Der editierte Text

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Liebe, geliebte Hannah (Details anzeigen)! Deine heutige Postkarte hat mich sehr beglückt: Sie ist so ruhig und klar und strömt das Gefühl unserer Nähe aus. Ich danke Dir dafür! Gestern nach dem Kolleg war ich mit M. L. (Details anzeigen) zusammen; sie las mir aus Deinem Brief vor und ich ihr aus Deinen Briefen. Du warst mitten unter uns! Die Schwierigkeit unseres weihnachtlichen Zusammenseins nach außen hin habe ich schon bedacht. Aber es ist unmöglich, sie so zu lösen, daß Du nach Marburg (Details anzeigen) gehst. Darin waren wir beide sofort klar. Du mußt das Asyl der inneren Ruhe, das Du in Bremen (Details anzeigen) hast, um Deinet- und Deines Kindes willen behalten. Und Du mußt die geschäftlich günstige Lage, die Bremen (Details anzeigen) Dir bietet, ausnutzen. Jetzt eine Reise, ein neues Abbrechen, der Kampf zu Haus um das Verstehen, wäre verhängnisvoll. Du mußt erst körperlich ganz gesund sein, eine Geld bringende Position haben und durch die Zeit eine ausreichende Beruhigung bei den andern, ehe Du gehst. Es bliebe also der Ausweg, daß ich nicht komme. Ich will nicht in Betracht | ziehen, inwieweit das meinem Schwager (Details anzeigen) schwer würde. Du würdest mich sicher weitgehendst ersetzen; aber ich frage mich, ob wir etwas so Unnatürliches wegen der Außenwelt tun müssen. Ich kann mich nicht davon überzeugen: Denn erstens wird doch geredet, wenn bekannt wird, daß Alfred (Details anzeigen) mein Schwager (Details anzeigen) ist, zweitens kann meine Reise im Verborgenen bleiben, drittens kann niemand erwarten, daß ich die feste Gewohnheit aufgebe, alle Ferien in Bremen (Details anzeigen) zu sein. -- Aber es kommt etwas Tieferes hinzu: Unser gegenseitiges wirkliches Finden ist jetzt wichtiger, als die Klatschmöglichkeiten, mit denen wir doch zu kämpfen haben. Trudchen (Details anzeigen) hat Recht, wenn sie dieses eine Bagatelle gegenüber dem Entscheidenden nennt, was Du getan hast. Es ist aber keine Bagatelle, sondern es ist für mein ganzes Innere entscheidend, ob ich mit Dir oder ohne Dich in das neue Jahr gehe. Ich will Klarheit, Festigkeit, Ruhe haben, und es wäre töricht und widersinnig, wenn wir die erste Gelegenheit, seitdem wir uns kennen, uns längere Zeit in Ruhe zu sehen, wegwerfen würden. Ich kämpfe lieber gegen Klatsch, als gegen innere | Unsicherheiten. Die absolute Klarheit und Sicherheit des Willens besiegt den Klatsch; und darum will ich, daß Du da bist. Im Übrigen ist die Tatsache, daß Du in einem der bekanntesten und besten Bremer (Details anzeigen) Häuser bist (im Sinnen der Gesellschaft) ein starker Schutz für Dich. Ich bleibe also dabei, daß Du unter keinen Umständen jetzt nach Marburg (Details anzeigen) gehst, und |:daß Du:| Deiner Mutter (Details anzeigen) viel schreibst, und sagst, warum nicht; ebenso daß ich komme und wir uns in Ruhe sehen. Ob Du dann doch noch einige Tage auf ein {Bierdorf} fährst oder degl. sehen wir wenn ich da bin. Ich komme Donnerstag, da ich Mittwoch noch zum Zahnarzt muß. Auch will ich Mittwoch Abend mit Tante Toni (Details anzeigen), Simons (Details anzeigen), M. L. (Details anzeigen), Sydows (Details anzeigen) noch eine kleine Weihnachts-Abschiedsfeier machen. -- -- Bitte sage Alfred (Details anzeigen), er solle sich schon jetzt [nach] einen Baum, den schönsten in Bremen (Details anzeigen), umsehen; ich beteilige mich zur Hälfte; es ist fraglich, ob es Freitag noch welche gibt. Schreibe bitte auch noch an M. L. (Details anzeigen), als was sie Trudchen Horn (Details anzeigen) in Marburg (Details anzeigen) vorstellen soll; denn wenn sie gar nichts sagen darf, so ist das doch auffällig. | Selbstverständlich schreibe ich nicht an A (Details anzeigen), wenn Du es nicht für richtig hältst. Es war nur eine Möglichkeit. -- Ich halte es zunächst für unmöglich, daß Du mit ihm über Geldsachen sprichst. Das wäre nicht schön. Mit M. L. (Details anzeigen) habe ich verabredet, daß sie sagt: Sie und Lotte Storch (Details anzeigen) geben ihre Zulage. Dort wohnst Du fast frei, da Du zugleich Stütze der Hausfrau bist. Im übrigen wirst Du sehr bald Geld verdienen. -- Was mich betrifft, so kommt mir das Geld geradezu ins Haus. Ich habe heut Nachittag wieder eine große Verhandlung, die möglicherweise zu einer zweijährigen Finanzierung führen wird. Liebe, liebste Hannah (Details anzeigen)! Begreife, daß es für uns letztlich nur innere, nicht äußere Probleme gibt! Soviel Schicksalsgefühl müssen wir haben. -- Ich freue mich unendlich auf Dich! Und doch ist so viel {Erastes} und Willenhaftes in meiner Freude, daß sie mehr ein unendliches Aufatmen ist nach langem schweren Druck. Ich bin immer bei Dir!

Paul.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Hannah
bWerner, Marie Luise
cMarburg an der Lahn
dBremen
eBremen
fFritz, Alfred
gFritz, Alfred
hFritz, Alfred
iBremen
jFritz (geb. Horn), Gertrude
kBremen
lMarburg an der Lahn
mWerner, Louise
nWinkler, Toni
oSimons, Hans
pWerner, Marie Luise
qSydow, Eckart von
rFritz, Alfred
sBremen
tWerner, Marie Luise
uFritz (geb. Horn), Gertrude
vMarburg an der Lahn
wFritz, Alfred
xWerner, Marie Luise
yStorch, Lotte
zTillich, Hannah

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom Dezember 1921, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01491.html, Zugriff am ????.

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