Der editierte Text

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4. November 49

Herrn Professor Paul Tillich (Details anzeigen)
3041 Broadway
New York 27, N.Y. (Details anzeigen)
U.S.A. (Details anzeigen)

Lieber Freund (Details anzeigen)!

Hab sehr herzlichen Dank für Deinen Rundbrief (Details anzeigen). Ich schimpfe durchaus nicht, wenn ich einen Rundbrief von Dir bekommen, sondern freue mich über ein solches Lebenszeichen. Ich habe in diesen Tagen zwei Bücher von mir an Dich abgehen lassen, die Dir vielleicht einen Eindruck geben, wenn Du einmal Zeit hast, sie durch zu lesen, was neben meiner liturgischen Arbeit an Beobachtungen und Bemerkungen abfällt. Mir geht es immer wieder darum, das konfessionell eingeengte Lebensgefühl unserer protestantischen Christenmenschen aufzusprengen. Der gleichen Absicht dient ein kleines Heft „Von der Zukunft der Christenheit“, das ich Dir gleichfalls übersende. Es ist aus einer immer neuen und immer weiter gehenden Meditation über Joh. 21 entstanden und es würde mich schon sehr interessieren, von Dir ein Wort darüber zu hören, wie Du diese meditative Auslegung aufnimmst.

Ich weiß nicht, ob der tiefe Pessimismus, mit dem Du und Deine Freunde an unsere politische Entwicklung denkt, wirklich berechtigt ist. Sicher werden auf allen Seiten unendlich viele Fehler gemacht. Sicher ist die Behandlung, die man uns angedeihen läßt, insbesondere die schreckliche Hilflosigkeit des Westens, die Schwäche Frankreich (Details anzeigen)s, die es nicht zu {???}|:europäischen:| Handeln die Kraft finden läßt, das kostspielige Sonderexperiment der Engländer, das sie hindert, eine weitschauende und positive förderliche europäische Politik zu treiben, ganz dazu angetan, allen jenen sturen Elementen wieder Auftrieb zu geben, die ihre Rede mit dem Satz einzuleiten pflegen: wir haben es ja immer gesagt, ihr seid alle Utopisten. Trotzdem vermag ich Euere Sorge nicht zu teilen. Ihr unterschätzt doch glaube ich alle, die Schutzimpfung, die wir durch Adolf Hitler (Details anzeigen) bekommen haben. Ihr unterschätzt auch die Wirkung der Erfahrungen, die ein sehr großer Teil unseres Volkes – welche Familie ist eigentlich nicht davon betroffen – mit dem totalitären System des Ostens gemacht hat. Nur durch diese ungeheure Ernüchterung, durch ein abgrundtiefes Mißtrauen gegenüber allen Parolen, das unseren Menschen von daher eingeimpft ist, durch das weithin unbewusste aber instinktiv sehr starke Verlangen, einfach vom ganz schlicht menschlichen her wieder aufzubauen, erklärt sich die nach meinem Urteil erstaunliche und hocherfreuliche Haltung, die unser Volk bisher bei allen Gelegenheiten gezeigt hat, bei denen an sich sein nationales Empfinden oder sein soziales Empfinden aufs äußerste gereizt wurde. Der Ausfall der Wahlen, der der Mitte eine unbezweifelbare überwältigende Mehrheit gebracht hat, und das trotz der verheerenden Wirkung des denkbar blödsinnig angelegten Entnazifizierungsverfahrens, scheint mir ein Beweis für diese erstaunliche Nüchternheit zu sein. So bedauerlich es ist, daß im politischen Leben vorläufig eine sehr überalterte und wenig qualifizierte Schicht an der Führung ist, eine Tatsache, die von den meisten sehr deutlich empfunden wird – wir werden uns damit noch für längere Zeit abzufinden haben, da ja die wirkliche Elite im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 ausgerottet worden ist. Es ist | doch einfach ein Faktum, dessen Gewicht überschätzt werden kann. Ich empfinde ja auch z. B. im kirchlichen Leben, daß die auf uns Alten folgende Generation so ungeheuerlich dezimiert worden ist, die der nachkommenden jungen Generation sehr erfreulich ist, muß aber natürlich erst in ihre Aufgabe hineinwachsen. Aber was ich von der Generation der 15 - 25-Jährigen höre, ist überwiegend hocherfreulich. Ich bin aus allen diesen Gründen überzeugt davon, daß es möglich wäre, Deutschland (Details anzeigen) in ein geeintes Europa (Details anzeigen) hinein zu nehmen und zu fruchtbarer Mitarbeit heran zu ziehen trotz der ungeheuren Verluste an Menschen tauchen schon wieder Köpfe auf mit konstruktiven Ideen und man denkt die Probleme bei uns mit einem Ernst durch, daß man kaum nich das Wichtigste wirklich verfolgen kann. Aber es hängt alles davon ab, daß der Westen nun wirklich langsam zu einer positiven und aufbauenden Position übergeht und sich nicht nur widerwillig Schritt für Schritt durch das russische Vorgehen auf einer unentschlossen betretenen Bahn vorwärts nötigen lässt. Die Überzeugung, daß die Amerikaner heute guten Willens sind und sich die größte Mühe geben, die Dinge voran zu treiben, ist allgemein verbreitet. Man hat nur manchmal den Wunsch, die möchten viel energischer und ohne allzuviel Rücksichten zu nehmen dem „Sauhaufen“ Europa (Details anzeigen) Beine machen.

Ich werde mich immer sehr freuen, Arbeiten von Dir zu Gesicht zu bekommen. Wir haben diese Hilfe, diesen Zuspruch sehr nötig.

In herzlicher Verbundenheit
Dein


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Paul
bNew York City
cVereinigte Staaten von Amerika
dTillich, Paul
eBrief von Paul Tillich an Rundbrief (Nina Baring) vom September 1949
fFrankreich
gHitler, Adolf
hDeutschland
iEuropa
jEuropa

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Karl Bernhard Ritter (unklar) an Paul Tillich vom 17. Januar 1949

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Karl Bernhard Ritter an Paul Tillich vom 4. Nobember 1949, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11303.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11303.pdf
erwähnte Briefe