Der editierte Text

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Karl Mahr (Details anzeigen)
(17b) Altschweier (Details anzeigen) i. Baden (franz. Zone).
Den 17. März 1947.

Sehr geehrter Herr Professor Tillich (Details anzeigen)!

Von Haus aus links eingestellt, war ich vor 1933 Mitglied der SPD, wurde 1933 Mitglied einer großstädtischen Ortsgruppe der NSDAP, stand in meinem Kampf für öffentliche Sauberkeit im Jahre 1936 gegen die PO meiner Ortsgruppe vor einem Kreisgericht der Partei und 1937 vor dem Gaugericht. 1943 stand ich von neuem vor einem Kreisparteigericht, wurde aber kurzfristig aus der Partei ausgeschlossen und trat darauf auch aus der DAF aus. Die Konsequenzen musste ich noch 2 Jahre ertragen und auch als 61 jähriger noch zur Wehrmacht einrücken, 4 Monate nachdem ich meinen einzigen Sohn nach seiner 8ten Verwundung verloren hatte. Nun habe ich auch noch meine Entnazifizierung über mich ergehen lassen mit dem Bescheid, daß ich nur als „Arbeiter“ verwendet werden kann, eine Entscheidung, die eigentlich eine Diffamierung des Arbeitertums an sich ist, denn ich habe mich in allen meinen Lebenslagen immer nur als Arbeiter gefühlt, ob ich nun im Direktionsbüro großer Hüttenwerke, oder in den Kontoren kleiner oder mittlerer Unternehmen gestanden, oder, wie 1919, viele Monate als Erzbergarbeiter und koaliert im „Alten“-Bergarbeiter-Verband.

Zu Weihnachten 1946 habe ich nun eine Laienarbeit fertiggestellt, die ich „Betrachtungen zu unserer sozialen Lage“ nannte. Anfangs Januar 1947 erhielt ich Heft 7 der „Neuen Auslese“ aus dem Schrifttum der Gegenwart, die der Alliierte Informationsdienst Section Presse Edition Baden-Baden (Details anzeigen) herausgibt. Mit Erlaubnis des Verlages Charles Scribners Sons, New York (Details anzeigen), brachte diese Nr. 7 einen Abdruck Ihres Aufsatzes „Christentum, Wirtschaft und Demokratie (Details anzeigen)“ aus Ihrem Sammelwerk „The Christian Answer (Details anzeigen)“. So lernte ich Sie erst jetzt in meinem Alter kennen. Ihre Sorgen um die Zukunft der Menschen sind auch meine Sorgen und müssen, bewußt oder unbewußt, die Sorge aller Menschen sein mit Ausnahme Jener, denen im Gewühl ihres Gold-Verdienstes die menschliche Artverbundenheit sowie die Innere Stimme verloren gegangen. Sie, Herr Professor Tillich (Details anzeigen), fragend: „Wie können Sicherheit und ein angemessener Lebensstandard für alle im Einklang mit der unbegrenzten Produktionskraft der Menschheit, ohne deren völlige Mechanisierung und Selbstentfremdung, erreicht werden?“1 Darauf darf ich Ihnen antworten, daß Gott die Menschen das furchtbare Selbstzerstörungswerk hat schaffen lassen, um ihr Gedächtnis auf die Ergründung solcher Fragen wie die von Ihnen gestellte hinzulenken. Diese Frage ist ebenso gut eine albanische wie eine amerikanische Frage, sie ist schlechthin eine weltwirtschaftliche Frage und keine Frage des Geldes, die nur Bankiers unter sich verhandeln. Diese Frage muß durch die Radio-Stationen der Erde in Sonder-Sendungen verbreitet werden, zugleich mit dem Hinweis, daß diese Frage die alsbaldige Gründung eines weltwirtschaftlichen Parlamentes erfordere, in dem Unternehmertum und Arbeitertum, als gleichberechtigte Faktoren der Weltwirtschaft sich beraten und verständigen über Produktionsart und Produktionsumfang eines jeden Teilvolkes im Gesamtverband des Erd-Volkes.

Für die Ernährung, die Bekleidung und Behausung der Menschen kann die wirtschaftliche Energie der gesamten Menschheit im nächsten Jahrzehnt noch voll eingesetzt werden. Das wird aber auch die Zeitspanne sein, die Gott in seiner weisen Voraussicht| noch den Menschen für ihre weltwirtschaftliche Verständigung läßt. Das Arbeitertum hat für sich durch seinen Weltwirtschaftsbun Weltgewerkschaftsbund schon seine Organisation für seine Teilnahme am kommenden Weltwirtschafts-Parlament geschaffen. Nun ist das Unternehmertum gestellt, der gesamten Menschheit zu zeigen, daß es ein lebendiges, organisationsfähiges, Gebilde ist und kein doppelgesichtigter Leviathan, wie Sie es sagen, mit dem weder das Arbeitertum der Stirn und der Faust noch das gesittete Menschentum überhaupt einen Bund zur gemeinsamer [sic!] Arbeit am Wohle der Menschheit bilden kann, da er alles vernichtet, was hoch ist. Eine geklügelte Syndizi-Arbeit darf diese Unternehmer-Organisation als Partner des Weltarbeitertums nicht sein, aber einem Weltgewerkschaftsbund der Unternehmer würde volles Verständnis für die planende und dirigierende unternehmerische Tätigkeit seitens des Weltgewerkschaftsbundes der Arbeiter der Stirn und der Faust, entgegengebracht werden können.

Dieses Weltwirtschafts-Parlament würde den genossenschaftlichen Aufbau der zwischenstaatlichen Funktionen im Gefolge haben, wie ich ihn in meinen „Betrachtungen zu unserer sozialen Lage“ entwickelte. Da ich nicht mit einer Drucklegung dieser „Betrachtungen“ rechnen kann, habe ich es für richtig gehalten, die von mir gefertigten 3 Durchschläge an deutsche Aposteln der Gegenwart zur Kenntnis zu bringen:
1. an Herrn Dr. Kurt Schuhmacher (Details anzeigen), Vorsitzender der SPD.
2. an Herrn Oberbürgermeister Wilhelm Elfes (Details anzeigen), M.Gladbach (Details anzeigen), einem bekannten katholischen Arbeiterführer vor 1933, der, nach seinem Aufsatz „Christ und Sozialist (Details anzeigen)“ in Nr. 12/2 im „Südwest-Echo“-Rastatt, in einer interessanten Wandlung zur sozialistischen Fragestellung begriffen.
3. an Sie, sehr geehrter Herr Professor Paul Tillich (Details anzeigen), in der Annahme, daß Ihre Fragestellung in Ihrem „Auslese“-Artikel (Details anzeigen) Antworten aus Ihrem Leserkreise erwartet.

Leider hat mein Papiervorrat einen weiteren Durchschlag nicht zugelassen, den ich gern in die Hand eines anerkannten kommunistischen Gewerkschaftlers gegeben hätte.

Nun bitte ich Sie, Herr Tillich (Details anzeigen), an Hand meiner Schrift, auch meine religiöse Auffassung und meine Auffassung über zeitgemäße Fragen der Kirchen zur würdigen.

Gern würde ich es auch sehen, wenn Herr Reichtagsabgeordneter Wilhelm Sollmann (Details anzeigen), der an einer amerikanischen Hochschule für religiöse und soziale Studien wirken soll,2 von meiner Arbeit Kenntnis erhält. – Hier möchte ich anmerken, daß mein lieber Vater 1871 einen Tag nach seiner Trauung und 4 Wochen vor inführung der Zivilehe aus der protest. christl. Kirche ausgetreten und ich 1898 der erste Konfirmand des bekannten freirelig. Predigers Georg Welker (Details anzeigen) in Wiesbaden (Details anzeigen) war. – Falls es Ihnen, Herr Professor, dann nicht all zu viele Mühe machen würde, wäre ich Ihnen sehr zu Danke verpflichtet, dem bekannten Gewerkschaftsführer der CIO, Walter Reuther (Details anzeigen) in Detroit (Details anzeigen), einen kurzen Überblick über meine Arbeit zu geben, für den Fall, daß Herr Reuther (Details anzeigen) des Deutschen nicht mächtig sein sollte, um die Abschrift meiner Arbeit selbst lesen zu können.

Meinem Schreiben füge ich noch einen Bericht der „Bad. Ztg.“ Frb (Details anzeigen). vom 11.3.47 bei über „Eine Aussprache vor den Jungen“ über Christentum, Sozialismus und Kapitalismus und einen Ausschnitt des „Bad. Tgbl.“ Baden-Baden (Details anzeigen), vom 12.3.47 mit dem Artikel „Der Mensch – nicht das Kapital (Details anzeigen)“ und dem Leitartikel „Lebensrecht der Deutschen (Details anzeigen)“ von Dr. H. F. Geiler (Details anzeigen).

Darf ich Sie, Herr Professor Paul Tillich (Details anzeigen), zum Schluß recht herzlich grüssen, meine aufrichtigen Wünsche aber gelten der weiteren Gesunderhaltung Ihrer Arbeitskraft.

Karl Mahr (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

2Der Journalist und Politiker Wilhelm Sollmann (Details anzeigen) war in seinem Exil in den USA (Details anzeigen) Dozent am Quäker-College „Pendle Hill“ in Wallingford (Details anzeigen).

Register

aMahr, Karl
bAltschweier
cTillich, Paul
dBaden-Baden
eNew York City
fTillich, Christentum Wirtschaft und Demokratie, 1946
gVan Dusen (Hg.), The Christian Answer, 1946
hTillich, Paul
iTillich, Paul
jTillich, Christentum Wirtschaft und Demokratie, 1946
kSchuhmacher, Kurt Ernst Carl
lElfes, Wilhelm
mMönchengladbach
nElfes, Christ und Sozialist, 1947
oTillich, Paul
pTillich, Christentum Wirtschaft und Demokratie, 1946
qTillich, Paul
rSollmann, Wilhelm
sSollmann, Wilhelm
tVereinigte Staaten von Amerika
uWallingford (PA)
vWelker, Georg
wWiesbaden
xReuther, Walter
yDetroit, USA
zReuther, Walter
aaWallingford (PA)
abBaden-Baden
acTessner, Der Mensch – nicht das Kapital, 1947
adGeiler, Lebensrecht der Deutschen, 1947
aeGeiler, H. F.
afTillich, Paul
agMahr, Karl

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/163 (53)
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Unterschrift eigenhändig; adressiert: „Herrn Professor Paul T i l l i c h, Union Theological College, New-York-USA.“

Postweg
Altschweier i. Baden - New York

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Karl Mahr an Paul Tillichvom 17. März 1947, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11057.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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