Der editierte Text

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Sehr geehrter Herr Professor (Details anzeigen)!

Durch die Presse erfahre ich, daß Sie z.Zt. an der dortigen Universität Gastvorlesungen halten.

Dabei erinnere ich mich an einen von Ihnen verfaßten Aufsatz „Christentum, Wirtschaft und Demokratie“ der s.Zt. in der Monatsschrift „Neue Auslese“ erschien.

Zu diesem Aufsatz schrieb ich damals meine Gedanken nieder, die ich Ihnen durch die Londoner Schriftleitung genannter Monatsschrift zugehen ließ.

Vielleicht haben Sie meinen Aufsatz s.Zt. (es ist schon längere Zeit darüber verstrichen) nicht erhalten. Ich füge daher nochmals einen Durchschlag desselben heute bei.

Es würde mich sehr freuen, von Ihnen eine kurze Stellungnahme zu meinen Gedanken zu erhalten.

Mit vorzüglicher Hochachtung!

Wilhelm Moll (Details anzeigen)
REWI

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Der Weg zur Überwindung der Krise im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben.
Zum Aufsatz: Christentum, Wirtschaft und Demokratie von Paul Tillich (Details anzeigen) in der Nr. 7 der „Neuen Auslese“.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist bis in seine Wurzel erkrankt. Im Zusammenhang damit steht die Krise der aus diesem System geborenen Gesellschaftsordnung. Neues und Besseres soll geschaffen werden. Mit den alten Methoden und im gleichem Geiste wieder anzufangen ist sinnlos. Das heutige Chaos ist doch dadurch entstanden. Sollten die herrschenden Klassen trot[z]dem in der Lage sein, den alten Kurs gegen den Anspruch der Massen auf Sicherheit durchzusetzen, dann kann vorausgesagt werden, daß sich die Geschichte der letzten Jahrzehnte noch einmal abspielt und zu einer endgültigen Katastrophe führt. So betont der Verfasser des Aufsatzes richtig und sagt weiter: Wenn dagegen die Massen stark genug sind, ihren Weg in die Zukunft gegen die festgewurzelte Macht der traditionellen herrschenden Klassen zu erzwingen, dann erhebt sich die Frage, wie eine rationale Organisation der Weltwirtschaft entwickelt werden kann, ohne gleichzeitig einen ebenso tyrannischen Mechanismus zu schaffen, wie das der Kapitalismus getan hatte. Es wird gefragt: Wie können Sicherheit und ein angemessener Lebensstandard für alle im Einklang mit der unbegrenzten Produktionskraft der Menschheit, ohne deren völlige Mechanisierung und Selbstentfremdung, erreicht werden? Immer wieder erneute staatliche Maßnahmen zur Stützung der privatkapitalistischen Wirtschaft können nach beiden Seiten nicht befriedigen. Ebenso nicht faschistische oder marxistische Lösungsversuche verschiedener Art.

Das Christentum soll nun vorhin gestellte Frage beantworten. Technische Ratschläge soll das Christentum nicht geben. Das braucht es auch nicht. Nach richtiger Ansicht des Verfassers obenangeführten Aufsatzes liegt überhaupt das Problem eines Wirtschaftssystems, das allen bessere Lebensbedingungen geben kann, weit mehr auf dem Gebiet politischer und moralischer Entscheidungen. Es liegt auf jenen Gebieten, in denen religiöse Prinzipien entscheidend sind. Damit ist das Entscheidende gesagt.

Ehe ich jedoch nun den Weg zur Schaffung einer besseren Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zeige, muß ich zuerst mit allem Nachdruck betonen, daß es niemals zu der schweren Krise gekommen wäre, wenn die Gebote des Christentums auch in diesen Bezirken befolgt worden wären. Um die Wahrheit dieser Behauptung zu erkennen, ist jedoch eine klare Stellung zum eigentliche Wesen des Christentums notwendig. Es könnte ja die Frage gestellt werden, weshalb denn nun den Forderungen des Christentums auch im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben der Vorrang gegeben werden soll. Sieht überhaupt der nur auf materiellen Erfolg bedachte, Gefühlseinflüsse verdrängende, kalt und zielbewusst denkende Wirtschafter es als vernünftig an, diesen Weg zu beschreiten? Wir müssen also, wie schon vorhin betont, tiefer in das Wesen es Christentums eindringen. Ist die christliche Lehre nur die Botschaft eines großen Menschen der Weltgeschichte, den wir in eine Reihe stellen können mit vielen anderen genialen Menschen der Weltgeschichte? Oder ist diese Lehre das absolute, von Jesus Christus (Details anzeigen),– in dem Gott, das allmächtige alles überragende Geistwesen, Menschengestalt annahm –, verkündete Lebensgesetz, woran alle Menschen gebunden sind? Im ersteren Falle können auch andere Religionen, Weltanschauunge[n,] philosophische Systeme, Regierungserklärungen von Staatsführern oder Auffassungen anderer, im Blickfeld der Völker stehende, Persönlichkeiten, oder auch eigene Gedanken, als Richtschnur in Fragen der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnun[g] gelten. Im zweiten Fall geht das nicht. Wirtschaft und Gesellschaft sind unbedingttnach der Lehre des Christentums zu ordnen. Ich verkenne hierbei jedoch nicht, daß auch dem Christentum verwandte Anschauungen, wenn sie tatsächlich praktisch verwirklicht werden, viel Gutes schaffen können. Wenn aber die Menschheit sich heute auf allen auf allen Lebensgebieten in einer so totalen Krise befindet, wenn überhaupt kein Weg gesehen wird, der in eine bessere Zukunft führt, dann kann auch nur eine totale Lösung helfen. Halbheiten schaffen es nicht mehr. Diesen Standpunkt muß man auch in der Frage des praktischen Christentums im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben einnehmen, wenn man zum Christentum die klare Einstellung gewonnen hat, von der vorhin die Rede war. Ist jedoch die Menschheit in ihrer Mehrheit in den sogenannten kultivierten Ländern anderer Auffassung (ich denke hierbei an die starken marxistischen Strömungen in allen Ländern) dann soll dieser Weg auch kompromislos beschritten werden. Ich selbst| erkenne klar die Schwächen dieses Systems. Grundsätzlich handelt es sich dabei ja auch um die Durchdringung der Menschheit mit einer bestimmten Weltanschauung, die man an die Stelle einer Religion oder einer von dieser getragenen Weltanschauung setzen will.

Nun könnte gesagt werden: Im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben braucht also nur nach den Grundsätzen des Christentums gehandelt zu werden und die Krise in diesen Lebensbezirken wird sich lösen. Tatsächlich würden dann bessere Lebensverhältnisse herbeigeführt werden, wie jeder tiefere Denker leicht erkennen kann. Weshalb sind diese besseren Verhältnisse aber bis heute nicht eingetreten und worin liegt für die Menschen die Schwierigkeit zu deren Herbeiführung. Sie liegt darin, daß die Menschen, statt an die absolute Wahrheit und Weisheit der christlichen Lehre zu glauben und nach derselben zu leben, ihrem kleinen Verstand, der alles besser wissen wollte, gefolgt sind. Dieser betete vor allen die Macht der Materie in jeder Form an. So war es immer und so ist es leider auch heute noch. Gerade in unserem Jahrhundert ist die Macht dieses Götzen gewaltig gewachsen und auch die Schrecken der vergangenen letzten Jahrzehnte haben dieser Macht keinen großen Abbruch getan. Die Entscheidung für oder gegen christliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung liegt also auch heute, wie immer, im freien Willen der Menschen selbst. Hat aber die Mehrheit der Menschen in den sogenannten Kulturländernntrotz des christlichen Kraftfeldes, in dem sie lebt, sich nicht schon wieder gegen eine wirkliche Besserung der Verhältnisse im Wirstschafts- und Gesellschaftsleben aus christlichem Geiste heraus, entschieden? Zieht man nicht erneut die vernünftiger scheinende Lösung aus dem Geiste des Materialismus auf allen Lebensgebieten vor? Man kann zwar heute erfreulicherweise häufiger von führenden Staatsmännern, Parteiführern usw. hören, daß allein das Christentum das Chaos entwirren könne. Wo aber bleiben die entscheidenen Taten im Leben der einzelnen Völker und in deren Zusammenleben mit den anderen Völkern der Erde? Mit einer noch so intensiven Verkündigung der christlichen Grundsätze durch die Kirchen und auch durch die Laienwelt ist die Macht des Materialismus, die dieser auf den größten Teil der Menschheit ausübt, nicht zu brechen. Ja, nicht einmal mehr durch das gute Beispiel weniger wirkliche[r] Tatchristen, das man vielleicht für edel, andererseits aber nicht für klug hält. Man glaubt nicht mehr an die höhere Vernunft einer Lösung der heutigen Krise aus christlichem Geiste, mag man dafür sich theoretisch zur Zeit in Wort und Schrift auch noch so sehr einsetzen. Andere Weltanschauungsgemeinschaften mit verwandten ethischen Grundsätzen erleben den gleichen Mißerfolg. Die Menschheit muß mit viel stärkeren Mitteln davon überzeugt werden, daß sie sich auf dem Irrwege befindet. Es geht in Wirklichkeit um die tatsächliche praktische Überwindung des Geistes des Materialismus, der sich ja im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben so verderblich auswirkt. Ist das Christentum stark genug, diesen Geist mit realen Mitteln zu überwinden? Meines Erachtens bestimmt! Aber wie?

Im Folgenden kann ich nur den Weg hierzu weisen. Den tatsächlichen Beweis für die Richtigkeit meiner bestimmten Überzeugungen muß die wissenschaftliche Forschung erbringen.

Hier kurz meine Gedanken: Der Mensch ist ein Wesen das Gutes oder Böses denken und wollen kann. Das was gut (vernünftig) oder böse (unvernünftig) ist, wird allein richtig durch die christliche Religion dargelegt. Auf Grund der Lehre dieser Religion und auch bei unvoreingenommenem Nachdenken ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß der Mensch mit Seele, Geist und Leib an das absolut Gute durch seinen Schöpfer Gott gebunden ist. Das heißt: Lebt der Mensch nach dem Gesetze des Guten (Vernünftigen), muß das auch für sein geistiges und leibliches Leben gut sein. Ein Leben unter Ausserachtlassung dieses Grundgesetzes, also ein böses (unvernünftiges) Leben, schädigt des Menschen geistiges und leibliches Leben im wahrsten Sinne des Wortes. Das Geheimnis der tiefsten Entstehungsursache geistiger und körperlicher Krankheiten wird damit offengelegt. Im Zusammenhang sind die Anfänge des vielgestaltigen Leides überhaupt in dieser Welt zu erkennen[.] Die letzten Sätze wären nun in vieler Hinsicht noch näher zu erläutern, was ich jedoch im Rahmen dieses kurzen Aufsatzes unterlasse. Es kommt mir vorerst auf das Wesentlichste an. Zudem will die Welt ja die Richtigkeit meiner Behauptungen bewiesen haben. Es wäre also im Interesse der gesamten Menschheit eine vordringliche Aufgabe der führenden wissenschaftlichen Forscher gemeinsam in dieser Richtung ihre Arbeit zu beginnen. Ich beziehe mich hierbei auf einen kurzen Hinweis eines Aufsatzes in Nr. 2 der Neuen Auslese über „Die neuen Grenzen des Geistes“ von I.D. Bernal (Details anzeigen), worin letzterer anführte, daß das große physiologisch-psychologisc[he]| Problem der Beziehungen zwischen Körper und Geist noch der Lösung harrt. Die Forschungsarbeiten auf den mir diesem Problem zusammenhängenden verschiedenen Wissenschaftsgebieten (Religionsphilosophie, Anthropologie, Biologie, Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Blutforschung usw.) mögen nicht leicht sein. Ich bezweifle jedoch nicht, daß bei dem hohen Stand der heutigen Forschungsmethoden und ihren technischen Hilfsmitteln die Resultate letztlich die Richtigkeit meiner Behauptungen beweisen werden. Der Schlüssel für die Beweisführung liegt meines Erachtens in der immer schärferen Erkennung der Blutbildunterschiede beim einzelnen Menschen und dessen seelisch-geistiger Verfassung.

Die Bestätigung der Richtigkeit der in meinen Ausführungen betonten Gesetzmäßigkeiten in den Beziehungen zwischen Seele, Geist und Leib durch die wissenschaftliche Forschung ist das Mittel zur Brechung der dämonischen Gewalt des unbezähmten materialistischen Geistes auf die Menschen.

Im Verfolg dessen würde das Denken der Menschen überhaupt von Grund auf revolutioniert werden. Die entsprechenden Auswirkungen auf allen Lebensgebieten und damit auch auf Wirtschaft und Gesellschaft, würden nicht ausbleiben. Christliche Staatsmänner, in ihrer Haltung gestärkt durch diese neuen Erkenntnisse der Wissenschaft, sähen mit größerer Klarheit welche gesetzlichen Maßnahmen notwendig sind, eine nunmehr wirklich in die Tat umzusetzende christliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung fest zu untermauern. Die diesbezüglichen Rundschreiben des Führers der katholischen Christenheit, des Papstes in Rom (Details anzeigen) als Stellvertreter Jesu Christi (Details anzeigen) hier auf Erden, würden ihnen mehr als bisher richtungsweisend sein.

Wenn dann sekundär nur noch ein gesunder Geist in materiellen Dingen Einfluß im Wirtschaftsleben hat, werden die vielen Probleme in diesem Bereich weniger schwer zu lösen sein. Aber gelöst werden müssen sie hier, wie auch auf anderen Gebieten des menschlichen Zusammenlebens. Die Kreise, die der Inhalt dieses Aufsatzes bezüglich einer Besserung der allgemeinen Lebensverhältnisse in erster Linie angeht, mögen sich nicht täuschen. Es geht um die Erhaltung der persönlichen und wirtschaftlichen Freiheit; allerdings nur innerhalb der aufgezeichneten Grenzen. Im anderen Falle ist diese Erhaltung der Freiheit überhaupt nicht mehr möglich.

Der hohe moralische Wert der christlichen Lebensauffassung und die angeführten wissenschaftlichen Erkenntnisse machen es dem Menschen der Zukunft leichter, sich von der dämonischen Gewalt des Götzen Materialismus-Kapitalismus, der hauptsächlich das Wirtschaftsleben beherrscht, zu befreien.

Sicherheit und ein angemessener Lebensstandard für alle im Einklang mit der unbegrenzten Produktionskraft der Menschen, ohne deren völlige Mechanisierung und Selbstentfremdung kann dann mühelos erreicht werden.

Die zu erwartende geistige Neugeburt der Menschheit wird aber im übrigen soviel wertvolle Kräfte freimachen, die, in Verbindung mit dem überreichen Segen, den die üppige Fülle der Natur den Menschen im Weltganzen gesehen immer gespendet hat, eine glücklichere Weltepoche einleiten.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aMoll, Wilhelm
bGürzenich
cGürzenich
dTillich, Paul
eMarburg an der Lahn
fTillich, Paul
gMoll, Wilhelm
hTillich, Paul
iJesus von Nazaret
jBernal, John Desmond
kRom
lJesus von Nazaret

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 167(33)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Wilhelm Moll an Paul Tillich vom 10. Juni 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11154.html, Zugriff am ????.

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L11154.pdf