Der editierte Text

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Lieber Herr Professor (Details anzeigen),

Anbei schicke ich Ihnen heute meinen Bericht über den Russeneinmarsch in Dresden (Details anzeigen). Wie ich Ihnen schon sagte, sind es meine ganz persönlichen Erlebnisse, die ich teils aus dem Grunde aufgeschrieben habe, um sie selbst nicht zu vergessen teils, weil ich gern recht vielen, die in völliger Ahnungslosigkeit leben, was eigentlich in der Ostzone geschieht, ein Bild davon geben möchte. Sie glauben gar nicht, welcher Erbärmlichkeit und welchem Elend die Menschen da drüben preisgegeben sind und ich bin jedesmal aufs neue davon berührt, wie gut es uns hier drüben noch geht im Vergleich zu der Lage {dort}. Von diesem Gesichtspunkt aus hätte ich vielleicht noch mehr auf das Allgemeine eingehen sollen, aber ich glaube, dann wird eine solche Schilderung viel farbloser und verliert dadurch an Gewicht. Es kommt ja dann wohl zum Ausdruck, daß mein persönlich Erlebtes nur eine Variation eines Allgemeinen ist und längst nicht die krasseste und extremste.–

Darf ich Ihnen noch sagen, daß ich über die Marburger Tage noch sehr beglückt bin? Es war nach so langen Jahren des dauernden Fragens das erste Antworten. Und die Antwort war verbaut und gar nicht überraschend, sondern nur ein Bloßlegen von schon Vorhandenem, sozusagen das Wegziehen eines letzten Schleiers und daß hat mich seitdem sehr froh gemacht. Vor allem ist mir dabei klar geworden, wie stark doch der Grund war, den ich damals (vor genau 20 Jahren, Sommersemester 1928!) mit Ihrer Hilfe mir gebaut habe, und daß ich seitdem davon gelebt habe. Wie schön, daß Sie auch jetzt wieder eine so starke Resonanz haben bei den Studenten und | eine neue Saat sein können. Lassen Sie sich durch keine Mißverständnisse oder Enttäuschungen nicht entmutigen, die Erde wird viel reicher und vielfältiger sein als wir es verstandesmäßig begreifen und ausrechnen können. Ich bin so optimistisch in Bezug auf eine „religiöse Erneuerung“, wenn man das schon etwas abgegriffene Wort gebrauchen soll, – aber Sie dürfen Ihre Hand nicht wieder wegziehen!–

Noch etwas fällt mir ein, was ich Ihnen nun {aber} sagen wollte. Ich habe im Jahre 1933, und zwar im März, als der NS wirklich zum Siege gekommen war, gesagt: „Damit beginnt sein Sterben, jetzt trägt er den Todeskeim in sich“ und habe damit gemeint: wenn eine Bewegung saturiert ist und nicht mehr durch dauerndes Infragegestelltsein einem dauernden Prozess des Läuterns unterworfen ist, dann verfällt sie einer Art Vergötzung und damit naturgemäß dem Verfall. (Das Wort Vergötzung für diesen Zusammenhang ist mir erst seit Marburg so recht klar.) Die große Frage ist nun die, gibt es überhaupt auf dieser Erde je eine Möglichkeit, den Verfall einer Bewegung (sei es politische, religiöse oder soziale oder sonst etwas) aufzuhalten, vor allem in dem Stadium, da sie äußerlich zu Macht und Bedeutung kommt? Ich glaube es nicht. Die bisherige Geschichte spricht dagegen, – oder sehe ich das falsch? Sie sehen, es gibt noch eine Menge Fragen, die wir an Sie haben, vor allem auch religiöse, die uns noch sehr am Herzen liegen. Und deshalb freuen wir uns so sehr, wenn Sie in spätestens 6 Wochen nach Merberich (Details anzeigen) kommen. Merberich (Details anzeigen) ist wirklich eine glückliche Insel, mit Wald und Wiesen und einer engelsgleichen Frau , die wir alle sehr lieben. (und Sie werden sicher keine Ausnahme machen). Auch mein Mann (Details anzeigen) freut sich schon sehr auf Ihr Kommen.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aDüren
bTillich, Paul
cDresden
dGut Merberich
eGut Merberich
fAlbrecht, ?
gAlbrecht, Renate

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 117(14)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
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Brief von Paul Tillich an Renate Albrecht vom 14. Februar 1949

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Renate Albrecht an Paul Tillich vom 14. Juni 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11156.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11156.pdf