Brief von Paul Tillich an Theologische Fakultät der Universität Berlin vom 15. Mai 1921

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Der editierte Text

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Lic. Dr. Paul Tillich (Details anzeigen) Berlin-Friedenau (Details anzeigen), Taunusstr. 1
Privatdozent 15. Mai 1921.
betr. Lehrauftrag

Der Hochwürdigen Theologischen Fakultät der Universität Berlin (Details anzeigen) erlaube ich mir, ein Gesuch um Erteilung eines Lehrauftrages vorzulegen, mit der Bitte es unterstützen und an das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung weiterleiten zu wollen.

Ich habe mich nach Vorbereitungen, die im Sommer 1914 abgeschlossen waren, vom Felde aus im Sommer 1916 in Halle (Details anzeigen) habilitiert. Am Kriege habe ich als Feldgeistlicher der 7. Res. Division vom September 19141 bis September 1918 teilgenommen. Nach Entlassung aus dem Heeresdienst (zuletzt in Spandau (Details anzeigen)) am 1. Jan. 1919 habe ich mich nach Berlin (Details anzeigen) umhabilitiert und im Sommer 1919 mit den Vorlesungen begonnen. Der Grund der Umhabilitation war die Änderung der wirtschaftlichen Lage durch den Krieg und die Möglichkeit, als Stadtvikar der Stadt Berlin (Details anzeigen) eine Stelle zu finden, die zeitweilig eine Existenzbasis gab. Sie ist jetzt in Wegfall gekommen, da ein vollbeschäftigter Stadtvikar angestellt ist; und dieses ist der äußere Anlaß meiner Bitte.

Ich bin im August d. J. 35 Jahre alt. Meine bisherige Arbeit bewegte sich auf den Grenzgebieten von Theologie und Philosophie. Die Doktor- und Lizentiaten- Arbeit behandelten religionsphilosophische Fragen über Schellings (Details anzeigen) Philosophie. Die zweite ist unter dem Titel: „Mystik und Schuldbewußtsein in Schellings philosophischer Entwicklung (Details anzeigen)“ in den „Beiträgen zur Förderung christlicher Theologie“ abgedruckt. Meine principielle Stellung habe ich in einem Vortrag in der Kantgesellschaft (gedruckt in den „Vorträgen der Kantgesellschaft“) über die „Idee einer Theologie der Kultur“2 entwickelt. Es handelt sich für mich darum, die Gebiete des Kulturlebens auf ihren religiösen Gehalt hin zu analysieren, um aus diesen Analysen Bausteine für einen systematischen Aufbau einer Religionsphilosophie zu gewinnen, die zugleich ein umfassendes System der Kulturphilosophie sein kann. In dieser Richtung hat sich denn auch meine Arbeit, die wesentlich in der Vorbereitung neuer Kollegs bestand, bewegt. Ich habe gelesen eine „Religionsphilosophie“ und zur Vorbereitung ein Publikum über „Religion und Kultur“, zur Analyse der sozial-ethischen Dinge eine Vorlesung über den „religiösen und philosophischen Gehalt der staats- und wirtschaftspolitischen Richtungen“; gegenwärtig arbeite ich an einem dreisemestrigen Kolleg über den „religiösen Gehalt der griechischen und abendländischen Philosophie“.3 Im Wintersemester beabsichtige ich, unter diesem Gesichtspunkt das Mittelalter zu behandeln. Nach Abschluß dieser Vorlesungen, die dann einen 5-semestrigen Turnus gewährleisten, will ich zu größeren litterarischen Arbeiten übergehen, die aber wegen der Notwendigkeit erstmaliger Durcharbeitung des Stoffes unter den neuen Gesichtspunkten unmöglich war.

Die Zahl meiner Hörer schwankt um 30 herum. Sie setzt sich etwa zum gleichen Teil aus Theologen und Nicht-Theologen zusammen. Als Boden für Arbeiten, wie die meine, scheint mir Berlin (Details anzeigen) besonders geeignet zu sein, da sich hier eine genügende Zahl universal interessierter Hörer zu finden pflegt. – Ich bitte deswegen, mir die Möglichkeit der Weiterarbeit in der bezeichneten Richtung durch Erteilung eines Lehrauftrages für „religiöse Kulturphilosophie und Geschichte der Religionsphilosophie“ zu gewähren.


Fußnoten, Anmerkungen

1In seinem Brief vom 3. Dezember 1918 gibt Tillich den 1. Oktober 1914 als Tag seines Eintritts in das Heer als Feldgeistlicher an. Das Datum 1. Oktober 1914 wird bestätigt durch das Schreiben des Evangelischen Konsistoriums der Mark Brandenburg Abt. Berlin vom 24.Oktober 1929 an das Universitäts-Kuratorium Frankfurt a. M.
3Tillich (Details anzeigen) war zu diesem Zeitpunkt Privatdozent an der Universität in Berlin (Details anzeigen). Er plante ursprünglich im Wintersemester 1920/21 eine Vorlesung über den religiösen Gehalt der griechischen und abendländischen Philosophie zu halten, konnte aber nur das Thema der griechischen Philosophie abschließen. Im Sommersemester 1921 folgte die Fortsetzung mit dem Titel „Der religiöse Gehalt und die religionsgeschichtliche Bedeutung der abendländischen Philosophie seit der Renaissance“ (vgl. Paul Tillich, Editorischer Bericht, Band 13 II (1920–1924). Mit einer historischen Einleitung, Berlin/Boston: De Gruyter, 2003, XXV–XXVI) (Details anzeigen).

Register

aTillich, Paul
bBerlin-Friedenau
cBerlin
dHalle (Saale)
eStuttgart
fBerlin
gBerlin
hSchelling, Friedrich Wilhelm Joseph
iTillich, Mystik und Schuldbewußtsein in Schellings philosophischer Entwicklung, 1912
jTillich, 1. Über die Idee einer Theologie der Kultur (1919), 2008
kTillich, Paul
lBerlin
mTillich, Editorischer Bericht, 2003
nBerlin
oTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Berlin, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Sekt. 12 Tit IV Nr. 44 Bd. 8 Bl. 184f.
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin-Friedenau, Taunusstr. 1 - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Theologische Fakultät der Universität Berlin vom 15. Mai 1921, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00710.html, Zugriff am ????.

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