Der editierte Text

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Donnerstag.

Geliebte, schmerzensreiche Hannah (Details anzeigen)!

In die Arme möchte ich Dich nehmen und durch diese Tage des Wartens und der Not hindurchtragen. Ich möchte Dich umhüllen in meiner Liebe und bin doch so schwach in ihr; ich möchte bei Dir sein und Dich tragen, und ich bin fern von Dir, und meine Liebe ist so schwach und jämmerlich, daß sie Dir immer wieder Last macht, statt Dich zu tragen; ach Hannah, wie kann ich je der Leiden wert werden, die Du um mich leidest! -- Und doch ist es als ob eine Verbindung unseres Lebens auch in leiblicher Beziehung da wäre; ich gehe fast kaput an der ununterbrochenen Kälte dieses furchtbaren Winters, der nie aufhört. Ein, zwei Tage, Sonntag und Montag, war ich mal wieder voller Leben, als die Sonne mich durchstrahlte, dann der Umschwung, und wieder ist das Herz matt und der Kopf mit dem Brett läßt keine Gedanken durch; es ist zum Verzweifeln. -- Gestern und vorgestern war Hermann Schafft (Details anzeigen) hier; er hatte eine Sitzung. Wir waren natürlich die ganze Zeit zusammen und es gab vielerlei Anregungen. In einem Berliner Lokal unterhielten wir uns lange über die Notwendigkeit des Negativen. Ich | unterschied eine ethische und eine tragische Betrachtungsweise; die ethische, die in jedem Augenblick das Negative überwinden muß, und die tragische, die in der Gesamtentwicklung die tragische Notwendigkeit des Negativen sieht. Aber es ist nicht leicht, beides zu vermitteln. -- Im Kolleg sah Hermann (Details anzeigen) M. L. chen (Details anzeigen) erheblich zu spät hereinkommen, und da alle Plätze besetzt waren, sich im Türrahmen festhalten; er hatte einen sehr feinen Eindruck von ihr, und sagte, er hätte gleich geahnt, daß Beziehungen bestünden; ich habe ihm aber nichts verraten. -- Sonntag ist die Wahl Fredes (Details anzeigen) an die Französische Kirche in Frankfurt (Details anzeigen); ich bin sehr gespannt auf die Entscheidung; Trudchen (Details anzeigen) ist ein Auto über beide Beine gefahren, ohne sie organisch zu verletzen. Sie hat aber geschwollene Beine und kann nicht zu Elisabeth. Statt dessen geht Ruth Schaidt. Vielleicht kommt Trudchen (Details anzeigen) nachher einige Wochen zu mir, da Toni (Details anzeigen) in der nächsten Zeit einen Johanniter-Urlaub antreten soll; ich weiß noch nicht, wie das alles wird. -- Über Albert (Details anzeigen) kann ich nur sagen, daß ich in den Tagen, wo ich Dich zu verlieren glaubte, fühlte, was er | fühlen muß: Was es heißt: Dich zu verlieren; und ich fühlte auch, daß er hart werden muß, um nicht daran zu zerbrechen und sich von Dir abwenden muß. Es ist gut, daß er es tut, denn es ist seine Rettung. Wenn ich es bei Greti (Details anzeigen) nicht tat, war es, weil ich sie nicht mit der letzten Liebe lieben konnte. Wenn Du von mir gingest, würde ich mich ebenso von Dir abwenden, und würde hart werden gegen alles was mit Dir zusammenhinge. Es gibt Lagen, in denen eine direkte Beziehung nicht möglich ist, und gerade deswegen vermieden werden | muß, damit nicht die indirekte Verbindung über Gott unmöglich wird durch Haß und Bitterkeit. Und dennoch weiß ich, was es heißt, einen Menschen zu verlieren, die Bande des Blutes zu zerschneiden. Ich leide mit Dir in jedem Augenblick, unbewußt und bewußt; und ich weiß, daß die letzte und schwerste Krisis uns noch bevorsteht. -- --

Und nun ruhe Hanna, ruhe; schreibe nicht, wenn Du nicht kannst; laß Deine Seele in die Tiefen des neuwerdenden Lebens untertauchen; vergiß alle Spannungen und löse sie auf in heiliger Mutterschaft!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Hannah
bSchafft, Hermann
cSchafft, Hermann
dWerner, Marie Luise
eFritz, Alfred
fFrankfurt am Main
gFritz (geb. Horn), Gertrude
hFritz (geb. Horn), Gertrude
iWinkler, Toni
jGottschow, Albert
kTillich, Margarete
lTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich aus dem Jahr 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01493.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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