Der editierte Text

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Lieber Paul (Details anzeigen),

Deinen Brief an Elisabeth (Details anzeigen) vom 25.4 habe ich gelesen und freue mich, daß Du Dich entschlossen hast, Deine dortige Kur zu verlängern, und daß dies Dir wirtschaftlich möglich ist, zumal nach der letzten güntigen Nachricht, die Dir Elisabeth (Details anzeigen) senden konnte. Wenn ich noch fünf Jahre jünger wäre, würde ich nach Deinem Vorschlag vielleicht einmal hinüberkommen können. Mein jetziges Befinden schließt das aus.

Ich hoffe die Sommermonate wieder in Storkow verleben zu können. Unzweifelhaft belasten die Zeitunstände auch meine Nerven.

Am 1.Mai aber hatte ich einen wirklig schönen Tag, körperlich und seelisch. Ich fuhr am Vormittag bei herrlichstem Wetter zum Kreuzberg hin und zurück durch die ?wagende, sichtbar und fühlbar, von immer ? erfüllten Menschenmassen und Aufmarschgruppen. Das Straßenbild war wunderschön. Der Tag war ein Zeugnis von dem, was ich Dir in meinem Osterbriefe schrieb. Die Dinge laufen noch weiter so, wie ich es damals tat. Ich blicke dabei weniger auf die äußeren Maßnahmen als auf die innere Dynamik der ?, die sich eben so ausbreitet wie ich es letzlich schrieb. Daß die Spannung auf kirchlicem Gebiet am stärksten hervortritt, ist zwangsläufig. Ich nehme an, daß Du darüber durch Zeitschriften u.a. unterrichtet bist. Ein entscheidener Gegensatz gegen das dritte Reich ist wohl nur in katholischen Kreisen zu finden, in evangelischen handelt es sich um geistige, religöse Auseinandersetzungen, und da muß man auf den Verlauf und das Ergebnis noch warten. Aber wie sehr mich das beschäftigt, kannst Du Dir denken. Das Thema "Staat und Kirche" ist ja prinzipiell nicht schwierig; es handelt sich aber jetzt um das sehr schwierige Problem "Verhältnis der evngelischen Volkskirche zum heutigen konkreten Staat". Darüber gibt es nach meiner Meinung {kaum eine} rationale Lösung, denn diese Kirche und dieser Staat stehen mitten im Strom der Geschichte mit ihren Spannungen und Wandlungen.

Ich lege Dir noch ein Familenrundschreiben bei und | und werde sobald Du Deine Zustimmung {er?ä} hast, je eine Mark für Dich und Hannah (Details anzeigen) zahlen. - Inzwischen {ist der???} Rundbrief vom 5. Mai eingetroffen, der uns alle äußerst interessiert hat. Wie weit ist doch der Kreis Deiner Eindrücke, Anschauungen und Einsichten durch Deinen dortigen Aufenthalt erweitert worden. Das wird bei der Art, wie Du es innerlich aufnimmst, auch Deiner wissenschaftlichen Arbeit zu Gute kommen. Ich verstehe, wie stark Du das deutsche Landschaftsbild vermißt. Es ist jedenfalls ein Verdienst unserer heutigen Regierung, daß die in dieser Hinsicht viel zu tun bemüht ist trotz der Fülle und Größe der Aufgaben, die sie übernommen hat. Daß ihr das 2. Jahr ihrer Staatsführung mehr Schwierigkeiten bringt {als} das erste, ist naturgemäß; auch darüber bist Du durch die Zeitungen unterrichtet.

Noch einige kurze Nachrichten.

Ernst Tillich hat |:sich:| nach kaum zweijähriger Ehe von seiner Frau getrennt, sie will sich nicht scheiden lassen. Er wird m.E. nun auf das Pfarramt umziehen müssen. Vorläufig ist er noch Adjunkt bei {Lütgert}.

Mein früherer Kollege Dr. {Kayser} ist gestorben, auch ein schmerzlicher Verlust für mich.

Ich arbeite noch täglich in unserem Garten, der jetzt schöner aussieht als vor 30 Jahren.

So wüßte ich denn weiteres nicht mitzuteilen und wünsche nur noch Dir,Hannah (Details anzeigen) und Erdmuthe (Details anzeigen) eine schöne Ferienzeit. Gott behüte Euch!

Tausend Grüße Dein

treuer Vater (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aBerlin
bTillich, Paul
cSeeberger, Elisabeth
dSeeberger, Elisabeth
eTillich, Hannah
fTillich, Hannah
g
hTillich, Johannes Oskar

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/193
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 25. März 1934
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom April 1935

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 23. Mai 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10045.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L10045.pdf