Der editierte Text

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Lieber Paulus (Details anzeigen),

Dein Brief1 hat mir grosse Freude gemacht. Darum will ich Dir auch gleich antworten. Draussen ist es kühl und unfreundlich geworden, aber von meinem Fenster ist mein Blick noch immer so schön, dass ich nichts entbehre. Ich sitze allein vor einem grossen Fliederbaum; ich mag nicht unten im grossen Saal sitzen wie die andern Leute, die dort die Briefe schreiben. Sie können nun mal nicht ohne Menschen sein, die man doch zu Hause reichlich genug hat.

Bei einer Cigarette lese ich Deinen Brief noch mal. Ich hätte gern noch viel mehr darüber gehört. Kein Roman interessiert mich so, aber ich freue mich ebenso sehr, nicht dabei gewesen zu sein. Ich kann mir denken wie kaput du warst, und da ist ein nachträgliches Erleben im Anhören viel angenehmer.

Vor allem sehe ich, dass, ganz im Allgemeinen, es für jeden Ehemann durchaus erspriesslich ist, mal für einige Zeit ein Junggesellendasein zu führen. Nicht der Freiheit für Abenteuer wegen, sondern wegen der leichteren Bewegungsfreiheit. Man wird schneller eingeladen, kommt leichter hier und dorthin, wirkt ganz durch sich selber, ohne durch die Frau in irgend einer Art behindert oder verdunkelt zu werden. Das Gegenstück zu meiner gesellschaftlichen Forderung, Ehepaare nicht immer zusammen einzuladen. Jeder ist doch nun mal ein eigenes Individuum, das nicht immer den andern zur Ergänzung dabei haben muss.

Erst nun mal das Zusammentreffen mit Janensch (Details anzeigen). Da habe ich mich sehr zu gefreut. Hoffentlich ist sie in den Jahren etwas vernünftiger und weniger exaltiert geworden. Mit dieser kommenden Eroberung kannst Du Dich überall stolz sehen lassen. Du schreibst garnicht, wie es bei Harnacks (Details anzeigen) selber war.|

Ich will nachher noch an {Spendelinchen (Details anzeigen)} schreiben, sie schrieb mir einen braven Brief. Wenn man ihre kindliche Handschrift sieht, will man garnicht an ihr eigentliches Leben glauben. Vielleicht ist es auch garnicht ihr Eigentliches, vielleicht ist grade jetzt ihr Herz voller Sehnsucht, monogamisch zu leben. Die grossstädtische Sinnlichkeit wird einem zuwider, so wie sie Selbstzweck wird. Die kommunistische Hingabe, die sie Gott sei Dank nicht kennt, ist ja auch nur im äussersten Falle möglich, wenn sie aus dem Herzen und nicht aus der Sinnlichkeit kommt.

Ja, eigentlich ist es doch sehr traurig, dass alle diese Menschen, die Persönlichkeiten sein wollen, noch garnicht zu dem Kern ihres Wesens vorgedrungen sind. Dass diese junge Generation noch garnicht verlässlich ist. Ich müsste eigentlich sehr befriedigt sein, dass Ihr alle so langsam zu mir zurückkehrt, und um Euretwillen freut mich das, aber ich selber liebe doch so das Ganze, wo ich es um mich herum sehe, und überall bröckelt es ab.

Das ist sehr schön von Anna Br. (Details anzeigen) gesagt, dass sie eine Epoche der Revolution „war“. Aber dann habe ich über die Situation doch herzlich lachen müssen. Was der arme Paulus (Details anzeigen) auch alles für Enttäuschungen erleben muss. Im eigenen Hause hat man eine Frau nicht mal mehr sicher, wenn man sie glücklich so weit geschleppt hat. Was ist Anna (Details anzeigen) doch schwach, dass sie sich so von diesem Rüstow (Details anzeigen) beeinflussen lässt, wenn sie auch genau weiss, dass er nicht ihre Ergänzung sein kann. Am schlimmsten fand ich ja, dass sie Dox (Details anzeigen) heiraten wollte, mit Gewalt. Da übertrifft sie ja alle bürgerlichen Mädchen und dann nicht mal die Wahrheit eingestehen. Alles dies bestätigt nur meine so instinktive Abneigung, als ich |:sie:| sah, da etwas unglaublich Unwahres, Theaterhaftes in ihrem Wesen liegt, das meiner Natur zu allertiefst zuwider ist.

Dass überhaupt davon geredet wurde, dass Du kein absolutes Verhältnis zu Anna (Details anzeigen) hast, macht mich eigentlich sprachlos. Als wenn eine Nacht mit einer Frau zusammen immer etwas| Absolutes voraussetzen lässt |:und Du hattest das nicht mal gehabt:|. Es ist mir direkt eine Entheiligung dieses grossen Wortes; es ist ein Wort, das unsere Religion ist; das man im Allerheiligsten aufheben soll. –

Auch ihr Verhältnis zu der kleinen Lotte (Details anzeigen) betrübt mich besonders um derentwillen; dass sie mit Euch einrangieren muss als Irrweg. Deren Sinnlichkeit hatte sie doch bei den vielen Männern nicht nötig; die hätte sie an ihr Herz nehmen können. Aber dazu hatte sei keine Zeit.

Nein; hiermit wollen wir ein Kreuz hinter Anna Bresser (Details anzeigen) machen. Ich wünsche ihr viele Kinder und einen sehr starken Mann. – – Wenn ich das gewusst hätte, dass Frau Riedel (Details anzeigen) eine so anlehnungsbedürftige Frau ist – vielleicht hätte man es wissen müssen, da alle |:sehr:| mütterlichen Frauen anlehnungsbedürftig sind, – so hätte ich Dir dringend von ihr abgeraten.

Denn gerade das, was Du suchst, sollst Du einer andern geben. Du willst ausruhen und sollst stützen und trösten. Ausserdem wirst Du immer innerlich zu jung für diese älteren Frauen sein. Was tut sie mir leid! Hätte ich ein eigenes Haus, so könnte sie sich bei mir ausruhen, ich könnte ihr etwas sein. Aber so kann sie schliesslich auch in ihrem kleinen Vogelkäfig sitzen.

Das [sic!] nun von allen Dir Ilse Margot (Details anzeigen) als Ausruhpunkt übrig geblieben ist, kann ich wohl verstehen, aber gefällt mir nicht sehr. Ihre Liebe ist die Liebe eines hungernden kleinen Mädchens. Sei nett zu ihr, aber bleibe nicht bei ihr stehen, sondern suche weiter. Dafür habe ich Dir nicht die Freiheit verschafft, um bei dieser Frau zu endigen.

Ich lasse Lotte Salz (Details anzeigen) grüssen, sie soll Dich recht gesund und frisch wieder machen. Wie war denn die Fahrt mit Dicki (Details anzeigen), hat sie Dir etwas von Dox (Details anzeigen) erzählt? Auch sie hat leider nur Grundsätze, die sich biegen wie ihr jeweiliger Freund es will.

Mir geht es sehr gut. Ich soll manchmal direkt hübsch aussehen, was man doch nun nicht mehr verlangen kann. Wenn Du zurückkommst, gehe doch mit meiner| Bescheinigung aufs Rathaus {Zimmer} 69, wenn ich Milch bekomme. Es sollte vom 7. Monat an sein, der Professor hatte das Datum etwas vorgerückt; vielleicht ist es jetzt so weit, dass Du sie für Dich schon bekommen kannst. Und vielleicht Zwieback od. dergl.

Es freut mich, dass Du mit Deinem Nachbar gut auskommst, und er mit Dir. Und seine kleine Dame Dir auch sympathisch ist. Ich möchte sehr gerne, dass sie bis zum 15. Sept. bleiben, weil mir sonst mein Geld zu knapp wird, und ich so lange wie möglich wegbleiben möchte und dann auf jeden Fall gleich nach Lichterf. (Details anzeigen) gehe. Ich kann mir ohne Deines mein Leben garnicht mehr vorstellen, besonders wenn man dann nicht mehr weit gehen kann; es ist dann das Einzige, was man noch hat für seinen armen Körper.

Ich wünschte, ich hätte schon alles überstanden; es ist mir doch schon oft recht über. Ich liebe das Angesehenwerden nicht.2

Ich soll ja nun doch in eine Klinik. Mir ist es auch so recht, Du kannst dann schon von August bis September in Misdroy (Details anzeigen) bei Elisabeth (Details anzeigen) sein, sie werden schon besser kochen als in einer Pension oder Du verabredest Dich sonst mit jemand. Aber zum Arbeiten wäre Misdroy (Details anzeigen) sicher am geeignetsten und Ruhe und Arbeit hast Du nachher durch ein Zwischensemester sicher sehr nötig. Und Dein Colleg im Winter muss sehr gut werden. Meinst Du nicht auch? Hauptsache ist, dass Dein Colleg Dich freut, ich denke, in Halle (Details anzeigen) hättest Du es nie so halten können ohne allgemeine Entrüstung.

Nun will ich noch etwas spazieren gehen vor dem Essen, die Sonne kommt grade durch. Schade, dass man in den letzten Tagen nicht mehr im Gras liegen konnte und in den Himmel sehen, das war in der vorigen Woche zu schön.

Hoffentlich haben zu Pfingsten alle gutes Wetter.

Herzl. Gruss

D. Greti (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Die Korrespondenz liegt nicht vor.
2Greti (Details anzeigen) war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger. Ihr Sohn Wolf (Details anzeigen) wurde am 19. Juli 1919 geboren und verstarb bereits neun Tage später am 28. Juli 1919. Der leibliche Vater des Kindes war Richard Wegener (Details anzeigen), nicht Paul Tillich (Details anzeigen).

Register

aWernigerode
bTillich, Paul
cJannensch, Erika
dHarnack, Adolf von; Thiersch, Amalie
eSpendelinchen, ???
fBresser, Anna
gTillich, Paul
hBresser, Anna
iRüstow, Alexander
jWegener, Carl Richard
kBresser, Anna
lSalz, Lotte
mBresser, Anna
nRiedel, Frau
o???, Ilse Margot
pSalz, Lotte
qSthamer, Margarete
rWegener, Carl Richard
sBerlin-Lichterfelde
tTillich, Margarete
uTillich, Wolf
vWegener, Carl Richard
wTillich, Paul
xMisdroy
ySeeberger, Elisabeth
zMisdroy
aaHalle (Saale)
abTillich, Margarete

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974, bMS 649/193
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Wernigerode - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Greti Tillich an Paul Tillich vom 6. Juni 1919, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00616.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00616.html |titel=Brief von Greti Tillich an Paul Tillich vom 6. Juni 1919 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=06.06.1919 |abruf=???? }}
L00616.pdf