Der editierte Text

| THE CHICAGO THEOLOGICAL SEMINARY
5757 UNIVERSITY AVENUE
CHICAGO (Details anzeigen) WILHELM PAUCK (Details anzeigen), D. THEOL.
Professor of Historical Theology
D. 17. Aug. 1946.

Lieber Paulus (Details anzeigen),

in meinem Schreibtisch liegt noch ein Manuskript, das vor zehn Jahren ein Beitrag zu einer Art Festschrift zu Deinem fünfzigsten Geburtstag sein sollte. Damals konnte man wirklich noch an die Möglichkeit solcher akademischen Höflichkeiten denken, obwohl die Ausführung des Planes nicht gelang und wohl überhaupt nicht versucht wurde. Heute kommt es einem sehr seltsam vor, wenn Anstalten gemacht werden, den sechzigsten Geburtstag eines, der {repräsentativ} ist und vielen, Freunden und andern, viel bedeutet, festlich und gar mit gewissem öffentlichen {Pomp} zu begehen.| Der öffentliche „Pomp“ wird am 20. August fehlen, aber ich denk mir, daß viele Deiner Freunde dann Deiner besonders gedenken werden. Deshalb kannst Du Dir vorstellen, was passiert wäre, wenn wir noch in der angeregten, hoffnungsvollen Atmospäre [sic!] der zwanziger Jahre lebten. Dann wäre der 60. Geburtstag Paul Tillichs (Details anzeigen) ein öffentliches {menschliches} Ereignis gewesen. Man hätte mit Verwunderung und Bewunderung die bemerkenswerte Tatsache gefeiert, daß solche Kerle wie Du 60 Jahre alt werden. Obwohl Dir heute öffentlich nicht mehr so wichtig ist, wie es früher hätte sein können, ist es doch im Zusammenhang des Lebens derer, die Dich lieben, ein merkwürdiges Ereignis. Weißt Du noch, was für eine Rolle früher einmal in unseren mehr oder weniger ernst-humorvollen Gesprächen über unsere Zukunft die „{Inselgreise}“ gespielt haben. Nach menschlichem Berechnen, {tust} Du nun einen gewaltigen {Schritt}, wirklich selbst einer zu werden. Aber es ist mir konkret unbegreiflich| wie das {¿¿¿} geschehen könnte. Trotzdem Du selbst letzthin öfters bemerkt hast, daß wenn man ein gewisses Alter erreicht, man zu allerhand Dingen nicht mehr fähig ist, bist Du mir doch immer noch der, der in den zwanzigern in Berlin (Details anzeigen) die Hoffnungen und Pläne der Jugend aussprach u der in den dreißigern hier in Amerika (Details anzeigen) – trotz allem, was inzwischen geschehen war – die Geistigkeit der wachsenden Zukunft verkörperte. Nach meinem Gefühl wird Paul Tillich (Details anzeigen) nie alt. Mein wärmster Wunsch zu diesem Deinem Geburtstag ist, daß Du das selbst – auch von Dir aus – so empfinden mögest. Solch ein Gedanke würde für Dich den Entschluß bedeuten, alles zu tun, um die Dogmatik, die alle, die mit Dir und von Dir %'gehofft haben, von Dir erwarten, fertig zu machen. Denn darin werden sie den richtigen| Tillich (Details anzeigen) {kriegen} – in einem bedeutenden Sinne zeitlos, wenn auch wegen der {¿¿¿} der Welt jetzt, wie auch schon früher, verzeitigt. Denn das hast Du vor vielen, vielleicht allen von uns voraus, daß, während wir dazu bestimmt sind, in den kritischen {Z¿¿} verzeitigt zu werden, Du es geschafft hast, etwas Zeit-Überragendes in dir darzustellen, trotzdem Du auch der Verzeitigung deinen Sold bezahlt hast. Deshalb kann man zu Deinem 60. Geburtstag den Wunsch aussprechen, {das [sic!] } Du uns das schenkst, was deine geistige Haltung am klarsten ausdrücken würde – die Dogmatik. Denk doch mal, was das bedeutet, daß außer Orthodoxen und Leuten wie Barth (Details anzeigen), die irgendwie aus dem Totenreich sprachen, nur Du dazu fähig bist, eine „Dogmatik“ zu schreiben – eine, die lebendig ist!

Es ist schade, daß wir soweit von einander wohnen[.]| Ich würde zu gerne mal zu Euch {rüberkommen}. Neulich hatte ich Gelegenheit, an unsere Tage in Gatlinburg (Details anzeigen) in {besonderer} Weise zu denken. Die waren doch wunderschön, trotzdem sie mir nicht erlaubt waren. Ich werde – auch mit der {Resignation}, die mir auferlegt ist – an Dich – und Hannah (Details anzeigen)! – denken, wenn ich von Mitte September bis Mitte Oktober auf Mt. {Desert} bin (wir werden dann in Mc {Ciffert} cottage wohnen). Ich werde mich an einen jüngeren Paulus (Details anzeigen) erinnern, der aber noch immer derselbe ist, der unbedingt im eiskalten Ozean schwimmen mußte und an den Felsen beim Thunder-Hole seine Autobiographie schrieb – und ich werde an der Bank in Bar Harbor (Details anzeigen) vorbeigehen, deren {Bild} ich {mal} {herauszugeben} versprochen habe, aber das ich noch immer behalte!

Habt's schön am 20.! Ich werde in Gedanken bei Euch sein.

Wie immer Dein Wilhelm (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aChicago, Illinois
bPauck, Wilhelm
cTillich, Paul
dTillich, Paul
eBerlin
fVereinigte Staaten von Amerika
gTillich, Paul
hTillich, Paul
iBarth, Karl
jGatlinburg (TN)
kTillich, Hannah
lTillich, Paul
mBar Harbor
nPauck, Wilhelm

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/173(39)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Wilhelm Pauck vom 08. Januar 1946

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Wilhelm Pauck an Paul Tillich vom 17. August 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10976.html, Zugriff am ????.

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L10976.pdf