Der editierte Text

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Mein liebes liebes Mädelchen!

Nun konnte ich doch nicht mehr nach Gießen (Details anzeigen) schreiben, da ich infolge der Dölziger (Details anzeigen) Taufe Deinen Brief zu spät in die Hände bekam. Aber ich hoffe, dafür wird dich dieser an der Saar empfangen. Ich bin Dir so dankbar daß Du bei Hannah (Details anzeigen) warst, und für Deinen langen, schönen Brief über sie! Du hast sie wirklich gesehen in ihrer ganzen Wesenhaftigkeit, und das Wort „Urweib“ ist wahrhaft auf sie geprägt. Sehr interessant war mir, was Du über sie als Mutter schriebst und im Grunde sehr lieb. Denn es besteht ja immer die Gefahr, daß das Kind dem Mann die Frau nimmt. Ich habe ihr in der Richtung, die Du meinst, nichts mehr geschrieben, zumal sich zu ergeben scheint, daß Albert (Details anzeigen) sich innerlich von ihr losgelöst hat. Jetzt machen wir Pläne, ein Stadium, das ja unendlich viel erfreulicher ist, als alle vorhergehenden, selbst wenn noch manches zu überwinden ist. Und da mußt auch Du helfen. Hannah (Details anzeigen) hat mir von dir noch nicht mal geschrieben, | da sie nach Deinem Weggang einen Tag großer Ermattung hatte. Ich kann mir denken, daß die Erinnerung an manches, was sie durch den Gedanken an uns gelitten hat, noch in ihr war, und daß erst wenn sie ganz hier ist, sie sich Dir ganz öffnen wird. Ich bin so froh, daß Euer Zusammensein so schön war und sie einen so feinen Eindruck von Dir bekommen hat, wie sie mir kurz schreibt. - Ich selbst bin viel elend, wohl auch infolge der schrecklichen Angstzeit zu Pfingsten; und dann ist es mir doch ein ganz wenig einsam, seitdem Du weg bist. Ich habe noch oft an unsere Potsdamer (Details anzeigen) Fahrt gedacht. - Daß Dir die kleinen Universitäten so mißfallen, ist mir ein Stoß mehr, hier zu bleiben und alles dran zu setzen, hier mal ein Extraordinariat zu kriegen. - Nächste Woche ist großes Streich-Fest, ich graule mich schon etwas vor dem Dreck. - Schreib mir doch mal, wie es mit Deinen Sylter (Details anzeigen) Geldverhältnissen steht, und was Karl Ludwig (Details anzeigen) über meine Professur gesagt hat.

Ich streichle Dich, mein liebes Margot-Kind (Details anzeigen)!

Dein Paul (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aGießen
bDölzig
cTillich, Hannah
dGottschow, Albert
eTillich, Hannah
fPotsdam
gSylt
hSchmidt, Karl Ludwig
iHahl, Margot
jTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Marburg an der Lahn, Philipps-Universität Marburg, Universitätsbibliothek Marburg, Nachlass Margot Hahl (Tillichiana 1), Ms. 1041/9
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Margot Müller vom Sommer 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01527.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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