<?xml version='1.0' encoding='UTF-8'?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="L11303.xml" xml:base="https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at" prev="L11302.xml" next="L11304.xml">
   <teiHeader>
      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>Brief von Karl Bernhard Ritter an Paul Tillich vom 4. Nobember 1949</title>
            <author ref="#tillich_person_id__1617">Karl Bernhard Ritter</author>
            <respStmt>
               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
               <address>
                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
                  <postCode>1010</postCode>
                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
         <sourceDesc>
            <msDesc type="typescript">
               <msIdentifier>
                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno><!-- Schleswig-Holstein‘sches Landesarchiv Michaelsbruderschaft, Abt. 423.2, Nr. 1742 --></idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich</p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <encodingDesc>
         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
      </encodingDesc>
      <profileDesc>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__1617">Karl Bernhard Ritter</persName>
               <date when="1949-11-04">04.11.1949</date>
            </correspAction>
            <correspAction type="received">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
            </correspAction>
         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__1617">Korrespondenz mit Karl Bernhard Ritter</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__1617" target="L11278.xml">Brief von Karl Bernhard Ritter (unklar) an Paul Tillich vom 17. Januar 1949</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L11302.xml">Brief von Paul Tillich an August Rathmann vom 1. November 1949</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L11304.xml">Brief von Friedrich Pollock an Paul Tillich (Rundbrief) vom 21. November 1948</ref></correspContext></correspDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">Deutsch</language>
         </langUsage>
      <creation><date type="sort" when="1949-11-04"/></creation></profileDesc>
      <revisionDesc status="approved">
         <change who="MI" when="2026-06-10">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
      </revisionDesc>
   </teiHeader>
   <text type="letter">
      <body>
         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><dateline><date when="1949-11-04">4. November 49</date></dateline><lb/>
               <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Herrn Professor Paul
                  Tillich</rs><lb/>
               3041 Broadway<lb/>
               <hi rend="underline"><rs ref="#tillich_place_id__319" type="place">New York 27, N.Y.</rs></hi><lb/>
               <rs ref="#tillich_place_id__684" type="place">U.S.A.</rs>
               <salute>Lieber <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Freund</rs>!</salute>
            </opener>
            <p>Hab sehr herzlichen Dank für Deinen <rs ref="#L11296" type="letter">Rundbrief</rs>.
               Ich schimpfe durchaus nicht, wenn ich einen Rundbrief von Dir bekommen, sondern freue
               mich über ein solches Lebenszeichen. Ich habe in diesen Tagen zwei Bücher von mir an
               Dich abgehen lassen, die Dir vielleicht einen Eindruck geben, wenn Du einmal Zeit
               hast, sie durch zu lesen, was neben meiner liturgischen Arbeit an Beobachtungen und
               Bemerkungen abfällt. Mir geht es immer wieder darum, das konfessionell eingeengte
               Lebensgefühl unserer protestantischen Christenmenschen aufzusprengen. Der gleichen
               Absicht dient ein kleines Heft <q>Von der Zukunft der Christenheit</q>, das ich Dir
               gleichfalls übersende. Es ist aus einer immer neuen und immer weiter gehenden
               Meditation über Joh. 21 entstanden und es würde mich schon sehr interessieren, von
               Dir ein Wort darüber zu hören, wie Du diese meditative Auslegung aufnimmst.</p>
            <p>Ich weiß nicht, ob der tiefe Pessimismus, mit dem Du und Deine Freunde an unsere
               politische Entwicklung denkt, wirklich berechtigt ist. Sicher werden auf allen Seiten
               unendlich viele Fehler gemacht. Sicher ist die Behandlung, die man uns angedeihen
               läßt, insbesondere die schreckliche Hilflosigkeit des Westens, die Schwäche <rs ref="#tillich_place_id__161" type="place">Frankreich</rs>s, die es nicht zu
                     <del><unclear>???</unclear></del><add place="left">europäischen</add> Handeln
               die Kraft finden läßt, das kostspielige Sonderexperiment der Engländer, das sie
               hindert, eine weitschauende und positive förderliche europäische Politik zu treiben,
               ganz dazu angetan, allen jenen sturen Elementen wieder Auftrieb zu geben, die ihre
               Rede mit dem Satz einzuleiten pflegen: wir haben es ja immer gesagt, ihr seid alle
               Utopisten. Trotzdem vermag ich Euere Sorge nicht zu teilen. Ihr unterschätzt doch
               glaube ich alle, die Schutzimpfung, die wir durch <rs ref="#tillich_person_id__910" type="person">Adolf Hitler</rs> bekommen haben. Ihr unterschätzt auch die Wirkung
               der Erfahrungen, die ein sehr großer Teil unseres Volkes – welche Familie ist
               eigentlich nicht davon betroffen – mit dem totalitären System des Ostens gemacht hat.
               Nur durch diese ungeheure Ernüchterung, durch ein abgrundtiefes Mißtrauen gegenüber
               allen Parolen, das unseren Menschen von daher eingeimpft ist, durch das weithin
               unbewusste aber instinktiv sehr starke Verlangen, einfach vom ganz schlicht
               menschlichen her wieder aufzubauen, erklärt sich die nach meinem Urteil erstaunliche
               und hocherfreuliche Haltung, die unser Volk bisher bei allen Gelegenheiten gezeigt
               hat, bei denen an sich sein nationales Empfinden oder sein soziales Empfinden aufs
               äußerste gereizt wurde. Der Ausfall der Wahlen, der der Mitte eine unbezweifelbare
               überwältigende Mehrheit gebracht hat, und das trotz der verheerenden Wirkung des
               denkbar blödsinnig angelegten Entnazifizierungsverfahrens, scheint mir ein Beweis für
               diese erstaunliche Nüchternheit zu sein. So bedauerlich es ist, daß im politischen
               Leben vorläufig eine sehr überalterte und wenig qualifizierte Schicht an der Führung
               ist, eine Tatsache, die von den meisten sehr deutlich empfunden wird – wir werden uns
               damit noch für längere Zeit abzufinden haben, da ja die wirkliche Elite im
               Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 ausgerottet worden ist. Es ist <pb n="2"/> doch
               einfach ein Faktum, dessen Gewicht überschätzt werden kann. Ich empfinde ja auch z.
               B. im kirchlichen Leben, daß die auf uns Alten folgende Generation so ungeheuerlich
               dezimiert worden ist, die der nachkommenden jungen Generation sehr erfreulich ist,
               muß aber natürlich erst in ihre Aufgabe hineinwachsen. Aber was ich von der
               Generation der 15 - 25-Jährigen höre, ist überwiegend hocherfreulich. Ich bin aus
               allen diesen Gründen überzeugt davon, daß es möglich wäre, <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs> in ein geeintes <rs ref="#tillich_place_id__736" type="place">Europa</rs> hinein zu nehmen und zu
               fruchtbarer Mitarbeit heran zu ziehen trotz der ungeheuren Verluste an Menschen
               tauchen schon wieder Köpfe auf mit konstruktiven Ideen und man denkt die Probleme bei
               uns mit einem Ernst durch, daß man kaum nich das Wichtigste wirklich verfolgen kann.
               Aber es hängt alles davon ab, daß der Westen nun wirklich langsam zu einer positiven
               und aufbauenden Position übergeht und sich nicht nur widerwillig Schritt für Schritt
               durch das russische Vorgehen auf einer unentschlossen betretenen Bahn vorwärts
               nötigen lässt. Die Überzeugung, daß die Amerikaner heute guten Willens sind und sich
               die größte Mühe geben, die Dinge voran zu treiben, ist allgemein verbreitet. Man hat
               nur manchmal den Wunsch, die möchten viel energischer und ohne allzuviel Rücksichten
               zu nehmen dem <q>Sauhaufen</q>
               <rs ref="#tillich_place_id__736" type="place">Europa</rs> Beine machen.</p>
            <p>Ich werde mich immer sehr freuen, Arbeiten von Dir zu Gesicht zu bekommen. Wir haben
               diese Hilfe, diesen Zuspruch sehr nötig.</p>
            <closer>
               <salute>In herzlicher Verbundenheit<lb/>Dein</salute>
            </closer>
         </div>
      </body>
   <back><listPlace><place xml:id="tillich_place_id__736">
                  <placeName>Europa</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>48.69096 9.14062</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/6255148/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q46</idno>
               </place>
               <place xml:id="tillich_place_id__684">
                  <placeName>Vereinigte Staaten von Amerika</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>39.76000 -98.50000</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/6252001/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q30</idno>
               </place>
               <place xml:id="tillich_place_id__122">
                  <placeName>Deutschland</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>51.50000 10.50000</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/2921044/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q183</idno>
               </place>
               <place xml:id="tillich_place_id__161">
                  <placeName>Frankreich</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>46.00000 2.00000</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/3017382/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q142</idno>
               </place>
               <place xml:id="tillich_place_id__319">
                  <placeName>New York City</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>40.71427 -74.00597</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/5128581/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q60</idno>
               </place>
               </listPlace><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__910">
                  <persName>Hitler, Adolf</persName>
                  <note type="bio">
                     <p>Adolf Hitler (20. April 1889, Braunau am Inn – 30. April 1945, Berlin) war Vorsitzender der NSDAP, seit 1933 Reichskanzler und ab 1934 als „Führer“ diktatorischer Staats- und Regierungschef des Deutschen Reiches. Er entfesselte 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg, der über 70 Millionen Menschen das Leben kostete, und trug die Hauptverantwortung für den Holocaust an den europäischen Juden. Als oberster Befehlshaber der Wehrmacht führte er eine totalitäre Herrschaft, die Terror, Propaganda und aggressive Expansion vereinte und große Teile Europas verwüstete. Beim Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ beging Hitler am 30. April 1945 in Berlin Suizid; eine Grabstätte gibt es nicht.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               </listPerson><list xml:id="mentioned_letters"><head>erwähnte Briefe</head><item xml:id="L11296">Brief von Paul Tillich an Rundbrief (Nina Baring) vom September 1949</item></list></back></text>
</TEI>