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                <title>Brief von Harald Poelchau an Paul Tillichvom 28. Dezember 1947</title>
                <author ref="#tillich_person_id__1516">Harald Poelchau</author>
                <respStmt>
                    <resp>Editor</resp>
                    <name key="https://orcid.org/0009-0000-1606-0460">Cem Ölmez</name>
                </respStmt>
            </titleStmt>
            <editionStmt>
                <edition>
                    <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                        1933–1951</title>
                </edition>
            </editionStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>
                    <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
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                        <street>Schenkenstraße 8–10</street>
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                            <settlement>Wien</settlement>
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                    </address>
                </publisher>
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                    <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative
                        Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
                </availability>
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                <msDesc type="manuscript">
                    <msIdentifier>
                        <!-- Nachlass Poelchau, Privatbesitz Harald Stephan Poelchau -->
                    </msIdentifier>
                    <physDesc>
                        <p>Brief, maschinenschriftlicher Durchschlag, als Abschrift überliefert</p>
                    </physDesc>
                    <additional>
                        <listBibl>
                            <biblStruct type="monograph" n="firstPrint">
                                <monogr>
                                    <author>Harald Poelchau</author>
                                    <editor>Ludwig Mehlhorn (Hg.)</editor>
                                    <title>Ohr der Kirche, Mund der Stummen. Harald Poelchau: eine
                                        Tagung zu seinem 100. Geburtstag</title>
                                    <edition>Erste Auflage</edition>
                                    <imprint>
                                        <publisher>Wichern Verlag</publisher>
                                        <pubPlace ref="#tillich_place_id__37">Berlin</pubPlace>
                                        <date when="2004">2004</date>
                                        <biblScope>93–95</biblScope>
                                    </imprint>
                                </monogr>
                                <series>
                                    <title>Berliner Begegnungen</title>
                                    <biblScope>4</biblScope>
                                </series>
                            </biblStruct>
                        </listBibl>
                    </additional>
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        <encodingDesc>
            <projectDesc>
                <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933–1951.</p>
            </projectDesc>
            <editorialDecl>
                <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
                    https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
            </editorialDecl>
        </encodingDesc>
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            <correspDesc>
                <correspAction type="sent">
                    <persName ref="#tillich_person_id__1516">Harald Poelchau</persName>
                    <date from="1947-11-23" to="1947-12-28">23.11.–28.12.1947</date>
                </correspAction>
                <correspAction type="received">
                    <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
                </correspAction>
            <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__1516">Korrespondenz mit Harald Poelchau</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__1516" target="L11538.xml">Brief von Paul Tillich an Harald Poelchau vom 2. August 1947</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__1516" target="L11540.xml">Rundbrief von Paul Tillich an Harald Poelchauvom 19. April 1948</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L11115.xml">Brief von Hertha Kraus an Paul Tillich vom 10. November 1947</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L11116.xml">Brief von Paul und Hannah Tillich an Nina Baringvon Dezember 1947</ref></correspContext></correspDesc>
            <langUsage>
                <language ident="deu">Deutsch</language>
            </langUsage>
        <creation><date type="sort" when="1947-11-23"/></creation></profileDesc>
        <revisionDesc status="approved">
            <change when="2026-05-06" who="CO">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
        </revisionDesc>
    </teiHeader>
    <text type="letter">
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                <pb n="1"/>
                <opener><dateline><date when="1947-11-23">23.11.47</date></dateline><salute>Lieber
                            <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Paulus</rs>!</salute>
                </opener>
                <p>auf <rs ref="#L11537" type="letter">Deinen Rundbrief vom Juni</rs> und <rs ref="#L11538" type="letter">den persönlichen vom 2. August</rs> hätte ich Dir
                    längst antworten sollen, aber möchte so gern etwas wirklich gültiges dazu sagen,
                    weil Du meine Briefe viel ernster nimmst, als ich es verantworten kann; darum
                    kann ich mich so schwer zum Schreiben entschließen. Auch jetzt ist es eigentlich
                    das Empfinden, daß Du wenigstens zu Weihnachten einen Gruß haben sollst. Sonst
                    würde ich bestimmt bis nach der Londoner Konferenz warten.<note type="ea">Auf
                        der Londoner Außenministerkonferenz, die zwischen dem <date from="1947-11-25" to="1947-12-15">25. November und dem 15. Dezember
                            1947</date> stattgefunden hat, trafen sich die Außenminister der
                        Siegermächte um über die <rs type="place" ref="#tillich_place_id__122">Deutschland</rs>-Frage zu entscheiden. Die Tagung wurde erfolglos
                        abgebrochen, da es in den Verhandlungen zwischen den <rs type="place" ref="#tillich_place_id__684">USA</rs> und der <rs type="place" ref="#tillich_place_id__1352">Sowjetunion</rs> zu einem Bruch
                        kam.<!-- Londoner Konferenz, https://de.wikipedia.org/wiki/Londoner_Au%C3%9Fenministerkonferenz_(1947) --></note>
                    Mit ihr geht es uns ja seltsam: obgleich wir von ihr aufgrund rationaler
                    Überlegung nichts weiter erwarten können, als daß <rs type="place" ref="#tillich_place_id__122">Deutschland</rs> das Opfer der Spannung der
                    Siegermächte wird, d. h. seine Teilung, hat man doch die geheime Hoffnung, daß
                    sich noch irgend eine Lösung finden möchte, die uns die Einheit erhält.</p>
                <p>Wenn das gelingt, wird unsere Aufgabe hier nicht leichter, denn schon jetzt zeigt
                    sich auf allen Besprechungen, daß sich ein verschiednes Lebensgefühl in den
                    beiden Hälften entwickelt. Ich kann ja nur vom Osten berichten, da ich seit fast
                    zwei Jahren nicht mehr im Westen war. Dies Gefühl entwickelt sich ebenso gegen
                    wie durch die Russen. Sie sind ja fremd und faszinierend, abschreckend und
                    anregend. Wir kommen ihnen unvital und faul, kleinlich und überzüchtet vor; wir
                    sind körperlich nicht so leistungsfähig wie sie, andererseits wirken sie blass
                    und krank, besonders gegenüber dem amerikanischen Sportstyp. Wir sind längst
                    nicht so aktiv, z. B. in der Anfassung großer sozialer Probleme, etwa der
                    Seuchenbekämpfung. Wir sind da durch des Gedankens und der Rücksicht Blässe
                    angekränkelt, während sie schrecklich rigoros, aber erfolgreich radikale
                    Anordnungen treffen. 1945 haben sie das Fleckfieber, jetzt die
                    Geschlechtskrankheiten so mit für unsere Verhältnisse barbarischen Mitteln
                    ernstlich bekämpft.</p>
                <p>Der Brief blieb bis heute, dem <date when="1947-12-28">28.12.</date> liegen, und
                    wurde nicht, wie ich eigentlich wollte, zu einem Weihnachtsgruß. Inzwischen kam
                    euer Gruß<!--<note type="ea">Liegt nicht vor.</note>--> zu uns als Freude und
                    Nahrung, sodaß ich heute den letzten Festtag benutzen will, Euch endlich zu
                    schreiben. Inzwischen ist ja die von uns erwartete negative Entscheidung
                    gefallen, und nun bedeutet dies für uns eine p<unclear>ositive</unclear>
                    Entscheidung, sogar leiblich geographischer Art, weil ja der
                        <unclear>Leit</unclear>satz <choice>
                        <abbr><foreign xml:lang="lat">cuius regio, eius religio</foreign></abbr>
                        <expan>Wessen Land, dessen Religion</expan>
                    </choice> bei uns streng durchgeführt wird. Noch sitzen wir auf der Insel <rs type="place" ref="#tillich_place_id__37">Berlin</rs>, und ich hoffe nur, daß
                    Du herkommst, ehe sie aufhört Insel zu sein und Dir dann verschlossen sein wird.
                    Eine Entwicklung, die ich im kommenden Jahr erwarte. Ich habe mich unter diesen
                    auspicien zum Bleiben entschlossen, auch wenn ich darüber viele meiner Freunde
                    verliere. Hier werde ich gebraucht, ob ständig in der Verwaltung oder später
                    auch wieder im Kirchendienst, ist gleich, während im Westen Überfluss an
                    Menschen und<!-- <pb n="2"/> --> erst recht an Intelektuellen ist. Entscheidend
                    ist aber, daß ich die Entwicklung doch nur hier als sozialistische sehen kann;
                    selbst der
                    Beveridgeplan,<!-- <note type="ea">Der Beveridge-Plan bezeichnet ein Modell eines steuerfinanzierten Gesundheitssystems. Ein solches wurde mit dem National Health Service 1948 in England eingeführt.</note> -->
                    auf den Du wohl in <rs ref="#L11537" type="letter">Deinem Rundbrief vom Juni</rs>
                    anspielst, ist doch nur ein Ansatz, und die Gesamtlinie ist in <rs type="place" ref="#tillich_place_id__503">England</rs> mehr revisionistisch als eine
                    wirkliche Lösung des Menschenproblems.</p>
                <p>Die Russen haben sich leider durch ihre Gewalttaten im Anfang und durch ihr
                    unpsychologisches Verhalten (Terrorprinzip!) so sehr um jede Sympathie
                    gebracht,<!-- <note type="ea">?</note> --> daß die Gefahr besteht, in der
                    breiten Masse mit der Abwendung von ihnen auch die von ihrem Wirtschaftsprinzip
                    zu verbinden. Das heißt, viele Menschen suchen den ideologischen Anschluß an die
                    kirchlichen und restaurativen Kräfte des Westens. Das wäre eine Chance der
                    Kirche, zugleich aber ihre Gefahr, sich zum Mund für die oppositionellen
                    Antriebe (pronazistischer, nationalistischer und antisozialistischer Art) zu
                    machen. Diese Entwicklung verstärkt das Misstrauen der Russen, die leider nicht
                    zu überzeugen, sondern nur zu schrecken verstehen, und läßt den Rest der
                    Freiheit schwinden. Dennoch halte ich dies alles für Schönheitsfehler und die
                    Durchführung der Sozialisierung für eine so große menschliche Aufgabe, die
                    wichtiger für die Freiheit ist, als die sogenannte liberal-demokratische
                    Entscheidungsmöglichkeit der Einzelnen.</p>
                <p>So sehe ich ganz persönlich die Lage. Ich will sie nicht mit praktischen (z. B.
                    Vergleich der Sozialversicherungen, der Handhabung der Geldstrafen, usw. in den
                    beiden Zonen), soziologischen und psychologischen Argumenten stützen, obgleich
                    sie mich natürlich beeinflussen. Ich meine, Dich wird die persönliche,
                    subjektive Schau mehr interessieren, als die wissenschaftliche. Deine
                    Formulierung der kosmischen Schizophrenie halte für insofern schief, als es sich
                    nicht um eine Gespaltenheit des Bewußtseins der Einzelnen oder Völker handelt,
                    sondern um eine Gespaltenheit des Wertbewußtseins. Die Frage bleibt: Ist Geld
                    oder Sicherheit oder biologische Steigerung Lebenssinn, oder <q>der Andere</q>,
                    kann das kollektive Leben als Lebenswert erfahren werden, oder noch weiter: Ist
                    dies für den Menschen unseres Massen- und technischen Zeitalters die eigentliche
                    Realisierung des Lebenssinnes?</p>
                <p>Ob wir uns da über das große Wasser noch verständigen können?</p>
                <p>Schreib bald, solange es noch geht.</p>
                <closer><salute>Herzlichen Gruß Dir und <rs ref="#tillich_person_id__1923" type="person">Hannah</rs></salute><signed>Dein</signed>
                </closer>
            </div>
        </body>
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                  <placeName>Vereinigte Staaten von Amerika</placeName>
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                  <placeName>Sowjetunion</placeName>
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               </listPlace><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1923">
                  <persName>Tillich, Hannah</persName>
                  <birth>
                     <date>1896-05-17</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Rotenburg a. d. Fulda</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1988-10-27</date>
                     <settlement>
                        <placeName>East Hampton, NY</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/119096102</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Hannah Tillich (17. Mai 1896 – 27. Oktober 1988) war eine deutsche und später US-amerikanische Zeichenlehrerin, Malerin, Schriftstellerin und Modell. Aufgewachsen im Pfarrhaus ihrer Eltern in Rotenburg an der Fulda, absolvierte sie von 1912 bis 1916 eine Ausbildung an der Königlichen Kunstschule zu Berlin und arbeitete ab 1919 als Zeichenlehrerin in Berlin-Neukölln. 1920 heiratete sie den Maler Albert Gottschow, von dem sie sich nach kurzer Ehe und einem persönlichen Schicksalsschlag wieder trennte. 1924 ging sie die Ehe mit Paul Tillich ein, mit dem sie in Marburg, Dresden und Frankfurt lebte und 1933 in die USA emigrierte. Nach der Geburt zweier Kinder nahm sie Mitte der 1930er Jahre ihre künstlerische und schriftstellerische Tätigkeit wieder auf. Internationale Aufmerksamkeit erlangte sie mit ihrer autobiographischen Schrift From Time to Time (1973), in der sie offen über ihr Leben und ihre Ehe berichtete; eine deutsche Ausgabe erschien erst 1993.</p>
                  </note>
               </person>
               </listPerson><list xml:id="mentioned_letters"><head>erwähnte Briefe</head><item xml:id="L11537">Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an von Juni 1947</item><item xml:id="L11538">Brief von Paul Tillich an Harald Poelchau vom 2. August 1947</item></list></back></text>
</TEI>