 423.2/Nr. 1742
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Unterschrift eigenhändig; adressiert: „Herrn Professor Dr. Paul Tillich, Hotel Ritter, Marburg/Lahn.

Postweg
unbekannt - Marburg an der Lahn
voriger Brief in der Korrespondenz
Postkarte von Karl Bernhard Ritter an Paul Tillich vom 14. November 1907 [PS]
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Karl Bernhard Ritter (unklar) an Paul Tillich vom 17. Januar 1949

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Karl Bernhard Ritter an Paul Tillichvom 24. Juni 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11168.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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