Der editierte Text

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Geliebte Hannah (Details anzeigen)!

Leider kann ich Dir einen Termin immer noch nicht sagen, da H. Schafft (Details anzeigen) mir noch nicht geschrieben hat; ich tue es, sobald seine dringend angeforderte Antwort da ist. Von Deinen drei Möglichkeiten scheidet Hannover (Details anzeigen) aus. Erstens kriegen wir keine Zimmer, zweitens ist es zu teuer, drittens ist die Sache Albert (Details anzeigen) gegenüber doppelt schwierig. Bremen (Details anzeigen) ist mir sachlich unmöglich. Ich habe zu sehr unter den Weihnachtstagen gelitten, als daß ich diese Komplexe wieder heraufbeschwören und mich innerlich schwächen möchte. Es kommt also nur Berlin (Details anzeigen) in Betracht. Die „{Pracht}“ meines Zimmers ist dabei sehr gleichgültig. Mit Deiner Müdigkeit werde ich rechnen. Entweder fahre ich gleich mit Dir vom Bahnhof zu M. L. (Details anzeigen) und Du bleibst dort bis zur Abreise; oder ich quartiere Dich hier in der Nähe ein und Du wohnst offiziell bei Lotte Storch (Details anzeigen) wegen des Ripdorfer Gewäschs. Ich werde es heut mit M. L. (Details anzeigen) besprechen; Hin- und Herziehen kommt natürlich nicht in Betracht. Mit dem Koffer hast Du ja nichts zu tun, da Dich ja in Bremen (Details anzeigen) Frede (Details anzeigen) hinbringt und | ich Dich hier abhole und entweder zur Bahn bringe oder mit Dir fahre. Also liebes Hannahchen (Details anzeigen): Tritt aus dem Stadium der Erwägung in das des Entschlusses und komm! Den Tag schreibe ich dann! Wie ich mich freue, kannst Du Dir denken; und daß wir uns sehen, ist notwendig; und ich werde Dich auf den Händen tragen, Geliebteste!

Frede (Details anzeigen) teile mit, daß ich im „Vaihinger (Details anzeigen)-Festheft“ der Kantstudien gedruckt werde; dazu Sonderabzüge zum freien Verkauf; es ist das denkbar Günstigste; denn so kriegen es zunächst einmal 3000 Leute, ehe der Ladenverkauf beginnt; und in dem Festheft stehe ich mit allerhand großen Tieren zusammen. -- Gestern war der Theosophentag. Der Saal der Singakademie überfüllt; ich schon um 1/2 8 aufgestanden; unerhört! Erst sprach Steiner (Details anzeigen) -- sehr schlecht; aber mit fanatischem Beifall seiner fanatisierten Anhänger, die wie eine kompakte, undurchdringliche Masse im Parkett saßen; dann ein Schüler, Lic. Bock, der eine zutreffende Kritik der liberalen Theologie gab; dann Rittelmeyer (Details anzeigen), der Otto (Details anzeigen) und den Irrationalismus absägte, und, trotzdem er unbedeutend aber nicht schlecht sprach, einen | ungeheuerlichen Beifall auslöste. Ich hatte mich bald zu Wort gemeldet, und gab die kritischen Dinge zu, erklärte aber, daß die Anthroposophie nicht nötig wäre; und dadurch schädlich wäre, daß sie den Geist vergegenständlichte und Gott von einem Werk der Konzentration abhängig machte, und ihn vermischte mit einer Geisterwelt anstatt ihn unmittelbar als Basis aller Wirklichkeit zu haben etc. Ich hatte größte Aufmerksamkeit und sehr starken Beifall. Dann kam Schweizer und machte durch einen Lapsus alles kaput; er warf der Theosophie bewußte und unbewußte Irreführung vor; da war es Steiner (Details anzeigen) ein Leichtes, in der Entgegnung in unverschämter Weise eine Diskussion abzulehnen, da wir von der Theosophie nichts verstünden (ich hatte in der Eile (5 Minuten Diskussionszeit) ein paar Mal statt Anthroposophie Theosophie gesagt) (frenetischer Beifall besonders der wildgewordenen Weiber). Rittelmeyer (Details anzeigen) ging dann sehr nett auf mich ein, aber unglaublich oberflächlich; er hat offenkundig seine geistige Freiheit verloren. Ich halte ihn für einen geborenen Mystiker, der in ein [sic!] einer an sich unmystischen Zeit | die Wege der inferioren Mystik geht; es gibt nämlich immer eine niedere und eine höhere Form; und wo die höhere verschwindet, droht das Hervorbrechen der niederen. Die Kraft dieser Bewegung hat einen großen Eindruck auf mich gemacht und mir die ungeheure Verantwortung der Theologie vor Augen geführt.

Inzwischen ist die Marburger Sache erledigt, insofern der dort schon vorhandene Heiler (Details anzeigen) Nachfolger Stephans (Details anzeigen) geworden ist. Ich muß gestehen, daß ich aufgeatmet habe. Es scheint mir ein Schicksalswink auch für uns zu sein. -- Ich will diese Ferien nicht nach Bremen (Details anzeigen), da es dringend nötig ist, einmal hier zu sein und alles Sachliche und Menschliche in Ordnung zu bringen, was im Semester liegen geblieben ist. Es ist schön, auch mal Ferien zu Hause zu haben.

Inzwischen habe ich mit M. L. (Details anzeigen) gesprochen. Sie hält es für das Beste, daß ich Dich hier irgendwo unterbringe. Sonst aber ginge es auch s in Neukölln (Details anzeigen). Von H. Schafft (Details anzeigen) immer noch nichts. Eventuell telegraphiere ich.

Leb' wohl, liebes geliebtes Hannahchen!

Ich sehne mich nach dem Tag des Sehens!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Hannah
bSchafft, Hermann
cHannover
dGottschow, Albert
eBremen
fBerlin
gWerner, Marie Luise
hStorch, Lotte
iWerner, Marie Luise
jBremen
kFritz, Alfred
lTillich, Hannah
mFritz, Alfred
nVaihinger, Hans
oSteiner, Rudolf
pRittelmeyer, Friedrich
qOtto, Rudolf
rSteiner, Rudolf
sRittelmeyer, Friedrich
tHeiler, Friedrich
uStephan, Horst
vBremen
wWerner, Marie Luise
xNeukölln
ySchafft, Hermann
zTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich aus dem Jahr 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01492.html, Zugriff am ????.

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