Der editierte Text

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Bremen (Details anzeigen), den 21. November 18.

Liebes Paulchen (Details anzeigen)!

Herzlichen Dank für deine Briefe.1 Man ist jetzt so sehr gespannt, was die Nächsten über all den Wirrwarr denken, und vermisst die Möglichkeit der Aussprache recht sehr. Ich wäre zu gern nach Berlin (Details anzeigen) gekommen, aber vorerst ist ja garnicht daran zu denken, und inzwischen wird die Welt sich noch 10 Mal ändern.

Es ist als ob Gott in einen |:den:| grossen Weltameisenhaufen hineingestossen hätte, nun rennt alles wild durcheinander, und in allem Durcheinander doch ein gewisses Ziel. Ich komme aus den Sitzungszimmern kaummehr heraus, und werde mir mein letztes Paar Hosen vollends durchsitzen. Selbst den gestrigen Busstag haben wir mit einer Sitzung von 8– ½ 12 Uhr geschändet. Es sind aber im Allgemeinen wenige da, welche grosse, klare Gedanken für die Gegenwart geben können. Ich will kurz versuchen, meine Gedanken und Stimmungen dir mitzuteilen.

Was unsere aussenpolitische Lage anbetrifft, so ist sie ja jammervoll. Es ist das angelsächsische Weltreich mit vollständigem Ausschluss deutscher Eigenart und deutscher Geltung. Ein gewisser Stachel liegt darin, dass der moralische Zusammenbruch unseres Heeres uns über das Notwendige hinaus machtlos gemacht hat, besonders im Osten. Wenn man Berichte zurückkehrender Schwestern über die Behandlung in Polen (Details anzeigen) hört, stehen eine steigt einem Zorn und Scham-| Schamröte hoch. Dass deutsche Soldaten vor einer Minderzahl polnischer Legionäre einfach kapitulieren, ist ja nur durch den allgemeinen Mangel an Führung seit Zusammenbruch der militärischen Disziplin erklärlich. Hier werden wir noch manchen bitteren Weg in den nächsten Wochen gehen müssen, und haben nur die Hoffnung, dass die gegenwärtige aussenpolitische Konstellation ja nicht auf die Dauer sein kann, da die Entente sich schon selbst an die Haare geraten werden.

2. Was die innenpolitischen Vorgänge betrifft, da ist mit dem zusammengebrochenen Alten neben vielem Morschen sicher viel Wertvolles, Stolzes und von Jugend an Vertrautes weggefegt. Dass unsere Regierung von einem „fluchbeladenen Hohenzollerngeschlecht“ zu reden wagt, dass Hindenburg (Details anzeigen) hier in öffentlicher Versammlung „Oberschlächte[r-]Meister“ genannt wurde, ist bitter. Aber es hat ja keinen Wert Vergangenem nachzutrauern. Für uns gibt es nur noch Gegenwart und Zukunft. Da bin ich mit Dir vollständig einig, im Kampf zwischen Sozialismus und Manchestertum gehören wir Stehkragenproletarier auf die Seite des Sozialismus. Es wird gegenwärtig versucht, hier einen Bürgerrat zu gründen. Ich sollte als Vertreter hinein, bin aber froh, dass es nicht dazu kam, denn „Bürger“ gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch Kapitalisten und Proletarier, seitdem der Mittelstand aufgerieben und die Beamtenschaft ins Proletariat versunken ist. Eine andere Frage ist allerdings, ob der sozialistische Staat sich auf einer derartig zerrütteten Volkswirtschaft aufbauen kann, wie wir sie gegenwärtig haben. Eine Verstaatlichung unserer Bergwerke, z.B. ist dadurch überflüssig, da sie zweifellos von der Entente beansprucht werden. Wie mir privatem mitgeteilt ist, haben wir überhaupt mit Amerika (Details anzeigen) weitgehende wirtschaftliche Anknüpfungen getroffen, um uns nur einigermassen gegen die französische Raublust zu sichern,| ohne zu bedenken, dass in einem siegreichen Volk und Heer derartige Bewegungen keine Aussicht haben. Ich glaube auch, dass es das grösste Elend wäre, wenn die anderen Länder jetzt schon in ähnliche Umwälzungen kämen, wie Deutschland (Details anzeigen). Das bedeutete ja, Verkehrs- und Handelszerrüttung in der Welt und damit die Welthungersnot in ihrer krassesten Form. Ich glaube deshalb, dass doch eine Nationalversammlung der einzige Ausweg wäre, um Deutschland (Details anzeigen) vor dem Zerfall in unendliche A.u.S.Rat Kleinstaaten und vor dem wirtschaftlichen Ruin zu bewahren, selbst auf die Gefahr hin, dass der Kapitalismus noch einmal eine Galgenfrist erhält.

Was nun das soziale Programm selbst anbetrifft, wäre ich sehr dankbar über eine Ausführung über das, was Du mit Individual Sozialismus meinst. Ich kann mir nichts Rechtes darunter vorstellen. Ist es nicht bloß ein Schlagwort, das zwei sonst entgegengesetzte Dinge zusammenfaßt, weil man sie sonst nicht vereinigen könnte. Ich habe in der letzten Zeit viel Nationalökonomie studiert u. kann doch noch nicht sagen, ob die Privatwirtschaft u. vor allem das egoistische Interesse in der Wirtschaft entbehrt werden kann.|

Das würde heissen, dass wir in den nächsten Jahren ein Objekt des amerikanischen Kapitalismus sein werden. Die Hauptfrage ist für uns, stehen wir auf Seiten der Mehrheitssozialisten, welche eine langsamer[e] Durchführung des Sozialismus erstreben unter Mitwirkung einer aus allgemeinem Willen hervorgegangenen Nationalversammlung, oder auf Seiten der Radikalen, die auf dem Weg der Diktatur des Proletariats rascher und ungehinderter zum Ziel kommen möchten. So unsympathisch mir Letztere sind, so muss ich doch immer wieder sagen, das sind die Konsequenten, sie sehen die Gefahr, dass innerhalb der Nationalversammlung der demokratische Kapitalismus die Oberhand behält, und möchte darum ungehindert vorgehen können. Leider sind die Führer, so weit ich sie von hier beurteilen kann, vollständig unfähig grosszügig wirtschaftlich zu denken. Wir sind ja hier in Händen eines vollständig bolschivistischen Arbeiter- und Soldatenrats, dessen Führer der Reichstagabgeordnete Henke (Details anzeigen) ist. Aus privaten Mitteilungen ist mir deutlich, wie unfähig derselbe in der praktischen Durchführung seiner radikalen Ideen ist, er will z.B. die Kriegsanleihe von über 1000 Mk. annulieren[sic!], und war sehr erstaunt zu hören, was doch eigentlich jedes Kind weiss, dass damit die Sparkassen und die Reichsversicherungen, also die Hauptstützen der kleinen Leute zusammenbrechen würden. Und Das [ist] nur ein Beispiel für viele radikaler Unfähigkeit. Und diese Gefahr des Bolschivismus wird ja für Deutschland (Details anzeigen) jeden Tag grösser, sie würde uns in einen wirtschaftlichen fürchterlichen Bürgerkrieg hineinreissen, den die hiesigen Führer direkt ersehnen. Er würde uns die Feinde ins Land bringen, was ebenso ein Ziel der Radikalen ist, weil sie hoffen, die feindliche Invasionsarmee dann ebenso bolschivistisch zu durchseuchen, wie unser Heer es durch die Invasion in Russland (Details anzeigen) wurde.|

Ich weiss nicht, ob Du Dich lange genug mit den nationalökonomischen Problemen beschäftigt hast. Ich bin |:habe:| gerade in den letzten Jahren mich stark damit beschäftigt, und muss gestehen, dass mir einerseits eine gewisse Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel zweifellos unsympathisch ist, besonders wo es sich um alle Monopolbetriebe handelt |:da läßt sie sich sofort durchführen:|. Andererseits kann ich mir nicht denken, wie das Problem Freiheit innerhalb der Gesellschaft gelöst werden kann. Was speziell das Gebiet des Aussenhandels -z.B. anbetrifft, der mir als Bremer besonders nahe liegt, so weiss ich nicht, ob derselbe in einem sozialistischen Staat seine bisherige Weltgeltung behalten würde. Er ist mir ohne vollständig in Freiheit wirkenden Pioniere undenkbar.

Was das Problem Kirche und Staat anbetrifft, so haben wir es hier furchtbar einfach, da wir ja vom Staat keine Zuschüsse beziehen, und verwaltungstechnisch wie religiös vollständig selbständige Einzelgemeinden haben. In der jetzigen Situation ist ja eine Trennung von Staat und Kirche eine Erlösung aus unhaltbaren Zuständen. Aber ich habe eine grosse Sorge, dass die bisher vom Staat zusammengehaltene Kirche in 2 Kirchen zerfällt: in eine religiös fruchtbare, geistig enge rechtsstehende Kirche und in eine geistig lebendige, religiös flache 2. Kirche. Es ist dann für uns dann sehr schwer, zu entscheiden, wohin wir gehören. Falls Du wirklich mitarbeitend bei der Trennung von Staat und Kirche tätig sein solltest, möchte ich Dir dringend raten, Dich womöglich persönlich mit den hiesigen Zuständen zu beschäftigen. Es ist die einzige deutsche Kirche, die mit dem Staat keine Beziehungen hat, ausser dem jus cirka sacra, das sich der hiesige Senat aus der Zeit des Rationalismus und der Omnipotenz des Staates gerettet hat. So können wir bei einer Trennung nur gewinnen. Andererseits zeigt sich allerdings auch hier mit welch schweren finanziellen Nöten eine Kirche die auf frei Freiwilligkeit aufgebaut ist, zu kämpfen hat, und wie sie noch viel mehr als die Staatskirche dadurch in der Gefahr ist, plutokratisch| zu werden. Im Uebrigen möchte ich Dir raten, Dir möglichst genaue Kenntnis der verschiedenen Trennungsmöglichkeiten, wie sie in Frankreich (Details anzeigen), in der Schweiz (Details anzeigen) und in Schottland (Details anzeigen) durchgeführt wurden, zu verschaffen. Auch mache ich darauf aufmerksam, dass bei dem Büro des Pressverbandes, Berlin-Steglitz (Details anzeigen), Beymestr. 8, zur Zeit sämtliche aktuelle Nachrichten, betreffend Staat und Kirche gesammelt werden. Sie gehen mir wöchentlich zu, Du könntest sie sicher auch erhalten, es ist wertvolles Material darunter.

Es ist sehr schade, dass wir uns in diesen Tagen nicht aussprechen können. Ich habe für die nächste Zeit einen Kursus für Frauen veranstaltet, der sehr stark besucht ist, (siehe beiliegend.)

Schade, dass die Eisenbahnverhältnisse so schlecht sind; sonst würde ich Dich um einen Vortrag in diesem Kursus bitten, mit Rückerstattung der Reisekosten. Vielleicht aber sind die Verhältnisse im Januar besser. Besinn Dich auf ein Thema im Zusammenhang dieses Kursus.

Hoffentlich geht es Dir gesundheitlich gut, gemütlich wird man fast an die Grenze der Leistungsfähigkeit der Nerven zw. Hoffnung u. Schmerz hin- u. hergerissen. Grüße Greti (Details anzeigen).
Herzlichst

D.

Frede (Details anzeigen).

Bitte schreibe sofort wieder. Wir entbehren es zu sehr, Euch nicht zu sehen, Du kannst hoffentl. i. Januar kommen. Bis dahin sind die Bahnverhältn. wohl besser. Es wäre sehr wichtig f. uns. Dieser Brief blieb leider so lange liegen, weil Frede (Details anzeigen) d. bessere Exemplar verlegt hatte. Es ist nicht z. finden. Bitte äußere Dich eingehender über alles. Wir sind hier in einer etw. verzwickten Lage, unser Kreis besteht aus Kapitalisten u. Bürgern, denen allen d. „Proletarier“ etc. ein Schreckgespenst war. Die Anträge v. Frede (Details anzeigen) u {¿¿¿} werden ja da allerlei andere Stimmung hineinbringen. Aber die Grundlage einer neuen Entwickl. bildet dieser Kreis nicht. Wie geht es Euch persönlich?? Wo ist Emanuel (Details anzeigen) – keine Antwort v. ihm. Tausend Grüße an Greti (Details anzeigen). Jo (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Die Korrespondenzen liegen nicht vor.

Register

aBremen
bTillich, Paul
cBerlin
dPolen
eHindenburg, Paul von
fVereinigte Staaten von Amerika
gDeutschland
hDeutschland
iHenke, Alfred
jDeutschland
kRussland
lFrankreich
mSchweiz
nSchottland
oBerlin, Steglitz
pTillich, Margarete
qFritz, Alfred
rFritz, Alfred
sFritz, Alfred
tHirsch, Emanuel
uTillich, Margarete
vFritz, Johanna

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974, bMS 649/143(14)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
Bremen - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Alfred Fritz an Paul Tillich vom 21. November 1918, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00580.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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