Der editierte Text

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Lieber Max (Details anzeigen)!

Leo (Details anzeigen) schreibt mir eben, dass Sie ein Wort von mir über Ihr Buch und ein paar Worte über mich und die Welt von {mir} hören wollen. Ich habe längst gefühlt, dass dem so ist, habe aber meinen Impuls Ihnen zu schreiben immer unterdrückt weil ich nicht schreiben wollte, ehe ich Ihr Buch gelesen und verarbeitet habe. Das ist noch nicht ganz der Fall, obgleich ich 3/4 so gelesen und verarbeitet habe, dass ich Ihre Analyse des Vernunft-Begriffs als einziges und zulängliches Zeugnis für meine eigene Auffassung von „reason“ an einer zentralen Stelle von meinem ersten Hauptteil| „Reason und Revelation“ zitiert habe. Sie haben mir durch Ihr Buch für meine eigene systematische Arbeit einen ganz grundlegenden Dienst getan. Danke! – Im Übrigen finde ich, dass Sie noch nie so flüssig und verständlich geschrieben haben. Ich liebe eigentlich jeden Paragraphen, auch wo kleinere Kritik mir nötig erscheint. Ich freue mich auf jeden neuen Paragraphen und wünschte nur, das Buch wäre länger. Es ist ein grosser Unterschied von dem schwarzen Manuskript, auf das ich vor Jahren in Bar Harbor (Details anzeigen) geantwortet habe.

Und nun werden Sie fragen, warum ich das nicht längst geschrieben habe. Die einzige Antwort ist: Weil ich selber schreibe! Aus diesem Grund musste ich die Lektüre bis zu dem Moment verschieben, wo ich selbst in Ihre Problematik eintrat. | (Ich habe diese Methode des Lesens von Tröltsch (Details anzeigen) gelernt und sie hat sich dieses Mal besonders gut bewährt.) Vorige Woche habe ich die Einleitung mit 230 Seiten (wie diese) fertig gestellt und den ersten Hauptteil angefangen. Löwe (Details anzeigen) und der Ihnen bekannte Prof. Roberts (Details anzeigen), der mein Haus gemietet hat, waren sehr beeindruckt. Ich glaube, es ist lebendig geschrieben. Die Thesen-Form ist verschwunden. Aber die Probleme sind so viele und gewichtige, dass ich nicht weiss wie ich durchkommen werde. Die Chicago Press hat mir 2 Bde mit insgesamt 250000 Worten angeboten. Einige meiner Freunde wollten, dass es 5 Bde geworden wären; aber das hätte kein Verlag angenommen. Scribners hat einen Band meiner Predigten, von denen Sie einige gehört haben, angenommen (22| im Ganzen)

Im übrigen kämpfe ich ständig mit einer unüberwindlichen Trauer über die Grenzen meiner Endlichkeit, arbeitsmässig, altersmassig, wissensmässig, charaktermässig, und über die Katastrophe einer Welt, die uns, trotz aller Abwendung von ihr, einmal Mutter gewesen ist. Es ist ausserordentlich schön hier, aber ich vermag nicht mehr, aufzutauchen. Von der Geschichte habe ich mich ganz zurückgezogen und betrachte mich nur noch als ihr Objekt mit dem sie machen kann und wird was sie will! Die Briefe aus Deutschland (Details anzeigen) sind mörderisch, wenn man sich nicht verschliesst. Ich habe vor 14 Tagen Frau Frankel (Details anzeigen) kommen lassen, und ihr in 2 Tagen 70 Briefe diktiert. Aber die Wochen der Angst und des Schuldgefühls vorher! Und das bleibende Gefühl, dass man nicht | genug tut! Und die neuen Briefen, die sich schon wieder angehäuft haben! Ich dachte für paar Monate zu fliehen, aber die Welt erlaubt es nicht. Hat sie es Ihnen erlaubt? Oder ist Erlaubnis und Nicht-Erlaubnis unsere Entscheidung, geboren aus Schicksal und Charakter?

Ich lese in müden Stunden {Tynba}, die einbändige Ausgabe. Was ist dem gegenüber ein Einzelschicksal? Was kann deprimierender sein, als das Wissen, ein einzelner in der Desintegrationsperiode der 21ten Kultur zu sein? Die Deutschen wollen etwas Befreiendes von mir hören. Was kann ich Ihnen sagen? | Doch genug von alle dem! Wenn ich nur des „Hohlen Baums“ oder der „Flaschenpost“ so sicher wäre!

Eine ausführliche Kritik Ihres Buches soll folgen, wenn ich fertig bin, und auch Brief an die Oxford Press.

Ich lebe als Junggeselle mit einem Berg von Büchsen, aus denen ich mir mein Essen warm mache. Hannah (Details anzeigen) arbeitet sich im Camp kaput. Nur René (Details anzeigen) (im gleichen Camp) ist glücklich. Erdmuthe (Details anzeigen) hat und stellt Probleme.

Unser Platz wird mit jedem Jahr schöner, obgleich der Kampf mit der wuchernden Natur hart ist.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aEast Hampton (NY)
bHorkheimer, Max
cLöwenthal, Leo
dBar Harbor
eTroeltsch, Ernst
fLöwe, Adolf
gRoberts, David
hDeutschland
iFränkel, Hilde
jTillich, Hannah
kTillich, René Johannes Stefan
lFarris, Erdmuthe
mHorkheimer, Rose Christine
nPollock, Friedrich
oAdorno, Theodor W.
pTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Frankfurt a.M., Goethe-Universität Frankfurt, Universitätsbibliothek Frankfurt, UBA Ffm, Na 1 Nr.
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 28. Mai 1947
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 29. August 1947

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Max Horkheimer vom 14. September 1947, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11103.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11103.pdf