Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vermutlich zwischen Juli und August 1922

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Der editierte Text

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Liebe Margot (Details anzeigen)!

Es wäre mir leichter an Dich zu schreiben, wenn nicht nebenan das nutzlos leere Zimmer mir immer sagte, wie schön es hätte sein können... Aber ich weiß, daß es „metaphysisch“ so richtig ist, um Deinet- um Hannah (Details anzeigen)s, um meinetwillen. Ich habe sehr unter der Einsamkeit gelitten, bis zu dem Wunsch, wieder abzufahren. Aber ich weiß jetzt, daß es die richtige Vorbereitungszeit ist auf Hannah (Details anzeigen). Körperlich geht es mir viel besser. Der Juli mit allen seinen Schrecken versinkt langsam. Die Seeluft durchspült Leib und Seele. – Ich habe zu Anfang Spengler (Details anzeigen) II (Details anzeigen) gelesen; es ist gewaltig, stärker als Band I (Details anzeigen), und zwingt zu fortwährender Auseinandersetzung auf allen Gebieten. Instinktiv hat es in mir den Wunsch erweckt, Landpfarrer zu werden, und die ewige

| Geschichtslosigkeit des Landes metaphysisch-religiös zu durchleuchten; vielleicht hilft dazu auch die Schönheit dieses entzückenden Friesendorfes (Details anzeigen) und der alles Maß übersteigende Ekel vor Westerland (Details anzeigen), dieser das Meer entweihenden „Friedrichstraße“. – Ich lebe so, daß ich Morgens, Mittags und Abends von Frl. Hagendefeldt (Details anzeigen){¿¿¿} etwas gekocht kriege, und zwar mit absoluter Sicherheit: Morgens Tee mit Schmalzbrot, Mittags Kartoffeln mit Ei, Abends Kakao mit Schinkenbrot{¿¿¿}; eine Änderung gibt es nicht – was etwas monoton ist. Ich baue viel im Dars und habe den täglichen Weg von einer halben Stunde 4 mal. Das Meer ist stark und gewaltig, aber es ist alles weniger farbig und geformt als auf Hiddensee (Details anzeigen); dafür gibt es keine Mücken. – Im Klappholtthal (Details anzeigen) ist diese Woche große Konferenz mit Programmentwurf gewesen,

| Frl. stud. theol. Hoffmann (Details anzeigen), die dort wohnt, und die ich zufällig am Strand traf, hat mir berichtet. Es ist der traurige Versuch, aus einer Bewegung, die unter großen richtunggebenden Ideen stand, in das Bett einer dogmatisch gebundenen Sekte mit Knut Ahlborn (Details anzeigen) als Papst zu leiten, es zeigt sich darin die Dialektik der „Jugend“-Bewegung, daß jeder in einem gewissen Alter zur Formung drängt, eben damit aber der Gestaltlosigkeit der eigentlichen Jugendbewegung entwächst. Ja es ist zu fragen, ob diese Gestaltlosigkeit nicht auch zeitgeschichtlich ein Moment war, der dem Expressionismus parallel lief und in der Zerstörung des bürgerlichen Bewußtseins seine Aufgabe erfüllt hat. Ich glaube fast. – Ich habe mit Ullstein abgeschlossen, eine von Dessoir (Details anzeigen) herausgegebene systematische Theologie, wo ich den Abschnitt „Religionsphilosophie und Ethik“

| übernehmen soll, und ein eignes Buch „Gott, Geist und Ewigkeit“, Urkunden der philosophischen Religion im Abendland, von mir eingeleitet und ausgewählt. Dazu will der Furche-Verlag ein Heft über mein politisches Kolleg und eine Religionsphilosophie geliefert haben. Endlich soll ich dem Seminar der Hochschule für Politik präsidieren mit einem Cyklus unseres religiös-sozialen Kreises. Du siehst: Viele schöne Arbeit. Eben darum aber kommt alles darauf an, daß ich durch Hannah (Details anzeigen) die innere Ruhe erhalte. – Ich danke Dir für alles, was Du mir von Dir schreibst und ich nehme viel Anteil daran. Es ist herrlich, daß Du dieses erlebst und ich freue mich mit Dir!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aHahl, Margot
bTillich, Hannah
cTillich, Hannah
dSpengler, Oswald
eSpengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte..., 1922
fSpengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte..., 1918
gFriesendorf
hWesterland
i
jHiddensee
kKlappholttal
l
mAhlborn, Knud
nDessoir, Max
oTillich, Hannah
pTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Marbug, Archiv der Universitätsbibliothek Marburg, Tillichiana 1, Ms. 1041/17
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Sylt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vermutlich zwischen Juli und August 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01533.html, Zugriff am ????.

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