Der editierte Text

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23.11.47

Lieber Paulus (Details anzeigen)!

auf Deinen Rundbrief vom Juni (Details anzeigen) und den persönlichen vom 2. August (Details anzeigen) hätte ich Dir längst antworten sollen, aber möchte so gern etwas wirklich gültiges dazu sagen, weil Du meine Briefe viel ernster nimmst, als ich es verantworten kann; darum kann ich mich so schwer zum Schreiben entschließen. Auch jetzt ist es eigentlich das Empfinden, daß Du wenigstens zu Weihnachten einen Gruß haben sollst. Sonst würde ich bestimmt bis nach der Londoner Konferenz warten.1 Mit ihr geht es uns ja seltsam: obgleich wir von ihr aufgrund rationaler Überlegung nichts weiter erwarten können, als daß Deutschland (Details anzeigen) das Opfer der Spannung der Siegermächte wird, d. h. seine Teilung, hat man doch die geheime Hoffnung, daß sich noch irgend eine Lösung finden möchte, die uns die Einheit erhält.

Wenn das gelingt, wird unsere Aufgabe hier nicht leichter, denn schon jetzt zeigt sich auf allen Besprechungen, daß sich ein verschiednes Lebensgefühl in den beiden Hälften entwickelt. Ich kann ja nur vom Osten berichten, da ich seit fast zwei Jahren nicht mehr im Westen war. Dies Gefühl entwickelt sich ebenso gegen wie durch die Russen. Sie sind ja fremd und faszinierend, abschreckend und anregend. Wir kommen ihnen unvital und faul, kleinlich und überzüchtet vor; wir sind körperlich nicht so leistungsfähig wie sie, andererseits wirken sie blass und krank, besonders gegenüber dem amerikanischen Sportstyp. Wir sind längst nicht so aktiv, z. B. in der Anfassung großer sozialer Probleme, etwa der Seuchenbekämpfung. Wir sind da durch des Gedankens und der Rücksicht Blässe angekränkelt, während sie schrecklich rigoros, aber erfolgreich radikale Anordnungen treffen. 1945 haben sie das Fleckfieber, jetzt die Geschlechtskrankheiten so mit für unsere Verhältnisse barbarischen Mitteln ernstlich bekämpft.

Der Brief blieb bis heute, dem 28.12. liegen, und wurde nicht, wie ich eigentlich wollte, zu einem Weihnachtsgruß. Inzwischen kam euer Gruß zu uns als Freude und Nahrung, sodaß ich heute den letzten Festtag benutzen will, Euch endlich zu schreiben. Inzwischen ist ja die von uns erwartete negative Entscheidung gefallen, und nun bedeutet dies für uns eine p{ositive} Entscheidung, sogar leiblich geographischer Art, weil ja der {Leit}satz cuius regio, eius religio bei uns streng durchgeführt wird. Noch sitzen wir auf der Insel Berlin (Details anzeigen), und ich hoffe nur, daß Du herkommst, ehe sie aufhört Insel zu sein und Dir dann verschlossen sein wird. Eine Entwicklung, die ich im kommenden Jahr erwarte. Ich habe mich unter diesen auspicien zum Bleiben entschlossen, auch wenn ich darüber viele meiner Freunde verliere. Hier werde ich gebraucht, ob ständig in der Verwaltung oder später auch wieder im Kirchendienst, ist gleich, während im Westen Überfluss an Menschen und erst recht an Intelektuellen ist. Entscheidend ist aber, daß ich die Entwicklung doch nur hier als sozialistische sehen kann; selbst der Beveridgeplan, auf den Du wohl in Deinem Rundbrief vom Juni (Details anzeigen) anspielst, ist doch nur ein Ansatz, und die Gesamtlinie ist in England (Details anzeigen) mehr revisionistisch als eine wirkliche Lösung des Menschenproblems.

Die Russen haben sich leider durch ihre Gewalttaten im Anfang und durch ihr unpsychologisches Verhalten (Terrorprinzip!) so sehr um jede Sympathie gebracht, daß die Gefahr besteht, in der breiten Masse mit der Abwendung von ihnen auch die von ihrem Wirtschaftsprinzip zu verbinden. Das heißt, viele Menschen suchen den ideologischen Anschluß an die kirchlichen und restaurativen Kräfte des Westens. Das wäre eine Chance der Kirche, zugleich aber ihre Gefahr, sich zum Mund für die oppositionellen Antriebe (pronazistischer, nationalistischer und antisozialistischer Art) zu machen. Diese Entwicklung verstärkt das Misstrauen der Russen, die leider nicht zu überzeugen, sondern nur zu schrecken verstehen, und läßt den Rest der Freiheit schwinden. Dennoch halte ich dies alles für Schönheitsfehler und die Durchführung der Sozialisierung für eine so große menschliche Aufgabe, die wichtiger für die Freiheit ist, als die sogenannte liberal-demokratische Entscheidungsmöglichkeit der Einzelnen.

So sehe ich ganz persönlich die Lage. Ich will sie nicht mit praktischen (z. B. Vergleich der Sozialversicherungen, der Handhabung der Geldstrafen, usw. in den beiden Zonen), soziologischen und psychologischen Argumenten stützen, obgleich sie mich natürlich beeinflussen. Ich meine, Dich wird die persönliche, subjektive Schau mehr interessieren, als die wissenschaftliche. Deine Formulierung der kosmischen Schizophrenie halte für insofern schief, als es sich nicht um eine Gespaltenheit des Bewußtseins der Einzelnen oder Völker handelt, sondern um eine Gespaltenheit des Wertbewußtseins. Die Frage bleibt: Ist Geld oder Sicherheit oder biologische Steigerung Lebenssinn, oder „der Andere“, kann das kollektive Leben als Lebenswert erfahren werden, oder noch weiter: Ist dies für den Menschen unseres Massen- und technischen Zeitalters die eigentliche Realisierung des Lebenssinnes?

Ob wir uns da über das große Wasser noch verständigen können?

Schreib bald, solange es noch geht.

Herzlichen Gruß Dir und Hannah (Details anzeigen)

Dein


Fußnoten, Anmerkungen

1Auf der Londoner Außenministerkonferenz, die zwischen dem 25. November und dem 15. Dezember 1947 stattgefunden hat, trafen sich die Außenminister der Siegermächte um über die Deutschland (Details anzeigen)-Frage zu entscheiden. Die Tagung wurde erfolglos abgebrochen, da es in den Verhandlungen zwischen den USA (Details anzeigen) und der Sowjetunion (Details anzeigen) zu einem Bruch kam.

Register

aTillich, Paul
bRundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an von Juni 1947
cBrief von Paul Tillich an Harald Poelchau vom 2. August 1947
dDeutschland
eVereinigte Staaten von Amerika
fSowjetunion
gDeutschland
hBerlin
iRundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an von Juni 1947
jEngland
kTillich, Hannah

Überlieferung

Signatur
Erstpublikation
Harald Poelchau: Ohr der Kirche, Mund der Stummen. Harald Poelchau: eine Tagung zu seinem 100. Geburtstag. Erste Auflage. Berlin: Wichern Verlag, 2004, 93–95. (Berliner Begegnungen, 4)
Typ

Brief, maschinenschriftlicher Durchschlag, als Abschrift überliefert

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Harald Poelchau vom 2. August 1947
nächster Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich an Harald Poelchauvom 19. April 1948

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Harald Poelchau an Paul Tillichvom 28. Dezember 1947, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11539.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11539.pdf
erwähnte Briefe