Der editierte Text

| Ansprache an die Teilnehmer an der Pfingsttagung in London (Details anzeigen) der Volkssozialistischen Bewegung.

Meine Damen und Herren!

Mein Freund Hans Jaeger (Details anzeigen) hatte mich aufgefordert, an Ihrer Tagung teilzunehmen. Da mein Gesundheitszustand das noch nicht erlaubt, bat er mich, Ihnen kurz zu schreiben, was ich als geistige Grundlage für den Aufbau eines gesunden Staatswesens für notwendig halte. Hören Sie denn:

"Volkssozialismus" ist ein guter Name, ein großer Begriff. Das Wort weist auf ein grosses Ziel: Nicht auf die Zusammenfassung einer Gruppe oder Klasse, sondern auf die societas populi, die tätige Gemeinschaft des ganzen Volkes.

Ueber die Wege zum Zusammenwirken aller Volkskräfte am Aufbau mögen Meinungsverschiedenheiten bestehen, doch die wegweisenden Richtlinien liegen fest. Diese Richtlinien sind das Ergebnis jahrtausendelanger Erfahrung. Wir finden die ihre Anfänge in Religionen primitiver Völker. Wir finden sie entwickelt in allen grossen Religionen: in den Gesetzen des Konfuzius (Details anzeigen), in den Lehren der Veden, Zoroaster (Details anzeigen)s und Buddha (Details anzeigen)s, die die Nazis fälschlich "Arier" nennen, und in den Gesetzen und Lehren Moses (Details anzeigen)' und Jesu von Nazareth (Details anzeigen), die sie in konstruiertem Gegensatz als "Semiten" bezeichnen. Wesentliche Teile dieser Richtlinien wurden in den Koran übernommen. Diese grundlegenden Prinzipien fordern Ehrfurcht vor Gott: Unterwerfung unter den Willen, der die Welt regiert, Streben nach Harmonie mit der Schöpfung, und Liebe zum Nächsten.

Beschränken wir uns auf das Abendland. Die ältesten Lehren der Bibel stellen Gottesfurcht, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. Diese Lehren und die Botschaft von der Liebe Gottes, der Liebe zum Nächsten, vom Schutz des Schwachen, von der Standhaftigkeit im Leiden und von der Vergebung der Schuld, wenn Schuldige sich abkehren von schuldhaften Tun, begannen in den letzen zwei Jahrtausenden abendländisches Denken und das Tun kleiner Minderheiten der Völker | zu beeinflussen; doch ihr Einfluss auf Tun und Leben der Nationen blieb gering.

Nächstenliebe, Schutz der Schwachen, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit sind Voraussetzungen menschlichen Zusammenlebens. Diese Grundsätze wurden in Deutschland (Details anzeigen) öffentlich verdammt: Hass wurde verkündet anstelle von Nächstenliebe, Verfolgung der Schwachen anstelle ihres Schutzes, Lüge anstelle von Wahrheit, Gewalt anstelle von Recht. Die Wiederaufrichtung dieser Grundpfeiler der Zivilisation wird entscheidend sein für jede künftige deutsche Politik. –

Nächstenliebe ist nicht schwächliches Mitleid, nicht emotionelle Zuneigung, sondern Sorge, Fürsorge und Aufopferung für Andere. Sie fordert Konsequenz, oft Strenge, immer Einfühlung und Verständnis und überwindet Härte und Selbstgerechtigkeit. Selbstgerechtigkeit und Unkenntnis Anderer sind Ursachen für Spannungen zwischen Einzelnen, Gruppen und Völkern. Wir sehen zu gern und zu leicht den Splitter im Auge des Anderen und vergessen den Balkan im eigenen Auge. Wir bemühen uns zu wenig um Kenntnis der Anderen und verurteilen sie zu leicht nach Aeusserlichkeiten. Auf Selbstgerechtigkeit und Unkenntnis baut Hass-Propaganda auf. Darum sind Vermittlung der Kenntnis eigener Fehler und des Verständnisses für Geschichte, Eigenart und Lebensbedingungen fremder Völker notwendige Bestandteile künftiger Volkserziehung.

Nächstenliebe: Hilfsbereitschaft gegenüber den Nachbarn, Verständnis für den Mitbürger, Streben nach internationaler Verständigung und Zusammenarbeit muss unsere Handlungen bestimmen. Dabei ist es natürlich, daß wir uns dem eigenen Volke näher fühlen als fremden: Menschen, die in ihrem engsten Kreise selbstsüchtig, verständnislos und lieblos sind, schaffen selten bleibend Wertvolles für die Gemeinschaft; Nationen, die ihre Selbstachtung verlieren, wirken nie bleibend Fruchtbares für die Menschheit.–

Soziales Pflichtgefühl gebietet den Starken den Schutz der Schwachen; staatlicher Selbsterhaltungstrieb verlangt von den Verantwortlichen den Schutz der sozial Schwachen im eigen Volke; Verantwortungsgefühl und eigenes Interesse fordern von fortgeschrittenen | und starken Völkern Schutz und Hilfsbereitschaft gegenüber rückständigen und schwachen.–

Einst hielt uns die Welt für ehrlich, und wir waren verhältnismässig ehrlich. Heut hält sie uns für ein Volk von Lügnern und Betrügern, weil die, die mit Lüge und Betrug die Macht erschlichen, Wortbruch, Rechtsbruch, Lug und Trug legalisierten, um Volk und Umwelt zu versklaven und auszuplündern.

Deutschland (Details anzeigen) muss vieles erklärt werden in Wort und Tat. Wir selbst müssen wieder ehrlich werden gegen Andere und uns selbst. Nie wieder darf der Zweck die Mittel heiligen. Volk und Welt sind der Lügen müde.

Kampf, der wahren Erfolg bringen soll, verlangt reine Waffen. Auch für die Politik gilt das Gebot: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten." Nur wer das selbst befolgt, kann es von Anderen verlangen, kann ehrlicher Kritik die Tür öffnen, kann die Freiheit des Wortes wiederherstellen. Auf Freiheit des Bekenntnisses und Freiheit der Forschung brauche ich nicht einzugehen; sie sind selbstverständlich.–

Aufgabe des Rechts ist Schutz des Einzelnen und der Gemeinschaft. Wesen des Staatsrechts ist Festlegung der Rechte und Pflichten der Einzelnen gegen die Gemeinschaft und der Gemeinschaft gegen die Einzelnen. Grundsatz des Rechts wahrer Rechtsstaaten ist Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz.

Wo das Recht aufhört, dem Schutz der Gemeinschaft zu dienen, entsteht Anarchie. Wo das Recht aufhört, dem Schutz der Einzelnen zu dienen, entsteht Gewaltherrschaft. Wo Gesetzgebung oder Gesetzesauslegung zur Bevorzugung oder Benachteiligung von Volksteilen missbraucht werden, entsteht Klassenherrschaft. In Staaten, die einen dieser Zustände dulden, besteht Rechtslosigkeit. Solche Staaten sind keine Rechtsstaaten.

Recht wuchs einst aus dem Leben der Völker wie ein starker Baum: alte Zweige verdorrten, neue Zweige | sprossen; ihre Blätter füllten – die Folianten. Nur Teile des deutschen Rechts sind so gewachsen; sein grösster Teil wurde kodifiziert aus dem römischen Recht übernommen. Trotzdem beeinflusst Absterben und Neuwuchs von Rechtsgedanken ständig das Leben des Volkes. "Schwerhaft " und "Gesindeordnung" sind vergessen. Als kräftiger Ast wuchs in den letzten 100 Jahren die Sozialgesetzgebung. Ein anderer Zweig schoss, mit Illusionen gedrängt, von Hoffnungen umrankt, hervor – und verdorrte: die Weimarer Verfassung. Dann schlugen Räuber und Mörder die guten Zweige ab. Der Baum ward kahl, doch er starb nicht. Wenn Räuber und Mörder, Lügner und Falschmünzer, Heuchler und Schergen gerichtet, das Gift ihrer Irrlehren ausgetrieben, die Schwären, die es am Volkskörper hinterließ, ausgebrannt sind, muss wahres Recht zu neuem Leben erweckt werden mit sorgsamer, starker Hand.

Ein neuer Zweig der Gesetzgebung wird sich mit der Abgrenzung der Rechte in Einzelnen und der Gemeinschaft in Produktion und Verteilung befassen, denn die Zeit des Wirtschaftsliberalismus ist vorüber. –

Vor mehr als 100 Jahren schrieb Friedrich Hebbel (Details anzeigen): "Individualismus ist kein Ziel, er ist ein Weg; er ist nicht der beste, er ist der einzige Weg." |:aus dem Gedächtnis zitiert.:| Das galt damals, gilt heute, und wird immer gelten. Nicht auf die Systeme kommt es an, sondern auf die Menschen, auf ihren Charakter, ihre geistige Haltung.

Was aber sind die Ziele?

Das Ziel aller wirtschaftlichen Planung ist Schaffung besserer Lebensbedingungen, das heißt Befreiung von materieller Not.

Das Ziel aller politischen Planung ist innere und äußere Befriedung, d.h. Befreiung von Klassenhass und nationaler Angst.

Das Ziel aller Planung im Geistigen ist Erreichung eines höheren geistigen Niveaus für Volk und Menschheit d.h. seelische Befriedung:Befreiung von Lebensangst.

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Völker sind Vielheiten von Individuen; das dürfen wir nie vergessen. Die Einzelnen: Männer, Frauen und Kinder müssen geführt werden zu höherer Erkenntnis, höherem Verantwortungsgefühl, höherem Verständnis ihrer Pflichten. –

Während der letzten 150 Jahre war der Fortschritt in Wissenschaft und Technik gewaltig, der materielle Fortschritt erheblich. Im geistigen Fortschreiten aber, im Fortschreiten zu segenbringender Anwendung des Errungenen, versagten wir kläglich.

Warum? – Weil wir uns am Materiellen, am Technischen Fortschritt berauschten und das Geistige vergassen. Weil die Menschen zu unentwickelt blieben, um die Ideale ihrer Führer zu verwirklichen. Weil diese Ideale Wunschträume blieben.

Warum war das in Deutschland (Details anzeigen) so? – Weil wir ein Volk von Fachleuten sind, von Experten, die immer mehr und mehr von immer weniger und weniger verstehen. Weil Fachausbildung selbst in den Geisteswissenschaften Endzweck blieb.

Warum war das so? – Weil Deutschland (Details anzeigen) immer mehr zu Gross-Preußen (Details anzeigen) wurde. Weil Preußen (Details anzeigen) als Militärstaat nicht auf Verstehen aufgebaut war sondern auf Gehorchen. Weil dieser Militärstaat, dessen Stärke Disziplin, Pflichtbewusstsein, Unbestechlichkeit und Sparsamkeit von Offizierskorps und Beamtenschaft, und Fleiß, Nüchternheit, und Sparsamkeit der Bevölkerung war, als einzige aufsteigende Macht unter Ueberresten aus Feudalzeit und Romantik deutsches Geschick immer stärker beeinflusste. Weil Preußen (Details anzeigen) von einer kleinen Klique beherrscht wurde, die sich ausschließlich auf Heer, Polizei und militärische Beamtenschaft stützte. Weil in Preußen (Details anzeigen) die Mehrzahl der Beamten und Richter Reserveoffiziere, ihre Schreiber "zivil-versorgte" Feldwebel waren, während Produzenten, Kaufleute, Bankiers und Andere für herrschende Klique und Militär-Hierarchie nur als potentielle Heereslieferanten und "Hilfs-Zahlmeister" Daseinsberechtigung hatten. Weil die herrschende Klique und die Mehrheit der ihr dienstbaren Hierarchie alle Aussenstehenden mit der gleichen geringschätzenden Herablassung behandelten wie ihren Zahnarzt, {Masseur} – und Pfarrer: die "Kerls" mussten ihren "Krams" verstehen, durften aber "keine Ahnung haben von Tuten und Blasen", von den Signalen, nach denen das Volk regiert wurde.|

Im Einklang damit {werteten} die hinter den Kulissen Herrschenden die Volksvertretung mit Ausnahme der Vertreter ihrer eigenen Interessen wie folgt: Freikonservative waren "schlappe Hunde", Nationalliberale "{Koofmichs} und Pfeffersäcke", das Zentrum "schwarzes Pack", Demokraten "Heringsbändiger und Judenknechte", Sozialdemokraten "vaterlandslose Gesellen", das Ganze: "Vox populi, vox Rindvieh", Podbielski (Details anzeigen) |: von Podbielski (Details anzeigen), preußischer Eisenbahnminister unter Bülow (Details anzeigen) :|> sagte nur frei heraus, was alle dachten.

Schulen, ausser Fachschulen, waren mit Reserveoffizieren und "Zuverlässigen" besetzt, deren Aufgabe es war, die Kinder zu "tüchtigen" Untertanen, Hurrah-Schreiern und Kanonenfutter zu erziehen. Die protestantische Kirche war Staatskirche, ihre Kanzeln grossenteils mit fachtheologisch gedrillten Machtanbetern besetzt, die die "gottgewollten Abhängigkeiten" zu schützen und Unzufriedene auf ein besseres Jenseits zu vertrösten hatten. Wo nicht Staat sondern Gutsherr Kirchenpatron war, war es womöglich noch schlimmer. Die Katholische Kirche war als Fremdkörper suspekt. –

In der Republik fiel der König, dem Militär und Beamte durch Fahnen – oder Diensteid zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet waren, weg, die Klique aber behielt hinter den Kulissen die wirkliche, nunmehr von niemanden kontrollierte Macht. Ihre Helfer füllten die Ämter. Minister und Reichspräsidenten, selbst der "olle Hindenburg (Details anzeigen)" waren – manche leider nicht zu Unrecht – Schießbudenfiguren in ihren Augen. War einer der "Kerls" nicht "{traitabel}", so wurde er durch geschickt verhetzte Werkzeuge "abgeknallt" oder durch geschickt gelenkte Aktionen zu Tode gebracht. Die Republikaner leisteten zwar gute sachliche Arbeit, hatten aber die Köpfe voll mit kleinlichem Streit und merkten kaum was vorging. 1933 aber brachte die gleichte Klique nach gründlicher "Vorbereitung des Geländes" ihre {Unter}offiziere und Unterschreiber und eine Bande von Spitzeln, Bankrottenden, Pervertierten und Verbrechern an die Macht. Sie selbst blieb im Hintergrund, überlies die schmutzigste Arbeit ein paar Berufspolitikern und – den Anderen. Viele | schämten sich des Bündnisses mit Verbrechern, viele wären die Geister, die sie riefen, gern wieder losgeworden, die meisten aber waren mit den Resultaten im Wesentlichen einverstanden, – solange es "gut ging". –

Das ist preussischer Militarismus in seiner letzten Enterdigung, in die er getrieben wurde durch Furcht vor Kommunismus, Unfähigkeit, die Niederlage von 1918 hinzunehmen, und Hunger nach neuer Macht. Die Wehrmacht ist nur das Werkzeug des aus Machtstreben geborenen Systems, die Generale sind nur leitende Militärfachleute. Das Offizierskorps wurde zwar vom Volk als erster Stand angesehen und benahm sich entsprechend. Es war jedoch, im Gegensatz zu Japan (Details anzeigen)s Militärmachthabern, ausschließlich Werkzeug: {tabu}-beherrscht, schlecht bezahlt, gezwungen unpolitisch und machtlos. Generalstab und örtliche Stäbe wurden nach |:durch:| schärfster Siebung nach Fähigkeit, Leistung und Charakter ausgewählt, die Mannschaft mit grösster Präzision gedrillt, zur höchsten körperlichen Leistung trainiert. Jeder körperlich dienstfähige Mann zwischen 18 und 45 war dienstpflichtig. Nur Verbrecher und "erkennbar Geisteskranke" waren ausgeschlossen. Jeder sozial und nach Erziehung Zulässige war, wenn gesund, bis zum 60. Lebensjahr Reserve-, Landwehr- und Landsturmoffizier, alle befähigten Unteroffiziere waren, selbst wenn "zivil-versorgt", jederzeit zum Dienst in Reserve, Landwehr oder Landsturm verpflichtet. Alle: Offiziere, Unteroffiziere {&} Mannschaften standen bei äusserem oder und inneren "Notstand" unter Fahneneid. Die wahren Machthaber und Drahtzieher aber saßen in Landbund, {Lang?}verein, Stahlwerksverein und ähnlichen Körperschaften und, zur Zeit Wilhelm II. (Details anzeigen) und der Präsidentschaft Hindenburg (Details anzeigen)s, in der Palast-Kamarilla.

Als Pfleger des hochentwickelten militärischen Werkzeugs erwarb sich der Preussische Militarismus Verdienst um die Befreiung Europa (Details anzeigen)s von beiden Napoleons (Details anzeigen) (Details anzeigen). Er erwarb auch Verdienst um die Einigung Deutschland (Details anzeigen)s, deren Wert heute von vielen bestritten, deren zeitgeschichtliche Notwendigkeit jedoch schwer geleugnet werden kann. Immer wieder aber sank er zurück in Machtpolitik und Verfolgung enger Klasseninteressen. Nach 1815 wurde zum Hauptgrund deutsche Seelennot, nach Bismarck (Details anzeigen)s | Entlassung zum Hauptgrund deutscher Gefahr. Nach 1918 ermöglichte er den Aufstieg Hitler (Details anzeigen)s. Nach der bevorstehenden Niederlage kann er einem neuen Hitler (Details anzeigen) die Hand zum Aufstieg reichen. Er muss mit der Wurzel ausgerissen werden.

Auf die seelische {Verzerrung}, die die Beherrschten erlitten, kann ich heute nicht eingehen. Dies ist eine Ansprache, keine Vorlesung über Völkerpsychologie, in der ich versuchen würde, ihnen das ganze Bild der Seelenkrankheit unseres Volkes zu geben. Wer heilen will, braucht das {gesamte} Krankheitsbild, doch das Gesagte dürfte genügen, um zu zeigen, warum das deutsche Volk in den letzten 70 Jahren wohl hervorragende Spezialisten auf allen Gebieten, aber so wenig geistig unabhängige Führer hervorgebracht hat, warum das Volk geistig immer mehr verflachte und warum es kritiklos in Machtanbetung verfiel. Es genügt, – denke ich –, auch, um zu erkennen, daß nicht nur der Nazi-Filz ausgebrannt und ausgetrieben, sondern daß das ganze Volk von Grund auf neu erzogen werden muß. Bei dieser Erziehungsarbeit kann uns das Ausland helfen, wir aber müssen sie wollen und durchführen. Diese geistige Umstellung des deutschen Volkes ist die wesentlichste und schwerste unserer Aufgaben; sie muss bei den Lehrern, Seelsorgern und Richtern beginnen.

Wird die Ausrottung von Nazitum und Militarismus und die geistige Umstellung des Volkes nicht bis ins letzte durchgeführt, so wird alle Arbeit vergeblich sein, so müssen alle noch so grossen Teilerfolge früher oder später zu nichte werden.

Ausrottung von Nazitum und Militarismus wird nach dem diesmaligen Zusammenbruch nicht allzu schwer sein. Vernichtung ist leichter als Aufbau. Aber auch die geistige Umstellung des Volkes wird gelingen, wenn wir alle zu Gebote stehenden Mittel anwenden und keine Gelegenheit ungenutzt lassen.

Die Aelteren unter Ihnen werden sich an die Zeit von 1918 bis 1923 erinnern, als die alten Götter stürzten, dass Heer geschla-| gen war, der Kaiser (Details anzeigen) nach Holland (Details anzeigen), Ludendorff (Details anzeigen) nach Schweden (Details anzeigen) floh, als Hunger, Grippe, Friedensbedin Waffenstillstandsbedingungen, Friedensbedingungen und Geldentwertung wie Hammerschläge fielen. Die Leere in den Seelen des Volkes war entsetzlich. Es griff nach jedem Strohalm. Mystiker von Rudolf Steiner (Details anzeigen) bis zu jenem Weissenberg (Details anzeigen), der das Seelenheil in weißem Käse sah, hatten Massenzulauf, bis Poincaré (Details anzeigen) die Rheinische Republik förderte und das Ruhrgebiet (Details anzeigen) besetzte. Da wurde Verzweiflung zu Wut, und gefährliche Propheten sammelten Verzweifelte und Abenteurer unter den Zeichen des Unheils.

Diesmal nach Nazischwindel und Herrenvolktraum, nach bedingungsloser Uebergabe und Besetzung, nach einem Jahrzehnt von Entbehrung und Anspannung wird das seelische Vakuum noch größer sein.

Dann, und keinen Tag später muss der Kampf um die seelische Reinigung und {Erneuerung} beginnen. Der Augenblick des Zusammenbruches bietet eine einmalige Gelegenheit; sie darf nicht versäumt werden. Der Kampf muss mit allen Mitteln der modernen Propaganda und mit der ganzen Kunst psychologischer Einzel- und Massenbeeinflussung geführt werden {auch}als Kreuzzug auf ethischer und auf religiöser Grundlage. Die Werbung muß sich wenden an Freidenker aller Schattierungen und Anhänger aller Konfessionen.

Religion ist nur dann "Opium für's Volk", wenn sie sich darauf beschränkt, Menschen auf ein besseres Jenseits zu vertrösten. Das lateinische Wort "religio" bedeutet "Sorgfalt" im Sinne liebevoller Pflege |:aller:| menschlichen Angelegenheiten. *) Seelenfrieden ist das Ziel aller Religion, Menschenglück und Weltfrieden das Ziel aller Planung und Politik; alles Materielle ist nur Mittel zum Zweck. –

Der geistige Kreuzzug muß vom Auslande aus in allen Einzelheiten jetzt vorbereitet werden. Die ersten Seelsorger und Propagandisten der Ethik müssen jetzt in England (Details anzeigen) und den Vereinigten Staaten (Details anzeigen) herangebildet | werden. Dabei werden uns England (Details anzeigen) und Amerika (Details anzeigen) helfen. In der Arbeit selbst können Ausländer helfen, die das Wesen unseres Volkes verstehen; denn entgegen aller Propagandalügen liebt unser Volk Fremdes und Fremde. Was "von weit her ist", ist gut; wer aus einem anderen Landesteil kommt, "ein Hergelaufener". Die örtliche Arbeit kann deshalb nur von Landschaftsangehörigen und Ausländern geleistet werden. Kein Berliner kann ich Bayern (Details anzeigen), kein Ostpreusse in Holstein (Details anzeigen), kein Sachse in Württemberg (Details anzeigen) wirken. Doch Priester und Laien, Deutsche wie Fremde, die sich dieser Arbeit widmen, müssen mehr sein als Ethiker und Fachtheologen; sie müssen tiefe Kenntnis der Psychologie und der politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge besitzen. Nur ein Teil des Volkes wird in ihre Gotteshäuser und Versammlungsräume kommen, ihre Schriften lesen, ihre Rundfunkreden hören. Sie müssen zum Volke gehen, mit Einzelnen und vor Gruppen sprechen und diskutieren. Geben sie sich dabei Blössen, so schaden sie mehr als sie nutzen.

In jeder kleinen Gemeinschaft, in Dorf, Sprengel und Fabrik, muss eine ethisch hochstehende Persönlichkeit vorhanden sein, zu der alle kommen können mit ihren geistigen und materiellen Sorgen, nicht als Mitglieder einer Partei oder Glaubensgemeinschaft, sondern als Menschen. Beruflich besonders geeignet sind Lehrer, Ärzte, Pflegerinnen, und Seelsorger aller jeder Konfession. Diese Leute müssen über ihr Fachwissen hinaus Einfühlungsvermögen und Verständnis für wirtschaftliche und einfache technische Fragen besitzen.

In kleinen Orten müssen Gastwirte und Ladenbesitzer, zu denen die Menschen von je her mit ihren Sorgen kommen, für diese Arbeit erzogen und eingesetzt werden.

Lassen wir keine Mittel unversucht; seien wir selbst, – wo immer unser Platz –, hilfsbereit, wahrhaftig, ehrlich und gerecht, dann werden wir die seelische Gesundung unseres Volkes durchsetzen, wenn Nazitum und Militarismus vernichtet sind. – Bei diesem notwendigen Werk müssen gesetzwidrige {Akte} | vermieden werden: Es muss gerichtet werden, nicht gemordet. Doch lasst und Richter sein, die die volle Kraft des Gesetzes anzuwenden wissen, Ärzte, die das Messer nicht scheuen, Erzieher, die zu strafen verstehen, wo Ermahnungen versagen. Diesmal darf es keine schwächlichen Amnestien geben, keine feigen Kompromisse, die Land und Welt in neues Unheil stürzen.

Haltbare politische und soziale Formen werden wir finden, wenn wir kühn sind in der Planung und sorgsam und gründlich in der Durchführung. Unsere wirtschaftlichen Nöte werden wir meistern, wenn wir Massenarbeitslosigkeit vermeiden, freiwerdende Kräfte produktiv einsetzen und die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik und die guten Eigenschaften und Fähigkeiten des Volkes endlich voll und ausschließlich zu friedlichem Aufbau verwenden. Dabei wird uns das Ausland helfen, sobald es sieht, daß wir es ernst meinen mit der Erneuerung im Geistigen. Unser Volk wird für eine Zeit arm, sein Leben karg sein, doch wer lernte gründlicher als wir Emigranten, daß nicht Äusserlichkeiten glücklich machen, daß wahres Glück aus gebender und empfangender Nächstenliebe, Freundschaft, erfüllter Pflicht und innerer Ausgeglichenheit kommt. –

Noch eine letzte Mahnung: Seien wir einig, vermeiden wir kleinlichen Streit. Uneinigkeit ist das Uebel, an dem in Deutschland (Details anzeigen) Vieles und Großes zerbrach. Seien wir nicht rechthaberisch im Unwesentlichen, aber fest im Wesentlichen. –

Wenn wir diesen Weg der Reinigung an Haupt und Gliedern bestritten haben, den einzigen Weg, der zum Ziele führt, wenn wir die Fundamente gelegt haben für ein besseres, reineres, friedlicheres Deutschland (Details anzeigen), dann w können wir vor die | Welt hintreten und ihr unsere Mitarbeit an den Menschheitsaufgaben anbieten als starkes, freies und glückliches Volk. Sie wird uns nicht zurückweisen. –

Durch die Jahrhunderte klingt die Mahnung des schlesischen Wandermanns, des Dichters Angelus Silesius (Details anzeigen): "Mensch werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, dann fällt der Zufall weg, Das Wesen, das besteht.

In diesem Sinne: Glück auf dem Weg, Volkssozialisten!

(Details anzeigen)A.H. Anders


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTheale
bBerkshire
cEngland
dLondon
eJaeger, Hans
f
gZarathustra
hBuddha
iMoses
jJesus von Nazaret
kDeutschland
lDeutschland
mHebbel, Friedrich
nDeutschland
oDeutschland
pPreußen
qPreußen
r
sPreußen
tVictor Adolf Theophil von Podbielski
uVictor Adolf Theophil von Podbielski
vBülow, Bernhard von
wHindenburg, Paul von
xJapan
yWilhelm II.
zHindenburg, Paul von
aaEuropa
abNapoleon III., Louis
acNapoleon Bonaparte
adDeutschland
aeBismarck, Otto von
afHitler, Adolf
agHitler, Adolf
ahWilhelm II.
aiHolland
ajLudendorff, Erich
akSchweden
alSteiner, Rudolf
amWeißenberg, Joseph
anPoincaré, Raymond
aoRuhrgebiet
ap
aqVereinigte Staaten von Amerika
arEngland
asVereinigte Staaten von Amerika
atBayern
auSchleswig-Holstein
avWürttemberg
awDeutschland
axDeutschland
ayAngelus Silesius
azHirsch, Alexander

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/152(51)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Alexander Hirsch an Paul Tillich 21. Juni 1943

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Alexander Hirsch an Paul Tillich von Pfingsten 1943 , in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10609.html, Zugriff am ????.

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L10609.pdf