Der editierte Text

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Dresden (Details anzeigen), Elisenstr. 11, d. 23.6.261

Sehr geehrter Herr Siebeck (Details anzeigen)!

In diesen Tagen habe ich wie selten die Wahrheit des alten griechischen Wortes erfahren: ὁ πρότερος λέγων ἰσχύει, wer das erste Wort hat, ist der Stärkere. Es wird mir sehr schwer, Ihnen nach Ihrem letzten Brief (Details anzeigen), in dem Sie mein Vertrauen zu Ihnen mit Ihrem Vertrauen zu mir beantworteten, zu schreiben, daß die ältere Bindung, die ich nun einmal eingegangen war, sich als die stärkere erwiesen hat. Reichl (Details anzeigen) ist allen meinen Wünschen entgegengekommen, und hat wider mein Erwarten – ich schrieb Ihnen meinen Zweifel – mir die Vorbedingungen ruhiger Arbeit gewährleistet. Unter diesen Umständen war ich sachlich und moralisch gezwungen, ihm die Dogmatik zu geben.

Darüber hinaus liegen die Dinge nun aber so, daß er mich gewissermaßen ganz übernehmen und dafür – wie schon beim Kairos-Buch (Details anzeigen) mit großem Erfolg – sehr gut ausstatten und sehr weitgehende Propaganda machen will.2 Die Vorteile dieser Sache für beide Teile liegen ja auf der Hand. Unter diesem Gesichtspunkt hat er mich teils durch sachliche Gründe teils durch eine moralische Verpflichtung, die ich in früheren Besprechungen mit ihm eingegangen wäre, dazu veranlasst, ihm auch die „Vorträge“ zu überlassen.3 Mir ist das sehr schwer geworden, aber ich konnte im Augenblick nichts dagegen machen, wenn nicht die ganze Kairos-Angelegenheit zerbrechen sollte. Die Dinge liegen nun so, dass die „Vorträge“ wenn überhaupt, jedenfalls nicht so bald kommen werden, da ich durch die veränderte Finanzlage nun im Stande bin, meine ganze Kraft auf die Dogmatik zu werfen, so daß es auch für Sie im Augenblick kein Verlust ist. Im Übrigen behalte ich mir natürlich für die Zukunft meine Freiheit vor und hoffe, daß wir doch noch zu einer gemeinsamen Arbeit kommen werden, die auch für Sie günstiger ist. Denn – ich möchte das wiederholen – ich habe unbedingtes Vertrauen zu Ihnen und es würde mir nicht einfallen, soweit ich die Wahl habe, zu jemand anders zu gehen.

Mich haben diese Verhandlungen sehr bedrückt {¿¿¿} mir viel Zeit und innere Kraft gekostet, und ich bin froh daß sie nun abgeschlossen sind, wenn auch mehr mein Gewissen als mein Herz dabei befriedigt ist. – Die „Dämonen (Details anzeigen)“ werden ständig mehr gefördert, und ich hoffe, dass ich Ihnen damit eine nicht unwichtige Sache liefern kann.

Mit bestem, wenn auch etwas betrübtem Gruß
Ihr sehr ergebener

Tillich (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Der Brief trägt den handschriftlichen Vermerk: „26.VI.26 beantw.“
2Im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 26.4.1926 (Nr. 96, 4215–4217) erschien eine mehrseitige Anzeige des Kairos-Jahrbuchs (Details anzeigen). Die Ausgabe wurde für Mitte Mai 1926 angekündigt, ein Bestellzettel lag bei. Abgedruckt sind ein Inhaltsverzeichnis und ein einführender Text, der mit dem Text in Reichls Bücherbuch von 1926 (Details anzeigen) übereinstimmt.
3Tillich (Details anzeigen) bezieht sich hier auf einen Vertrag zur Publikation seiner Gesammelten Vorträge und Aufsätze, wie er es im Brief an Oskar Siebeck vom 1. Juni 1930 (Details anzeigen) erwähnt. Wie die Prolegomena und die Dogmatik, wird auch diese Sammlung weder bei Reichl noch bei Mohr Siebeck erscheinen. Für die Publikation einer Auswahl seiner Aufsätze entschied sich Tillich (Details anzeigen) 1930 für den Furcheverlag, bei dem sie unter dem Titel „Religiöse Verwirklichung (Details anzeigen)“ erschienen ist.

Register

aDresden
bSiebeck, Oskar
cBrief von Oskar Siebeck an Paul Tillich vom 8. Juni 1926
dReichl, Otto
eTillich (Hg.), Kairos. 1ter Band: Zur Geisteslage und Geisteswendung, 1926
fTillich (Hg.), Kairos. 1ter Band: Zur Geisteslage und Geisteswendung, 1926
go.A., Reichls Bücherbuch. Siebzehntes Jahr, 1926
hTillich, Paul
iBrief von Paul Tillich an Oskar Siebeck vom 1. Juni 1930
jTillich, Paul
kTillich, Religiöse Verwirklichung, 1930
lTillich, Das Dämonische. Ein Beitrag zur Sinndeutung der Geschichte, 1926
mTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Archiv des Verlages J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Nachl. 488, A 0469,5; Blatt 143-205
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Dresden - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Postkarte von Paul Tillich an Oskar Siebeck vom 15. Juni 1926 [PS]
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Oskar Siebeck an Paul Tillich vom 26. Juni 1926

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Oskar Siebeck vom 23. Juni 1926, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00877.html, Zugriff am ????.

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