Der editierte Text

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December 12, 1946.

Mein lieber Frede (Details anzeigen):

Eben kam die Bestätigung einer Andeutung von Jacob Billstroem (Details anzeigen), daß Ekkehard (Details anzeigen) gestorben ist. Ich erhielt die offizielle Anzeige von Annemarie (Details anzeigen). Ich war natürlich nach Deinem letzten Brief1 schon sehr in Sorge, aber es passieren ja so viele Wunder im Überstehen von unvorstellbaren Situationen, daß ich hoffte, Ekkehard (Details anzeigen) würde die dritte Operation auch überstehen. Die Nachricht hat mich 14 Tage vor Weihnachten erreicht und hat all die Erinnerungen an jenes Weihnachten nach dem ersten Weltkrieg wieder erweckt, wo ich auf einer durch den Krieg heruntergekommenen Eisenbahn nach Bremen (Details anzeigen) fuhr, um an Johannas (Details anzeigen) Beerdigung teilzunehmen. Ich erinnerte mich auch an die Nachricht, die ich während des ersten Weltkriegs bekam, daß Ekkehard (Details anzeigen) geboren wurde und über ein fröhliches und törichtes Telegramm, das ich schickte.2 Was hat unsere Generation durchzumachen! Was hast Du durchzumachen! Aber ich kenne keinen Menschen unter all meinen Freunden und Bekannten, mich selbst eingeschlossen, der dem Ewigen so nahe ist wie Du und der darum an irgend einer Stelle dem Leid dieser Tage so überlegen gegenüber steht. Das ist mein einziger Trost, wenn ich an Dich denke. Die Briefe aus Deutschland (Details anzeigen) häufen eine solche Last von Leid auf uns, daß wir oft am Zusammenbrechen sind, weil wir nicht helfen können und weil im Grunde niemand helfen kann. Ich nehme an, daß Ekkehard (Details anzeigen) ein Kriegsopfer ist, denn er war doch trotz seiner zarten Gesundheit gesund genug, in die Marine aufgenommen zu werden und den Strapazen seines Berufes gewachsen zu sein. Ich erinnere mich, wie ich zum letzten Mal in New York (Details anzeigen) im Café mit ihm zusammen saß und versuchte, ihm den Sinn meiner religiösen und ethischen Haltung der Welt gegenüber verständlich zu machen und an irgend einer Stelle eine Bereitschaft fand, die ja bei Deinem und Johannas (Details anzeigen) Sohn natürlich war. Ich bin so froh, daß auf der Traueranzeige das Wort „stud. theol.“ steht, was für mich bedeutet, daß die tiefsten Quellen in ihm, die durch die grauenvolle Zeit, in der er lebte, verschüttet waren, wieder hervorgebrochen sind.

Was für Pläne habt Ihr mit Annemarie (Details anzeigen) und ihren Kindern? Ich habe lange nichts mehr von Elisabeth (Details anzeigen), Marie-Luise (Details anzeigen) und Euch gehört. Es scheint, als ob Briefe und Pakete nicht angekommen sind. Bitte, schreibt doch auch, wenn von hier aus Pausen eintreten, weil es immer möglich ist, daß etwas verloren gegangen ist.

Hannahs (Details anzeigen) und meine Gedanken sind bei Dir, Trude (Details anzeigen) und dem einzig Lebendigen, was noch von Johanna (Details anzeigen) übrig geblieben ist. Ich wünsche, daß die Kräfte, die Deine Briefe jedes Mal auf mich ausstrahlen, Dir selber in diesen schweren Zeiten helfen.

In Trauer und Liebe,

Dein Paul (Details anzeigen)

Nachdem ich diesen Brief geschrieben hatte, träumte ich in der Nacht, daß ich Dir auf einer Terrasse begegnete, meinen Mantel wegwarf und Dich, der Du sehr lang und dünn aussahst, umarmte. Du sagtest: „Es ist mir doch sehr arg mit Ekkehard“. Dann wachte ich auf.


Register

aFritz, Alfred
bBillström, Jakob
cFritz, Eckehardt
d???, Annemarie
eFritz, Eckehardt
fBremen
gFritz, Johanna
hFritz, Eckehardt
iFeldpostbrief von Paul Tillich an Johanna Tillich vom 20. November 1914
jDeutschland
kFritz, Eckehardt
lNew York City
mFritz, Johanna
n???, Annemarie
oSeeberger, Elisabeth
pWerner, Marie Luise
qTillich, Hannah
rFritz, Gertrude
sFritz, Johanna
tTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Germany, Marburg, Hessen, Philipps-Universität-Marburg, ––, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/184 (11)
Erstpublikation
Paul Tillich: Ein Lebensbild in Dokumenten. Briefe, Tagebuch-Auszüge, Berichte . Erste Auflage. Frankfurt a. M. : De Gruyter (Evangelisches Verlagswerk), 1980, 306f. ( Ergänzungs- und Nachlassbände zu den gesammelten Werken von Paul Tillich , V)
Typ

Brief, als Abschrift überliefert; Briefkopf: „Paul Tillich, Union Theological Seminary, New York 27, N. Y.“

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Alfred Fritz an Paul Tillich vom 12. August 1935

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Alfred Fritzvom 12. Dezember 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11029.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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erwähnte Briefe