Der editierte Text

|

Lieber Paulus (Details anzeigen)!

Es tut mir sehr leid, dass ich Euch nun in diesem Jahr wieder nicht sehen kann und ich hoffe nur, dass Du bald einmal einen Lehrstuhl in England (Details anzeigen) bekommst, damit ein Treffen möglich wird. Für Paris (Details anzeigen) fühlte ich mich Anfang Juni noch zu elend; ausserdem gab es keine Gesellschaftsreisen und erst recht keine Devisen für Frankreich (Details anzeigen). Hinzukam, dass die Theologen jetzt besonders scharf überwacht werden, wenn sie ins Ausland wollen, wie denn nun ja auch die Teilnahme an Oxford (Details anzeigen) praktisch verboten ist, soweit man nicht einfach die Pässe verweigert. Jedenfalls unser Treffen kommt nicht zustande, so viel mir auch daran gelegen war. Ich hätte, abgesehen davon Euch und die Kinder zu sehen, gern einmal Deine Beurteilung der politischen und kirchlichen (was ja bei uns dasselbe ist) Lage und Entwicklung gehört und Dich über allerlei Persönliches um Rat gefragt. Z.B. beschäftigt uns augenblicklich die Frage sehr, ob wir einen einjährigen Jungen, dessen Vater, ein Theologe, für vorläufig nicht absehbare Zeit im Konzentrationslager sitzt, behalten sollen oder nicht. Wir finden, dass dieser Junge schon in der kurzen Zeit, seidem wir ihn haben, unser ganzes Leben so stark verändert, dass kein Raum und keine Kraft für das bleibt, was wir in meiner Lage in der Grosstadt für die auf uns angewiesenen Menschen leisten sollten.

| In den Kirchenkampf werde ich durch meine Gefängnissonderstellung nicht direkt hineingezogen. Soweit er als ein politischer erkannt und geführt wird, hat wohl die Bekenntnisfront recht. Dass aber die "offizielle" Kirche immer energischer vor der Bildung einer Sekte warnt, ist wohl auch nötig. Am sc-hlimmsten ist wohl, dass im Grunde wenig wirklich bedeutende Köpfe da sind. Was mit der Komödie der Kirchenwahl wird, weiss niemand. Nun bin ich gespannt, welche Ergebnisse Oxford (Details anzeigen) bringen wird. Hoffentlich lässt man sie bei uns herein und beschlagnahmt sie nicht vorher wie die Vorarbeiten zur grossen Quäkerkonferenz in Philadelphia (Details anzeigen), einer Tagung, zu der man nicht einmal dem Führer der deutschen Quäker, Emil Fuchs (Details anzeigen), einen Pass bewilligt hat.

Ich bin noch müde und kann nicht viel schreiben, weil ich die Nacht mit 3 heute hingerichteten gewacht habe, die im Jahre 1931 in eine Schiesserei zwischen SA und KPF verwickelt gewesen waren. Du wirst das verstehen. Euch wünsche ich noch schöne Tage in Italien (Details anzeigen), einem Lande, dass mir noch viel stärker militarisiert erscheint als Deutschland (Details anzeigen); aber davon merkt Ihr ja in den Bergen nicht viel. M.-L. (Details anzeigen) wird uns ja dann das persönliche von Euch berichten. Ob sie auch einen Sonderdruck der Anthropologie (Details anzeigen) mitbringt? Mit herzlichem Gruss von uns beiden (Details anzeigen) (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aBerlin
bTillich, Paul
cEngland
dParis
eFrankreich
fOxford
gOxford
hPhiladelphia (NY)
i
jItalien
kDeutschland
l
m
nPoelchau, Dorothee
oPoelchau, Harald
pPoelchau, Harald

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., Box 175 (14)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Harald Poelchau an Paul Tillich vom 8. März 1929
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief vpn Paul Tillich an Harald Poelchau vom 4. März 1946

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Harald Poelchau an Paul Tillichvom 8. Juli 1937, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10356.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10356.html |titel=Brief von Harald Poelchau an Paul Tillichvom 8. Juli 1937 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=08.07.1937 |abruf=???? }}
L10356.pdf