Der editierte Text

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Sonnabend.

Geliebte!

Vor mir liegt ein Buch von Fritz Klatt (Details anzeigen) „Die schöpferische Pause“, worin er den Rhythmus des Lebens zwischen Tälern und Bergen herausarbeitet, und fordert, daß wir unsere schöpferische Pause erkennen und sie nicht künstlich durch Nerven übertonen. Es ist sehr viel Feines auf allen Gebieten darin und sehr vieles, was wir brauchen, um unsere Depressionsperioden nicht zu schwer zu empfinden. Ich bin jetzt in einer solchen Pause, das ist für mich kein Zweifel. Seit Vollendung meines Kairos-Aufsatzes bin ich wie vor den Kopf geschlagen; selbst die Möglichkeit eines Nachdenken-Wollens ist weg; ich vegetiere und lese. Ein Gutes hat es zunächst gehabt: Ich habe allerhand Sachen, die ich machen sollte, abgelehnt, um ganz frei zu werden für die großen Dinger. Ich habe mich auch entschlossen, nicht an meinem Kolleg zu arbeiten, sondern das alte ziemlich unverändert darzubieten. Ich will jetzt nichts mehr machen, was ich nicht will. Gestern war M. L.chen (Details anzeigen) hier, um die Streicherei vorzubereiten. Sie sagte, ich sähe aus, wie Deine Mutter (Details anzeigen), wenn sie Herzschwäche hätte. So fühlte ich mich auch; aber es ist bloß Lebensschwäche und an sich kein unangenehmer Zustand. -- Wir | saßen dann zusammen und ein zartes Streicheln führte uns zu einer gründlichen Besprechung -- der ersten -- unseres Verhältnisses zu einander. Was Sie damals gegen mich bewegt hatte, war nicht mein Verhalten zu ihr, sondern zu Dir, in der Margot (Details anzeigen)-Sache; es zerstörte ihr Bild von mir. Sie sieht mit Recht, was ich Dir immer schrieb, daß mein Menschen-Wert an Dir hängt, und der Kraft, mit der ich Dich bejahe und halte. Sie selbst aber bejaht mich mit ganzer, auch körperlicher Zuneigung, und kann zu keinem sicheren Urteil über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines körperlichen Zusammenseins kommen. Sie meint, daß es eine Entwertung ihres des Erotischen ist, wenn es nur in der Ehe möglich, also keinen selb Selbstwert haben soll; andererseits fühlt sie den Schmerz der unvollständigen Hingabe, und sieht ein, daß sie damit eine von vielen wird, wie ich für sie einer von vielen. Sie führt dafür |:aber dagegen:| an, daß durch mich ihr Körpergefühl erwacht wäre, und sie trotz allen Schmerzes das nicht zurückgenommen haben wollte. Auch hätte sie in allem keine Spur von bösem Gewissen; sie empfände darin viel | heidnischer als Du. Ich erklärte, daß ich von Natur immer ein böses Gewissen hätte, und es nur mit Nietzsche (Details anzeigen) überwunden hätte. -- Ich unterschied dann bei mir zwei Zeiten, die bis vor einem Jahr, wo alles ein großer Rausch war, also erstes Hindeuten, wirklich göttlich und darum als Ganzes gut, und die schöpferische Wurzel meiner meisten Ideen; daß es aber seit dieser Zeit für mich wesentlich eine Sache der Auslösung von Spannungen ohne erhebliche seelische Bewegungen und darum falsch wäre. Hier liegt im individuellen Leben vor, was ich für das Geschichtsleben ausgeführt habe: der „Kairos“, d.h. der inhaltsvolle Zeitmoment, der alles ändert, und manches unmöglich macht, was vorher möglich war. Es ist jetzt nicht die Stunde der Erotik für mich da, und darum ist es Sünde, wenn ich es doch tue; das fühlte ich auch gestern wieder; nicht ein allgemeines Gesetz hindert mich, darin würde ich immer noch mit Dir kämpfen; sondern mein Gesetz, das zugleich unser Gesetz ist; denn ich bin nicht mehr abgesehen von Dir. Und darum | will ich jetzt meinem Kairos gehorchen, wie in meinen Arbeiten und meiner Politik dem allgemeinen Kairos. Und wie zu jedem Kairos eine innere Katastrophe des Alten gehört, so ist der Krieg und die Revolution die Katastrophe des Allgemeinen, und Dein Kommen zu mir, und Dein Kampf in den Ostertagen die Katastrophe meines Alten gewesen. -- Es fehlt mir etwas, nicht das Körperliche, das schrieb ich Dir schon; ich kann das gut ausschalten. Sondern die Spannung der Nerven, die das Denken an das Erotische mir gab; ich bin auch darin jetzt in der „schöpferischen Pause“. Aber was der Anregung fehlt, das kommt dem Willen zu gut; und auch das gehört zum Kairos. -- Und nun Geliebte, unsäglich Geliebte, laß mich Dich in mich aufnehmen in allen Seiten meiner Seele und in allen Fasern meines Leibes. Ich bin zu Dir hin geschaffen, und zu Dir hin drängen mich alle Tage und alle Sonne und aller Wind und alles Grüne und alle Müdigkeiten des neuen Werdens. Ich bin ganz Dein!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aKlatt, Fritz
bWerner, Marie Luise
cWerner, Louise
dHahl, Margot
eNietzsche, Friedrich
fTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich aus dem Jahr 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01496.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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