Der editierte Text

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Mein lieber Paul (Details anzeigen)!

heute, wo ich diesen Brief beginne, ist Palmsonntag. Wohl seit sehr langer zeit hat unsere ev. Kirche nicht unter so trüben Umständen die Karwoche begonnen als in diesem Jahr, dennoch, wir singen das hosianna und schauen von fern das Oster{morgenrot} hinter dem Kreuz, dieses Vorwort mag dieser [sic!] sagen wie ich z. Z. fühle.

Und nun habe vielen Dank für Deinen Brief vom 15.III1, auch Deinen Brief an Elisabeth (Details anzeigen) habe ich gelesen. Gottlob, daß es Euch den Umständen nach gut geht. Auch {ich} muß u. kann zufrieden sein. Seit den {Sommer} geht es etwas besser.

Den Vergleich mit August 1914 kann ich in dem von Dir gemeinten Sinn nicht weiterführen. Der Aufschwung ist sicherlich mehr als ein zeitweises Aufflackern versterbender Glut. Die Ursprungstraditionen waren nicht abgebrochen oder erstorben, sie waren nur "verdrängt", sie sind nun wiedererwachte Kräfte, die - wie ich glaube - lange Lebensdauer haben. Daß die N.{P}. Regierung auch Fehler gemacht hat, hat Göbbels (Details anzeigen) kürzlich in einer Rede rundweg zugegeben, aber demgegenüber stehen soviel Errungenschaften u. gute Maßnahmen - namentlich in sozialer Beziehung -,| daß das Fundament des N.{P}. Staates gut befestigt u. gesichert ist.

Dagegen stimme ich dem Vergleich mit dem Leipziger Interim zu. Wie energisch die "Flazianer" auftreten u. kämpfen beweisen die Erklärungen der "Westfälischen Bekenntnissynode" vom 16. März, die 25.000 Teilnehmer hatte und eine "geistliche" Kirchenleitung in Opposition gegen das {???}regiment geschaffen hat. Auch in anderen Provinzen gibt es "freie Bekenntnissynoden. Die Spannung ist demnach sehr stark, {Melancholie} wird da kaum halten können. Über kurz oder lang muß eine klare Entscheidung (vielleicht eine Scheidung) kommen.

Wenn ein Emigrant Dich gefragt hat, ob Du ihn zur Rückehr nach Deutschland raten könntest, so würde ich an Deiner Stelle dies verneinen, und gerade auch dann, wenn der Frager an seinem Vaterland hängt. Er würde sich gemäß seiner bisherigen Einstellung hier nicht wohl fühlen, er würde sich jetzt hier wie in einem fremden Lande fühlen. Es würde ihm auch schwer möglich sein, in der Stille zu leben u. für sich zu arbeiten. Die täglichen Vorgänge bringen notwendig Erregung u. Spannungen, denen man sich nicht entziehen kann. Diese ernsten Bedenken | muß man aussprechen, so sehr auch seine Familie wünschen mag, ihn wieder hier zu haben. Im übrigen muss er ja selbst entscheiden. Falls er aber {probeweis} einen Besuch in d. alten Heimat machen will u. kann, soll er sich gesundheitlich sehr in Acht nehmen, auch im Mai wehen hier oft noch {scharfe} Winde, wie zur Zeit, wo es aus allen Richtungen Zugluft gibt.

Das "Haus auf festem Grunde" wird vielleicht sein Banner gänzlich einziehen müssen wegen der Neugestaltung der Studentschaft; ein General-{konvent} beschloß, am bisherigen Prinzip mit seinem Ehrbegriff (u. Genugtuung ohne Waffen) entschieden festzuhalten, während die früheren katholischen Verbände Kompromisse schließen wollen.

Ich freue mich, daß Du in Amerika (Details anzeigen) etwas herumkommst, wenn die Vorträge auf den Reisen auch viel Mühe machen. Gottes Segen zu aller Arbeit!

Ich arbeite jetzt wieder im alten Garten. Am liebsten würde ich nach Italien (Details anzeigen) reisen; aber ich fühle mich doch zu schwach dazu u. kann nur | ganz kurze Strecken laufen. So wird es wohl wieder zu einem Aufenthalt in {Starkow} kommen.

Fein, das Erdmuthe dort gut gedeiht. Grüße sie u. besonders auch Hannah (Details anzeigen) auf's Herzlichste.

Ich schließe diesen Brief heute am 1. Ostertag. Die Sonne scheint hell u. warm. Möge die Ostersonne auch Euch hell und warm leuchten.


Fußnoten, Anmerkungen

1nicht überliefert

Register

aBerlin
bTillich, Paul
cSeeberger, Elisabeth
dGoebbels, Joseph
eVereinigte Staaten von Amerika
fItalien
gTillich, Hannah
hTillich, Johannes Oskar

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/193
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Johannes Tillich vom 06. Januar 1934
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 23. Mai 1934

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 25. März 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10032.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L10032.pdf