Der editierte Text

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Geliebte, heiß Geliebte, siegreich Gegenwärtige!

Es ist Abends 1/2 12 und ich habe einen Sonntag hinter mir, der unter Deinem Auftrag stand: Am Vormittag war ich mit Wegener (Details anzeigen) und Frau zusammen, und um Zeit zu sparen, gingen wir zu Heckel (Details anzeigen) ins Kronprinzenpalais. (Er hat das Unglück, daß die Mark-Ausstellung noch z. Z. da ist, und erscheint als der kleine Meister neben den großen.) Am Nachmittag war Hedwig Frankenstein (Details anzeigen) bei mir, und ich sagte ihr einiges von Dir, wonach sie fragte, und sprach mit ihr über erotische Halbheiten und sagte ihr, daß ich von nun an Göttingen (Details anzeigen) in Friedenau (Details anzeigen) auftun würde. Sie war traurig und litt sichtlich unter dem Verzicht, der in allem für sie lag. Und am Abend war ich bei Barbara Müller, der Näherin meiner Vorhänge, und sprach mit ihr über Arbeit, und da sie selbst viel arbeitet, so verstand sie mich. Die erste, zu der ich gesprochen hatte, war M. L.chen (Details anzeigen) und sie schrieb mir einen traurigen Brief, dem auf meine Antwort hin ein bitterer folgte. Es war mir das ein besonders großer Schmerz; denn ich kann sie als Deiner Atmosphäre angehörig gar nicht entbehren. Aber vielleicht ist es doch gut so. Ich nehme an, daß | Ihr miteinander sprecht, und ich wollte nur sagen: Ich habe sehr hart zu ihr gesprochen, durch das einfache Wörtchen: „Ihr“ sie tief verletzt. Dies Wort war richtig, insofern es sich um erotische Halbheiten handelte, falsch, insofern ich zu ihr als Mensch durchaus und ganz besonders ein Du-Verhältnis hatte und habe. Wenn Du ihr dieses deutlich machen könntest, so wäre es sehr schön. Du siehst, ich kämpfe, das Gelübde jenes Abends zu halten Ich stelle mich unter das Gericht Deiner Briefe und ringe mit dem Bündnis der beiden Mächte[,] die mich immer wieder bezwingen: Gutmütigkeit und {¿¿}lichkeit. Jede für sich würde ich bezwingen; aber beide zusammen sind sehr stark für mich. Deine Briefe helfen mir unendlich: denn gerade, wenn sie mit der Gewalt ihrer Leidenschaft jeden Tropfen Blut peitschen, zeigen sie mir, daß ich nichts verlieren, sondern nur unendlich gewinnen kann, wenn ich auf Dich warte. Ich danke Dir für jedes Deiner Worte; ich danke Dir für alles; ich lebe aus Dir und zu Dir; ich liebe Dich unsäglich! Nun noch ein paar Menschen; dann bin ich durch, und werde, denke ich, Ruhe haben. Ich muß jetzt, hilf mir!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aWegener, Carl Richard
bHeckel, Erich
cFrankenstein, Hedwig
dGöttingen
eBerlin-Friedenau
fWerner, Marie Luise
gTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin-Friedenau - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich aus dem Jahr 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01497.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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