Der editierte Text

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Montag früh.

Liebes süßes Margot-Kind (Details anzeigen)!

Von allen Möglichkeiten habe ich mir gerade diese nicht gedacht, ich Frauen gegenüber immer noch so instinktloses Ungetüm! Was sollte ich nun noch entscheiden? Aber ich werde froher nach Sylt (Details anzeigen) gehen, da ich weiß, daß es nicht geistige und seelische Dinge sind, die Dich vielleicht von mir hätten trennen können, sondern daß es ein Mensch ist, durch den Du frei von mir, aber auch frei für mich wirst. Freilich ein Schmerz ist dabei, der Schmerz, der aus dem Besitzwillen jeder Liebe geboren wird, und den Du so schwer hast tragen müssen. Und ich glaube, daß in dem Augenblick als ich Sonntag früh den ersten Satzes deines Briefes las, ein Beobachter mich ebenso hätte erbleichen sehen, wie Du es damals auf dem Flur der Universität tatest, als ich dir von Hannahs (Details anzeigen) Flucht erzählte. Ja, Liebe, ich habe erst in diesen Monaten Deines Wegseins gefühlt, wie lieb ich Dich habe. Aber über dieses Kleine meines eignen Schmerzes steigt die große Freude empor | daß Du ein Glück gefunden hast, wie ich es zu haben glaube in Hannah (Details anzeigen). Was Du mir von Deinem Freund erzählst, läßt den Wunsch in mir stark werden, ihn aufzunehmen, wie Du Hannah (Details anzeigen) aufgenommen hast unter Tausend Schmerzen. - Nun kann ich nur als „alter Mann“ noch etwas sagen: Wäre nicht eine Seereise für Deine Gesundheit unbedingt notwendig; und ist es nicht seelisch nötig, eine Trennung einzulegen vor der definitiven Entscheidung? Ich weiß, so spricht die „Weisheit des Alters“ und ich will nur meine Pflicht tun und sie zum Ausdruck bringen. Solltest Du ihr folgen, so telegraphiere bitte. Aber in keiner Beziehung und auf keinen Fall darfst Du noch irgend etwas meinetwegen tun, was den Aufbau Deines Lebens stören könnte. - Ich werde mit meinem Schwager |:(in Dölzig (Details anzeigen)):| und einer Kusine von ihm nach Sylt (Details anzeigen) fahren. |:Eben höre ich, daß er nur vom 8. - 18. Aug. kann:| Diese wird für das Materielle im Verein mit Frau Hagendefeld, Braderup auf Sylt (Details anzeigen), sorgen. Ich werde da viel an dich denken und oft traurig sein, daß Du nicht dort bist.

| Und ich werde viel in Erwartung sein auf das, was Du mir weiter über Eure Entwicklung schreiben wirst. - Ich kann Dir gar nicht sagen, wie verzweiflungsvoll Du mir in diesen Tagen des Juli gefehlt hast. Aber es ist gut, wenn man lernt, sein Leben allein und ohne Hilfe zu tragen. Ich bin sicher weich geworden in vielem, und es ist besser, hart zu sein. Nur gibt es einene Grenze und die war jetzt manchmal erreicht. - Ob ich Dich noch wiedersehe, oder ob Du nun für immer | dort bleibst? Ich kann mir unser Wiedersehn gar nicht mehr vorstellen, wie überhaupt nichts mehr, was mit Leben zusammenhängt. Ich flehe, daß das Meer mich erlösen möge, wie schon einmal als ich fast am Ende war. - Du aber bleib dort, liebes Margot-Kind (Details anzeigen)! Sammle in Deiner Liebe die höchsten Kräfte und erlöse viele damit. Ich bin bei Dir, ich danke Dir, ich - kann nicht mehr.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aHahl, Margot
bSylt
cTillich, Hannah
dTillich, Hannah
eTillich, Hannah
fDölzig
gSylt
hSylt
iHahl, Margot
jTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Marburg, Philipps-Universität Marburg, Universitätsbibliothek Marburg, Nachlass Margot Hahl (Tillichiana 1), Ms. 1041/15
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Margot Müller vom Juli oder August 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01531.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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