Undatierter Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich aus dem Jahr 1922

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Der editierte Text

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Geliebte, Heißersehnte, Ruhe und Halt meiner Seele!

Lange habe ich nichts von Dir gehört! Die zweite Mittwochspost brachte nichts von Dir; dann ist mir immer; als ob etwas in mir wankte und ich fühle wie Deine Wirklichkeit immer mehr das Fundament meines irdischen Daseins geworden ist! Ich brauche Dich Hannah (Details anzeigen); arm und nackt rufe ich Dich: komm und kleide mich Armen und nähre mich, komm und zeige mir den Weg, komm und stütze meinen Arm! Ich habe viel Hilfloses in meinem empirischen Dasein. Sachen und Menschen, mein Körper und meine Stimmungen sind mir oft so lastend. Ich weiß, daß es gut ist zu tragen; ich weiß, daß ich fertig werden kann; aber irgend etwas fehlt mir, ein Lebenselement, indem ich tief atmen und ja sagen kann; und ich weiß, das bist Du! Wann kommst Du im Februar? Kannst Du es nicht ermöglichen? Die Stunden mit Dir zählen nur noch ganz in meinem Leben; in allen anderen ist Negativität. Mit Dir wird alles Negative positiv. -- Marie-Luise (Details anzeigen) war bei mir; ich war so lieb wie möglich zu ihr; ich habe sie leise gestreichelt und ihren Hals geküßt. Sie | ist tief, sehr tief versteckt; und es wird schwer sein, sie herauszuholen. Ich habe ihr gesagt, daß es höchste Zeit für sie wäre, damit sie nicht zur alten Jungfer würde; und sie weiß das auch. Ich selbst aber kann ihr so wenig helfen, da ich sie nie an sich lieben könnte. -- Vor einigen Tagen ist ein Kind zu mir gekommen von 22 Jahren, die ich vor einem Jahr auf einem Ball hatte kennen gelernt, und die mir dann in einem groben Brief abgeschrieben hatte, da sich |:sie:| mich nicht leiden könnte. Jetzt kam sie an, wie eine Suchende, Schutzbedürftige, ganz klein und dankbar für jedes liebe Wort, das ich ihr sagte; und ich nahm ihren Kopf in meine Arme und -- ließ sie dann gehen; und nun? Sie wird wiederkommen ... ich habe ihr schon von Dir erzählt und werde es noch mehr tun; nur dann ... Vielleicht ist sie ein Engelchen, das Du mir geschickt hast, mich zu trösten bis Du kommst; mir war immer so zu Mut, wenn ich an sie dachte; kann es Engel geben, die wieder davonfliegen? -- Liebe, liebe Hannah (Details anzeigen), sei mein |:rettender:| Engel, mein Heil, mein Friede!

Dein Mensch!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Hannah
bWerner, Marie Luise
cTillich, Hannah

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.19
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Zitiervorschlag

Undatierter Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich aus dem Jahr 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01509.html, Zugriff am ????.

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