Der editierte Text

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Frankfurt a. M.-Römerstadt (Details anzeigen), Im Heidenfeld 561
Pfingstheiligabend 2

Lieber Till (Details anzeigen)!

Ich hab mich über Seine Grüsse gefreut,3 nur so macht es mir Spass, gleich zu antworten. Ich wollte neulich schon einen Brief ins Blaue starten: „An den ruchlosen Verfasser von..., – Deutschland.“ Der wäre sicher angekommen! Es hat uns so leid getan, dass wir einander gar nicht mehr gesehen haben. Ich hatte doch Seiner Frau (Details anzeigen) sozusagen versprochen, Ihn zwecks Aufheiterung öfters vom Hause fortzunehmen, mit dem Auto. Das ging dann nicht, weil ich so lange auf meinen Führerschein warten musste, – die elende Polizei hat meine Papiere so langsam erledigt. Kaum hielt ich ihn in der Hand, als ich bei Ihm, d. h. Gaby (Details anzeigen), anrief, 3 Mal am selben Nachmittag! Aber er war auf irgendeiner Lust-Tournée, u. ich habe Ihn nie wiedergesehen.

Von Naumann4 hörte ich später, dass dies Sein letzter Tag in Frankfurt (Details anzeigen) gewesen sei. Reiseziel wusste der arme Imbezille nicht. Ich freue mich nun, dass man (= Plural von „Er“) nach Rügen (Details anzeigen) gegangen ist, ich hab Ihm das doch damals so warm angepriesen.

Meine 1. Ausfahrt hat dann (mit mir ganz allein!) Naumann durchgemacht, der einem ja in jeder Beziehung restlos zu Gebote steht. Das ging schon| flott, vorläufig 90 Stundenkm. Naumann barst schier vor Bewunderung (dazu gehört bei ihm nicht viel) u. hat meinen Ruhm inzwischen weit verbreitet.

Jetzt hab ich dem Auto grössere Düsen gekauft, u. nun kann es 120 km. Leider sehe ich einem Strafmandat entgegen. Meine theoretische Prüfung verlief sehr witzig. Ich hatte ein dafür übliches Buch furchtbar flüchtig durchgelesen u. auch komplett begriffen, nur nicht besonders auf all die mir fremden technischen Ausdrücke geachtet. So wimmelte es in meinen Antworten vor Nockerln, Nutten u. Zweiaktern.

Rhotert (Details anzeigen) ist seit einer Woche leider mit Auto u. mit Frobenius (Details anzeigen) darin fort an den Lago Maggiore (Details anzeigen), wo der 60 Jahre zu werden Drohende ein kleines Landhaus besitzt. Er hatte uns beide eingeladen, aber ich hab lieber verzichtet, weil seine Frau (Details anzeigen) mit ist. Selbe ist berüchtigt für eine böse Zunge, mit der sie besonders heimtückisch nach Frauen zu stechen versteht.

Gestern hab ich Frobenii (Details anzeigen) neuestes Buch (Details anzeigen) in Manuskript korrigiert, eine riesig umfangreiche Schwarte.5 Ich hatte es verschwitzt und musste es deshalb ganz u. gar an einem Nachmittag machen. Hat 8,50 M gekostet (weil ich nämlich in der Bodega sass, um abwechselnd mit Kaffee, Cognac u. Wermuth mein Arbeitstempo zu steigern). Jede Stunde kam ein Kurier vom Institut u. holte das inzwischen Fertige ab für den Druck. Ich kam mir wichtig vor! Den Abend beschloss ich im schwarzen Stern u. kam auf Spiralen nach Hause. Ich bin ja Junggeselle.

Zur Zeit ist es für mich so, dass es in Frankfurt (Details anzeigen) niemand gibt, an dem zu hängen sich lohnte. Dieser Umstand macht mir Seine (wenn ich so sagen darf:) Neigung spät u. nachträglich in etwa wertvoll. Bitte viele Grüsse an Gnäfrau (Details anzeigen). Schreib Er mal wieder dem Häuptling|

Ich6 weiss mit der Adresse nicht Bescheid. Müsst ich Ihn als beurlaubten Professor wohl besser bezeichnen als „Genosse Tillich (Details anzeigen) “? Übrigens „Meeresgruss“! Was Kitschigeres konnte Er wohl nicht finden? Ich kann mir nicht versagen zu schreiben:

Grüss er mir mein geliebtes Meer, wagalaweia7.

Bitte beigefügte Urkunde unterschreiben u. wiederschicken! 8 (Er hat es mir mündlich versprochen, aber schriftlich ist mirs sicherer).


Fußnoten, Anmerkungen

1Laut dem Frankfurter Adressbuch des Jahres 1933 wohnte in dieser Wohnung Hans Rhotert (Details anzeigen). Dieser kann dem Briefinhalt nach jedoch nicht der Verfasser sein. Etwaiger Verfasser (siehe dazu auch unten) könnte Helmut von den Steinen (Details anzeigen) oder Heinrich „Heinz“ Wieschhoff (Details anzeigen) gewesen sein. Von den Steinen (Details anzeigen) hat, wie eine im Tillichnachlass liegende Einschreibe-Liste zeigt, mindestens Tillichs Vorlesung zur Geschichtsphilosophie (Details anzeigen) im Wintersemester 1929/30 besucht. Die Signatur der erwähnten Erinschreibe-Liste lautet: Harvard Divinity School Library; Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974; bMS 649/38(3).
2Pfingstsonntag 1933 war am 4. Juni. Der Brief dürfte demnach am 3. Juni (dem Abend vor Pfingsten), womöglich auch am 4. Juni 1933 abends abgefasst worden sein.
3Liegt nicht vor.
4Die Identität des hier und im Folgenden genannten Naumann ist nicht restlos geklärt, es dürfte sich aber um den Mediävisten und Volkskundler Hans Naumann (Details anzeigen) handeln, der bis 1931 an der Universität Frankfurt und seit 1932 in Bonn lehrte.
5Die Titelei des Buches vermerkt Helmut von den Steinen (Details anzeigen) sowie Heinrich Wieschhoff (Details anzeigen) als Verantwortliche für Korrektur und Registererstellung.
6Ab hier quer am linken Rand der ersten Briefseite weitergeschrieben.
7Richard Wagner (Details anzeigen), Das Rheingold (WWV 86 A) (Details anzeigen), Erste Szene. Die Oper beginnt mit den Worten „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala weiala weia!“ Das im Brief zitierte Wort „Wagalaweia“ kann mit „Wasser, bewege Dich!“ übersetzt werden (eine Zusammensetzung aus ahd. „wâg“, bewegtes Wasser, sowie dem Imperativ von got. „weian“, wehen).
8Liegt nicht vor.

Register

aFrankfurt (Main)-Römerstadt
bRhotert, Hans
cSteinen, Helmut von den
dWieschhoff, Heinrich
eSteinen, Helmut von den
fTillich, Vorlesung zur Geschichtsphilosophie, Frankfurt Wintersemester 1929/1930, None
gTillich, Paul
hTillich, Hannah
iOppenheim, Gabrielle
jNaumann, Hans
kFrankfurt am Main
lRügen
mRhotert, Hans
nFrobenius, Leo
oLago Maggiore
pFrobenius, Editha
qFrobenius, Leo
rFrobenius, Kulturgeschichte Afrikas. Prolegomena zu einer historischen Gestaltlehre, 1933
sSteinen, Helmut von den
tWieschhoff, Heinrich
uFrankfurt am Main
vTillich, Hannah
wTillich, Paul
xWagner, Richard
yWagner, Das Rheingold (WWV 86 A), None

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/208(7)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Frankfurt am Main - Sassnitz (Rügen)
voriger Brief in der Korrespondenz
Postkarte von Unbekannt an Paul Tillich vom 24. August 1907

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief eines unbekannten Verfassers an Paul Tillich vom 3. oder 4. Juni 1933, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01231.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01231.html |titel=Brief eines unbekannten Verfassers an Paul Tillich vom 3. oder 4. Juni 1933 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum= |abruf=???? }}
L01231.pdf