Der editierte Text

|

Lieber Paul (Details anzeigen)!

Nun werden wir wirklich 60 Jahre alt u. du bist mir auch darin ein Stück voraus. Du wirst auch in anderer Weltenstimmung Geburtstag feiern als ich, hoffentlich nicht so müde dieses zweifelhaften Sterns u. immer noch voll Pläne u. neuen Aufgaben. Mit Dank wirst du über dies letzte Jahrzehnt hinblicken, da Gott dich in der Arche mit den Deinen vor der Sintflut geborgen hat. Aber ich weiß auch, daß du von Herzen an dem großen Leid u. {Wirrnis} unseres Volkes mitträgst u. an den kleinen Nöten derer, die dir lieb sind hier in den wilden u. oft schlammigen Fluten. Hoffentlich wird es dir geschenkt auch dieses Chaos denkend zu bändigen u. etwas von dem Werden zu erschauen, das wie wir hoffen doch einmal aus dem Chaos werden wird. Was wäre es wert, wenn du uns etwas davon deuten könntest. Diese Woche| war Barth (Details anzeigen) zum ersten Male hier u. hat unter großem Zudrang gesprochen, wie immer lebendig u. an u. aufregend, aber ich habe nicht den Eindruck, daß er uns für unsere deutsche Lage ein lösendes Wort sagen könnte. Am Ende kommt bei allem immer wieder die kleine Schweiz (Details anzeigen) als Vorbild heraus u. das wird der besonderen Lage nicht gerecht, in der wir hier an der Nahtstelle zweier Zeiten u. Welten stehen. – Wie mir Poelchau (Details anzeigen) mitteilte, besteht die Möglichkeit, daß du im nächsten Jahr hieher nach Deutschland (Details anzeigen) kommst. Falls nicht bis dahin ein neues Erdbeben über uns kommt. Das wäre nicht nur für uns persönlich, sondern auch für die deutsche geistige u. kirchliche Lage wunderschön, wenn du kämst. Es wäre ja da viel zu sagen, aber eigentlich kann man ohne darinstehen in dem hiesigen Geschehen {dort} schwer verstehen, was| eigentlich hier vorgeht. Ich selbst bin sehr müde. Der Jammer des Vaterlandes ist nur zu tragen, weil man vom ewigen Vaterland weiß u. das Leben nur noch lebenswert, weil es Gefäß sein darf für ewiges Leben. Persönlich haben wir viel zu danken im Blick auf die Erhaltung unseres Hauses u. vor allem der Kinder, aber welcher Zukunft gehen sie entgegen. Wir haben nicht einmal einen anständigen Anzug für die Jungens, die zerlumpt aus der Gefangenschaft kommen u. dann kommt die Frage, was werden? Aber ich bin dankbar, daß Ekke (Details anzeigen) voll Tapferkeit sein neues Leben {aufzubauen} sucht u. Wilfried (Details anzeigen) unbekümmert seinen Krankenpflegedienst tut u. Gisela (Details anzeigen) kann Allen ein Stück Heimat schenken, was uns durch die Verhältnisse u. Zonentrennung verwehrt ist. Unsere Reise nach Württemberg (Details anzeigen) im Mai hat und uns das so schmerzlich fühlen lassen, was| diese Grenze bedeutet, über die man sich wie ein Dieb stehlen muß, um seine Kinder zu sehen. – So muß man sich heute mehr denn je der geistigen Gemeinschaft in Liebe u[.] Fürbitte trösten u. so werden wir auch an deinem Geburtstag über alle Fernen des Ozeans u. der Schicksale an deinem Ehrentag teilnehmen u. mit eurer kleinen glücklichen Familie mitfeiern. Ich bin überzeugt, daß trotz aller Trennung die alte Freundschaft jung bleibt u. wir uns trotz aller Verschiedenheit der Führungen rasch verstehen würden. – Möge dir Gottes Güte im neuen Jahrzehnt viel Freude in der Familie u. Gelingen im Werk schenken. Du hast Vielen helfen dürfen u. wirst es auch weiter geistig u. leiblich tun dürfen u. das ist ja das Einzige, was zuletzt dem Leben Sinn gibt.

Ich grüße dich mit Herzen u. den Kindern in herzlicher Liebe u. vielen guten Wünschen.

Dein Frede (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTeltow
bTillich, Paul
cBarth, Karl
dSchweiz
ePoelchau, Harald
fDeutschland
gFritz, Eckehardt
hFritz, Wilfried
iWalker, Gisela
jWürttemberg
kFritz, Alfred

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/143 (20)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Teltow - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Gertrud Fritz an Paul Tillich vom 14. Dezember 1921
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Gertrude Fritz an Paul Tillich vom 20. Juli 1946

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Alfred Fritz an Paul Tillich vom 20. Juli 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10957a.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10957a.html |titel=Brief von Alfred Fritz an Paul Tillich vom 20. Juli 1946 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=20.07.1946 |abruf=???? }}
L10957a.pdf