Der editierte Text

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Berlin-Friedenau (Details anzeigen), Taunusstr. 1.
d. 8. Dez. 1920.
d. 8. Jan. 1921

Hochverehrter, lieber Herr Professor (Details anzeigen)!

Die Ankunft Ihres Briefes1 und Ihrer Sendungen war mir eine große Freude! Inzwischen war auch mein Schwager (Details anzeigen) hier und hat mir von dem schönen Abend mit Ihnen erzählt.2 – So weit kam ich, dann wurde ich krank, und dann fuhr ich nach Bremen (Details anzeigen), und nun ist gerade ein Monat vergangen, den ich Sie zu verzeihen bitte. – Haben Sie herzlichsten Dank für den Brief mit seinen kritischen Bemerkungen, für die Übersendung der beiden Aufsätze3 und auch – ich schreibe das wieder mit der Bitte um Verzeihung – für den Aufsatz über die religiöse Mystik (Details anzeigen), den ich während der Ferien erhielt und dann den Dank versäumte! Er enthält ja so vieles, was meinem Buch über Mystik und Schuldbewußtsein (Details anzeigen) entspricht, daß es mir eine besondere Freude war!

Ihr Logos-Aufsatz (Details anzeigen) war mir sehr wertvoll; denn ich fand in Ihren Ausführungen genau die gleiche Methode, wie ich sie jetzt im Kolleg verwende bei der Behandlung meines Themas: „der religiöse Gehalt und die religionsgeschichtliche Bedeutung der griechischen und abendländischen Philosophie“, woran ich zwei Semester 4-stündig lese,4 als Anwendung meines „kulturtheologischen“ Programms (Details anzeigen). – Unser Unterschied zeigt sich gleich darin, daß Sie dabei von simpler Naturwissenschaft reden. Das ist es aber nicht; denn Sie richten Ihr Augenmerk nicht auf die Natur, sondern auf den naturbetrachtenden Geist, und auch das nicht in irgend einem empirischen Sinne, sondern im Sinne, darin die Grundstellung des Geistes zum Unbedingt-Wirklichen zu entdecken. Das aber ist eine gehaltsphilosophische oder „theologische“ Analyse. Ich würde deswegen auch Ihrer Definition des Religiösen nicht zustimmen können („die autonome Kultur (Form und Gehalt) haben als hätte man sie nicht.“) Gehalt ist für mich eine Fundamentalstellung des Bewußtseins zum Unbedingten, deren Ausdruck die Form ist. Damit ist aber Gehalt das Religiöse in aller Kultur; und die Form ist zwar nichtig im Verhältnis zum Gehalt, aber sie ist doch zugleich sein „Ausdruck“ und damit Trägerin des Religiösen.5 Sie ist „heilig“ um des Gehalts willen, der durch sie spricht; aber sie ist „profan“ weil sie das Unbedingte einengt auf eine Form; und darum muß jede Form durchbrochen werden. Weil aber der Gehalt nicht anders existieren kann, als durch die Form, darum ist Kultur schaffen ein „heiliges“ Werk und eine unbedingte, also religiöse Forderung. – Darum kann ich auch den Gegensatz von Individuum und Gemeinschaft in dieser Beziehung nicht anerkennen. Wir bleiben in der Tat immer der Kultur (z. B. der Gestaltung des Gemeinschaftslebens) verpflichtet, und wir können das Absolute gar nicht anders erleben als durch irgend eine Form hindurch, die zugleich als unbedingt gefordert und unzulänglich erlebt wird. Daß dabei immer Eros und Agape beteiligt sind, macht die konkrete Lebendigkeit dieses Heiligkeitserlebens aus. Demgegenüber empfinde ich Ihre Formulierung als einen abstrakten Individualismus, der eine gemeinschaftsfremde Weltüberlegenheit schafft und den Einzelnen in eine Höhe schraubt, die ihm nicht zukommt vor dem Absoluten. – Da liegen auch die tiefsten Wurzeln meiner „sozialistischen“ Sozialethik. Für mich offenbart sich Gott nicht nur und nicht primär durch das geformte Individuum, sondern durch die Schicksal-tragende allgemein geformte Masse, dem Mutterboden aller Mystik. – Dennoch fühle auch ich die Einheit mit Ihnen und freue mich dessen; denn ich stehe noch einsam genug hier in Deutschland (Details anzeigen). Ich hoffe, daß ich diese Gedanken bald einmal besser werde sagen können, als in dem Vortrag. Aber ich weiß auch, daß so etwas viel Zeit braucht. Und es ist mir unmöglich, mich durch Berufungsrücksichten zu voreiliger Produktion treiben zu lassen.6 – Ich danke Ihnen noch einmal für Ihr gütiges Gedenken und hoffe, daß Sie es mir wahren werden.

Ihr dankbarer Schüler

P. Tillich (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Die Korrespondenz liegt nicht vor.
3Medicus (Details anzeigen) sendete Tillich (Details anzeigen) seinen Aufsatz „Naturforschung und Philosophie (Details anzeigen)“ zu. Er ging auf einen Vortrag zurück, den Medicus (Details anzeigen) anlässlich der Hauptversammlung der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich (Details anzeigen) gehalten hatte (zur Mitgliedschaft Medicus (Details anzeigen)' in dieser Gesellschaft s. Friedrich Wilhelm Graf (Details anzeigen), Alf Christophersen (Details anzeigen): Neukantianismus (Details anzeigen) (2004), S. 68 Anm. 53). Darüber hinaus kommt als weiterer Aufsatz in Frage: Fritz Medicus (Details anzeigen): J. G. Fichte als Anhänger und als Kritiker des Völkerbundgedankens (Details anzeigen) (1920).
4Tillich (Details anzeigen) las jeweils mit Besprechungsstunden im Wintersemester 1920/21 vierstündig:„Der religiöse Gehalt und die religionsgeschichtliche Bedeutung der griechischen Philosophie“. Im Sommersemester 1921 folgte: „Der religiöse Gehalt und die religionsgeschichtliche Bedeutung der abendländischen Philosophie seit der Renaissance“; s. dazu Paul Tillich (Details anzeigen): Berliner Vorlesungen II (1920–1924) (Details anzeigen) (2003).
5Vgl. in diesem Zusammenhang auch Tillichs (Details anzeigen) Vortrag „Religion und Kultur (Details anzeigen)“ (1999).

Register

aBerlin-Friedenau
bMedicus, Fritz
cFritz, Alfred
dBrief von Alfred Fritz an Paul Tillich vom 10. November 1920
eBremen
fMedicus, Fritz
gTillich, Paul
hMedicus, Naturforschung und Philosophie, 1917
iMedicus, Fritz
jZürich
kMedicus, Fritz
lGraf, Friedrich Wilhelm
mChristophersen, Alf
nGraf (Hg.), Neukantianismus, Fichte- und Schellingrenaissance. Paul Tillich und sein ph..., 2004
oMedicus, Fritz
pMedicus, J. G. Fichte als Anhänger und als Kritiker des Völkerbundgedankens, 1920
qMedicus, Die religiöse Mystik und die klassische deutsche Philosophie, 1918
rTillich, Mystik und Schuldbewußtsein in Schellings philosophischer Entwicklung, 1912
sMedicus, Naturforschung und Philosophie, 1917
tTillich, Paul
uTillich, Paul
vTillich, Berliner Vorlesungen II (1920–1924). Hg. und mit einer historischen Einleit..., 2003
wTillich, 1. Über die Idee einer Theologie der Kultur (1919), 2008
xTillich, Paul
yTillich, Religion und Kultur, 1999
zDeutschland
aaMedicus, Fritz
abMedicus, Paul Tillich, 1929
acGraf, Friedrich Wilhelm
adChristophersen, Alf
aeGraf (Hg.), Neukantianismus, Fichte- und Schellingrenaissance. Paul Tillich und sein ph..., 2004
afTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Schweiz, Zürich, ETH-Bibliothek Zürich, ETH-Bibliothek Zürich, Hs 1377:935
Erstpublikation
Friedrich Wilhelm Graf/Alf Christophersen: „Die Korrespondenz zwischen Fritz Medicus und Paul Tillich“ . In: Zeitschrift für neuere Theologiegeschichte Bd. 11, H. 1 (2004), 126-147, hier: 129-131.
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin-Friedenau - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Fritz Medicus vom 8. Dezember 1920, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00697.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00697.html |titel=Brief von Paul Tillich an Fritz Medicus vom 8. Dezember 1920 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=08.12.1920 |abruf=???? }}
L00697.pdf