Der editierte Text

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Lieber Paul (Details anzeigen)!

Ich erhielt zu meiner großen Freude Deinen Brief (Details anzeigen), den Du auf hoher See am 17. September an mich geschrieben hast. Ich fand Deinen Brief vor, als ich von meiner Reise nach Frankfurt (Details anzeigen) zum 1.„Deutschen Kongreß für freies Christentum“ am 27. Sept. zurückkehrte. Ich bewundere aufrichtig Deine Rekordleistung von 97 Vortragsstunden und von Deinen sonstigen Begegnungen mit 357 Menschen. Also auch Du gehörst jetzt zu den Menschen, die einen „Rekord“ aufzuweisen haben. Es fehlt jetzt nur noch das Preisrichter-Kollegium, das solche Rekorde prämiiert. Aber Scherz beiseite. Es war schön, daß Du hier warst, und daß Dir die Tage in Hamburg (Details anzeigen) besonders gefallen haben, freut mich zu hören. Allerdings, die Zeit war viel zu kurz. Es blieben noch so viele wichtige Dinge unerörtert, über die eingehend zu sprechen sich gelohnt haben würde. Solltest Du wieder einmal eine Europareise starten, dann mußt Du von vornherein mindestens die doppelte Zeit, sagen wir also: 10 volle Tage für Hamburg (Details anzeigen) vormerken. Als Du weg warst, fiel es Max Behrmann (Details anzeigen) und mir schwer auf die Seele, daß Du unsere Situation doch nicht richtig durchschaut haben könntest, ich meine von wegen des unerhörten {geistlichen Druckes,} den die Kirchen mit ihren Bischöfen bezw. Oberkirchenräten im Punkte „Schrift und Bekenntnis“ auf die freier gerichteten protestantischen Theologen ausüben. Ich habe darüber in Frankfurt (Details anzeigen) (20.-23- Sept.) niederschmetternde Berichte gehört, so niederschmetternd und unglaubwürdig, daß ich ganz apathisch dabei wurde. Es war schade, daß Du nicht dabei warst, Du hättest etwas zu hören bekommen. Ich habe erneut die Bestätigung gewonnen, daß ich mit meiner sachlich disziplinierten, aber auch ganz scharfen und rücksichtlosen Art zu sprechen und zu schreiben auf dem richtigen Wege bin. Alle echten Positionen der früheren | sog. liberalen Theologie, d.h. einer Theologie von anderthalb Jahrhunderten sind nahezu restlos wieder verloren gegangen. Wir müssen einfach den Mut zur „Häresie“ haben (wie ich Dir schon mündlich sagte). Anders geht es nicht. Ich sprach in Frankfurt (Details anzeigen) (mit eingelegter Zwischenpause) volle 2 1/2 Stunden über das Thema: „Katholizismus und Protestantismus. Wesensgestalt und gegenwärtige Lage“. Eine sehr intelligente Studienrätin schrieb mir daraufhin einen Brief , den ich Dir in Abschrift beifüge, da auch von Dir darin die Rede ist. Ich hoffe, daß Dir dieser Brief Freude macht, auch wenn er gegenüber Deinen Erfahrungen und Eindrücken sehr geringfügig erscheinen mag. Man sieht, daß doch nicht alles einfach in den Wind gesprochen wird, auch wenn die offiziellen Kirchen, wie Du schreibst, und kaltstellen oder totschweigen. Übrigens findest Du alles Wesentliche meines Vortrags im letzten Kapitel meines Dir behändigten Buches über die Religionskrisis des Abendlandes. Ich habe dieses Kapitel für meinen Frankfurter Vortrag {nach} der einen Seite hin gekürzt, nach der anderen Seite hin ergänzt. Balla (Details anzeigen), der Alttestamentler in Marburg (Details anzeigen) sagte mir spontan, daß {mein} Vortrag der Höhepunkt des Kongresses gewesen sei. Deine Befürchtung[,] daß dort der Feld-, Wald- und Wiesenliberalismus früherer Tage doch wieder erblühen könnte, hat sich nicht erfüllt. Es hatten sich auch za. 20 jüngere Theologen gegenüber der älteren Gen{eration} eingefunden. Wir scheinen also doch nicht ganz ohne Nachwuchs zu sein.

Daß Dir auf dem Mainzer Philosophen-Kongreß Ovationen ber{eitet} worden sind, hörte ich schon. Ich habe mich außerordentlich darüber gefreut. Ich hatte auch dorthin zu einem Vortrag eine Einladung bekommen, hatte aber abgelehnt, weil mir die Kongreßseuche, die typische deutsche Gegenwartskrankheit, zum Halse heraushing. Nun ersehe ich aus Deinem Brief (Details anzeigen) zu meiner Freude, daß man sich meiner auch erinnert hat. Übrigens mein Buch über die Religionskrisis des Abendlandes wird rasend gekauft; ich rechne bald mit einer 2. Auflage. Wenn nur Deine wichtigen Sachen doch auch deutsch erscheinen könnten!!!

In Frankfurt (Details anzeigen) begegnete ich der Claudia Badler (Details anzeigen), Jugendpfarrerin in Marburg (Details anzeigen). Sie erzählte mir von dem Zusammensein mit Dir. Ich hatte mit ihr einige wichtige Gespräche.

Vom 22. August bis 15. September war Elisabeth (Details anzeigen) aus Montreal (Details anzeigen) bei uns. Hin mit Frachter (12 Tage) und zurück per Flugzeug. Es war für das Kind eine unendliche Seligkeit, wieder mit ihrer Mami (Details anzeigen) und | ihrem Papi (Details anzeigen) vereint zu sein. Die 10 bitteren Jahre der Trennung hatten nicht das Geringste an unserem Verhältnis geändert. Im nächsten Jahr hoffen wir wieder auf Inge (Details anzeigen)s und Elisabeth (Details anzeigen)s Besuch, und vielleicht wirst auch Du wiederkommen können?

Ich glaube, für heute ist's genug, lieber Paul (Details anzeigen). Wenn Du Zeit und Lust hast, schreibe mir mal ein paar Zeilen über meine Religionskrisis. Der politische Himmel hängt voll dunkler Wolken. Möge der keuchenden und stöhnenden europäischen Menschheit das Letzte erspart bleiben!

Mit herzlichsten Grüßen für Dich und die Deinen verbleibe ich


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aLeese, Kurt
bTillich, Paul
cNew York City
dTillich, Paul
eBrief von Paul Tillich an Kurt Leese vom 17. September 1948
fFrankfurt am Main
gHamburg
hHamburg
iBehrmann, Max
jFrankfurt am Main
kFrankfurt am Main
lBalla, E.
mMarburg an der Lahn
nBrief von Paul Tillich an Kurt Leese vom 17. September 1948
oFrankfurt am Main
pBader, Claudia
qMarburg an der Lahn
rLeese, Elisabeth
sMontreal
tLeese, Minna Margarethe
uLeese, Kurt
v?, Inge
wLeese, Elisabeth
xTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Kurt Leese vom 17. September 1948
nächster Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Kurt Leesevon Dezember 1948

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Kurt Leese an Paul Tillich vom 29. September 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11231.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11231.html |titel=Brief von Kurt Leese an Paul Tillich vom 29. September 1948 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=29.09.1948 |abruf=???? }}
L11231.pdf
erwähnte Briefe