Der editierte Text

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Lieber Herr Kollege!

Entschuldigen Sie, daß ich nicht schon auf Ihren ersten Brief geantwortet habe - aber die Not der Zeit!

Die Dinge liegen so: ein Privatdocent hatte bisher eine einigermaßen sichere Aussicht auf ein Staatsstipendium von M. 1200, jetzt wohl 1500 M. Dazu kämen das Konvikt, freie Wohnung, Pension und 1200 M. Gehalt. Aber die Schwierigkeit besteht darin, daß beide Konvikte jetzt für einen unverheirateten | Inspektor eingerichtet sind. Jetzt ist es schwer und würde sehr teuer sein, diese Einrichtung zu ändern. Es müßte eine besondere Küche eingerichtet werden und wie umständlich das ist, das habe ich bei der Einrichtung der hiesigen akademischen Speiseanstalt erlebt. Ich kann also im Augenblick leider keine feste Zusage machen. Ohnehin ginge die Sache erst vom nächsten Semester ab, denn eher werden wir das Konvikt nicht belegen können.

Die zweite Möglichkeit wäre eine Hilfspredigerstelle. Hilfsprediger sind hier sehr notwendig. Ob eine Stelle frei und zu vergeben ist, das | kann ich erst auf der nächsten Pfarrkonferenz - morgen - feststellen. Dabei muß ich allerdings bemerken, daß die Fakultät beschlossen hat, geistliche, kirchliche und akademische Thätigkeit nicht mehr zu kombinieren. Ich glaube allerdings, daß man unter den jetzigen Verhältnissen an diesem Beschluß nicht wird festhalten können. Auch das kann sich erst entscheiden, wenn man die Verhältnisse einigermaßen übersieht. Es ist ja alles unsicher geworden, ob wir theologische Fakultäten behalten werden, ob sie vielleicht den philosophischen eingegliedert werden u.s.w.

Ich kann alles in allem nur sagen, daß wenn die | Verhältnisse in Berlin (Details anzeigen) für Sie günstiger liegen, es vielleicht für Sie besser ist, in Berlin (Details anzeigen) zu bleiben.

Ich würde es bedauern, nicht persönlich mit Ihnen in Fühlung bleiben zu können. Aber was haben jetzt persönliche Verhältnisse und Empfindungen zu bedeuten!

Über die Lehren, die aus dem großen Umschwung zu ziehen sind, müssen wir einmal persönlich womöglich auf einer Konferenz unter Leuten, die sich verstehen reden. Es heißt jetzt völlig neue Arbeit thun, eine große Aufgabe für jeden, der arbeiten kann. Die Vergangenheit wird sich trotzdem in der Gegenwart fortsetzen.

Herzlichen Gruß auch an Ihre Frau

Ihr W. Lütgert (Details anzeigen)

Muß Ihre Entscheidung sofort fallen? Nach Weihnachten wird man schon klarer sehen.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aHalle (Saale)
bBerlin
cBerlin
dLütgert, Wilhelm

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974, bMS 649/163(6)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Halle (Saale) - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Wilhelm Lütgert an Paul Tillich vom 28. November 1918, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00581.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L00581.pdf