Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich Ende 1920 oder Anfang 1921

Zum TEI/XML DokumentDeprecated PDFAls PDF herunterladen

Der editierte Text

|

Geliebte, Geliebte!

Wie liebe ich die Gespräche Deiner Seele in Deinen langen wilden Briefen! Verkürze sie nie; jedes Wort ist mir wertvoll, und wenn nicht um deßenwillen, was Du sagst, so um deßwillen, daß Du es sagst! ‒ Hannachen (Details anzeigen) ich möchte neue Bilder von Dir haben; ich will Dich vielfältiger sehen vor meinem leiblichen Auge, wo mein geistiges Dich allezeit sucht! ‒ Komm Hannah (Details anzeigen), komm bald; oft ist mir, als ob ich jede Faser meines Leibes nach Dir beben fühlte, als ob nichts, gar nichts mehr wäre, was Dich nicht wollte bis zur Selbstvernichtung ‒ Hier und da ist Greti (Details anzeigen) zu mir gekommen und gab mir schöne Stunden; es ist noch immer etwas in meinem Blut, was sie begehrt, obgleich meine Seele längst von ihr frei ist. Das Zusammensein mit ihr ist das Einzige, was mir nicht qualvoll ist im Gedanken an Dich; denn es sind alte Komplexe, die sie erweckt, die einer früheren Schicht meines Daseins angehören, und kaum hineinragen in die gegenwärtige, in der Du allein wahrhaft lebendig ist [sic!] . Am liebsten ließe ich es so; und das ist auch nicht das, warum ich Dir schrieb; das Blut will ja| das Neue; sobald aber das Neue an mich herantritt, ist es, als ob ein Wall sich aufrichtete aus dem Unbewußten, und er hat Deine Farbe und Deine Gewalt und Größe, und dann kann ich nicht. Ich müßte mich selbst beherrschen, wollte ich darüber steigen; aber schon in Gedanken schrecke ich zurück; denn Du bist da. Auch ich glaube, daß es eine freie Hingabe aus dem Überfluß gibt; und ich wundere mich wieder über das Gleichlaufen unserer Gedanken; denn ich habe jetzt mehrfach sehr ernsthaft darüber gesprochen und dieses für die einzig mögliche Form der Vielheit erklärt, die aber nur sein kann, wenn beide ein Zentrum haben, wenn beide sich nicht bedürfen. Neulich im Bett stellte ich in Gedanken einmal folgende Reihe auf: die Liebe des gegenseitigen Helfens, die Liebe des Suchens, die Liebe des Habens; die Liebe des |:gegenseitigen:| Schenkens. Wir haben die drei letzten Formen durcherlebt, die letzte freilich nur noch unter Zweifeln; am gefährlichsten sind die beiden ersten; denn sie sind Übergang und sie verderben, wenn sie Dauer werden. Die erste habe ich nie kennen gelernt; sie ist nur richtig, wenn sie| gegenseitig ist; ebenso die vierte; zu oft wird der eine unglücklich und der andere überheblich. Die erste und die zweite werden oft ineinander übergehen, zuweilen aber wird man wissen, daß es nur ein Helfen ist und ein Haben unmöglich daraus werden kann. An jede Form heftet sich Schuld, auch an die dritte, bürgerlich sanktionierte; auch wenn sie innerlich vollkommen ist, denn allein genommen ist sie hart, wie der Besitz macht. ‒ Sorge Dich nicht um meinen zu guten Ruf! Er ist noch schlecht genug, um jede Berufung fast unmöglich zu machen; aber er soll so gut sein, daß man mir meine Dozentur lassen muß; denn die ist ein Teil meines Werks, ohne den Hunger hindern zu können. Doch werde ich nie hungern, so lange in mir mein Werk lebt. Das ist inneres Schicksal! ‒ Sorge Dich auch nicht um Tante Toni (Details anzeigen); sie wird Dich in ihr gütiges Herz aufnehmen, und uns helfen in jeder Form! ‒ Ich arbeite in diesen Tagen über meine Kräfte[,] um das Kolleg auf der Höhe zu halten; ich fange heute Nachmittag mit Aristoteles (Details anzeigen)| an und dem religiösen Gehalt seiner Logik...1 dazu drängt die „Religion der Masse“ (Details anzeigen), deren zweiten Teil2 ich fertig stellen muß, und vieles Andere ‒ ‒ ‒

Marie-Luise (Details anzeigen) wird erst Sonntag zu mir kommen; sie denkt schon immer über ihr Kostüm nach. ‒ ‒ ‒ Über Deinen Gedanken wäre viel zu sagen; es ist der Weg der Mystik, über das Ich zu Gott zu kommen; dabei aber geht die Kreatur verloren ‒ und das Ich; das ist die eine Art; und die andere kommt durch die Gemeinschaft zu Gott, wobei das Ich und das Du erhalten bleiben, obgleich sie die hindernde Form zerbrochen haben. Das unmittelbare Ich ist als Bewußtsein die stärkste negative Zuspitzung gegen Gott und Welt; es ist in dieser Zuspitzung das gegengöttlich-diabolische Prinzip selbst. Ohne eine der negativen Stellungen zu sich selbst, die Mystik oder die Liebe, kann es nicht zu Gott kommen; den Weg zur Kreatur aber öffnet nur die Liebe; in der Doppelheit dieses Weges liegt alles „|:Leben:| in Gott“ beschlossen.

Wir brauchen ein Leben, um die Antwort zu finden, unser Leben!


Fußnoten, Anmerkungen

2 Vgl. Paul Tillich, Masse und Geist (Details anzeigen) . Dort findet sich ein Kapitel mit dem Titel „Masse und Religion“ . Dieser Aufsatz wurde 1921 zwischen Januar und März in drei Teilen in der Zeitschrift „Blätter für Religiösen Sozialismus“ (Details anzeigen) veröffentlicht.

Register

aTillich, Hannah
bTillich, Hannah
cWever, Grete
dWinkler, Toni
eAristoteles
fTillich, Vorlesung: Der religiöse Gehalt und die religionsgeschichtliche Bedeutung d..., 2003
gTillich, Masse und Geist. Studien zur Philosophie der Masse, 1922
hTillich, Masse und Geist. Studien zur Philosophie der Masse, 1922
iMennicke (Hg.), Blätter für den religiösen Sozialismus, 1920
jWerner, Marie Luise
kTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2(17)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brieffragment von Paul Tillich an Hannah Gottschow von Dezember 1920
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich Ende Dezember 1920

Entitäten

Personen

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich Ende 1920 oder Anfang 1921, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01510.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01510.html |titel=Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich Ende 1920 oder Anfang 1921 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum= |abruf=???? }}
L01510.pdf