Der editierte Text

| Professor Paul Tillich (Details anzeigen),
c/o Dr. Arnold Wolfers (Details anzeigen),
The Master's House,
Pierson College,
Yale University,
New Haven, Conn., U.S.A. (Details anzeigen)

Sehr geehrter Herr Professor (Details anzeigen)!

Sie sind ein alter Freund meiner Frau. Würden Sie mir einen gr0ßen Gefallen tun?

Die beigefügte Ansprache wurde für mich als Einleitung der Pfingsttagung der "Volkssozialistischen Bewegung" verlesen. Der Vorsitzende der Bewegung teilte mir mit, daß der Eindruck, den die Ansprache machte, groß war. Die gleiche Empfindung hatte ich, als ich die englische Version einigen englischen Freunden vorlas.

Ich würde die Ansprache gern in deutschsprachigen Blättern, die von Emigranten gelesen werden, veröffentlicht sehen. Ich weiß, daß Sie Verbindung mit dem "Aufbau" haben. Vielleicht finden Sie auch einen Weg zur "New Yorker Staatszeitung", zur {Karl Schurtz} Gesellschaft und zu deutschsprachigen Blättern in Latein-Amerika (Details anzeigen). "Die Zeitung" in London (Details anzeigen) ist hoffnungslos; sie beschäftigt sich nicht mit der Arbeit deutscher Bewegungen im Ausland.

Ich sende die englische Version der Ansprache an Professor Joseph H. Willits, Ph.D. (Details anzeigen), Dean Wharton School of Commerce and Finance, University of Pennsylvania, Philadelphia, Pa (Details anzeigen). Ich bin gut mit ihm bekannt. Er war vor dem Kriege Mitglied einiger die U.S. Administration beratender Komités. Dr. Willits (Details anzeigen) hat gute Beziehungen zur Howard-Scripps Presse. Ich bitte ihn zu versuchen, Veröffentlichung in dieser Zeitungskette zu erreichen. Ein zweites Exemplar der englischen Version sende ich an Mr. Clarence E. Pickett (Details anzeigen), 20 South Twelfth Street Philadelphia (Details anzeigen), dem Generalsekretär der Society of Friends.

Auch in England (Details anzeigen) bemühe ich mich um Veröffentlichung; doch die englischen Zeitungen sind z. Zt. im Umfang beschränkt, meine Erwartungen sind daher gering.

Die möglicht weitgehende Veröffentlichung soll dazu dienen, die Grundsätze, die in der Ansprache zum Ausdruck| kommen, zu einer Art von Plattform zu machen, auf der sich die zersplitterten Gruppen der politischen Emigration sammeln können. Vielleicht kann die Veröffentlichung auch dazu dienen, maßgebende Kreise der United Nations zum schleunigen Beginn von Vorbereitungen für eine Propaganda der vorgeschlagenen Art zu gewinnen. An maßgebende Leute in England (Details anzeigen) direkt heranzutreten ist so gut wie zwecklos; sie sind zu stark beschäftigt. Immerhin sende ich einen Abdruck der englischen Version an den Erzbischof von Canterbury, {Dr} William Temple (Details anzeigen), mit dem ich schon einmal im Briefwechsel stand, und der (ein weißer Rabe) Briefe persönlich liest und persönlich beantwortet, einen zweiten an der Informationsminister, Mr. Brendan Bracken (Details anzeigen) (durch Vermittlung eines gemeinsamen Bekannten) und einen Abdruck der deutschen Version an den Leiter des deutschen Nachrichtendienstes des B.B.C., Mr. Crossman (Details anzeigen).

Ich benutze den Decknamen "{Anders}", habe unter ihm Einiges veröffentlicht, seit ich 1933 aus Deutschland (Details anzeigen) floh. Die Nazis haben mir einen Landesverratsprozess angehängt. Sollte die Ansprache nach Deutschland (Details anzeigen) dringen, so könnten sie sagen: " der Kerl arbeitet für die Bolschewisten; er hat Waffenfabriken für die Soviets gebaut." So lautete die Anklage. Tatsächlich hatte ich als Bevollmächtigter des Vereins Deutscher Werzeugmaschinenfabriken und volkswirtschaftlicher Berater des staatlichen Ingenieurbüros "Orgametall" ({Opra-Mamal}) in Moskau (Details anzeigen) in Zusammenarbeit mit der {Osthandels}abteilung des Ausw. Amts und unserer Botschaft in Moskau (Details anzeigen) einen "technischen Hilfevertrag" abgeschlossen, eine Anzahl von Reisen durch die russische Schwerindustrie gemacht und in Berlin (Details anzeigen) 5 Jahre lang ein deutsch-russisches Büro für die Planung von Fabriken der Metallindustrie und ihre Ausrüstung mit deutschen Maschinen, Werkzeugen und Techn. Spezialisten geleitet; all das zur Zeit Stresemann (Details anzeigen)s. Die Staatsanwaltschaft 1 Berlin (Details anzeigen) erkannte das an, als sie 1934 das Verfahren wegen "erwiesener Unschuld" einstellte. Ich schreibe Ihnen das ausführlich, damit Sie wissen, Sie helfen keinem Landesverräter. – Ich wählte den Decknamen "Anders" auch deshalb, weil der "Dr.A.H.", seit er Deutschland (Details anzeigen) verließ, durch viel Leid "anders" geworden ist. Er hatte es nötig. –

Sollten die Zeitungen für die Veröffentlichung etwas zahlen, so wäre ich froh. Ich bin, seit ich Deutschland (Details anzeigen) verließ, d.h. 10 Jahre lang, sehr krank gewesen (Rückschlag schwerer Verwundungen vom letzten {Mal}) und {humple} mich auch jetzt nur gerade so durch, konnte deshalb | bis jetzt so gut wie nichts verdienen und meine liebe unendlich tapfere Frau, die mir noch immer sehr helfen (den Rollstuhl schieben, wenn ich "ausgehe", usw.), den Haushalt führen, unser in der Emigration geborenes Mädel (Wien 1933) und mich versorgen und alle paar Monate eine neue Bleibe suchen muss, arbeitet außerdem Nachtschichten in einer Munitionsfabrik 11 Meilen Autobusfahrt von hier. Trotzdem ist das, wie alles Persönliche, Nebensache: wir werden uns auch so weiter wursteln; die Hauptsache ist, daß ich versuche, so gut wie ich kann, ein wenig mitzuhelfen am Wiederaufbau, nein am Neuaufbau Deutschland (Details anzeigen)s. –

Ich bin nicht Mitglied der volkssozialistischen Bewegung; sie kommen nur um Rat zu mir. Ich kann mich an keine der ständig fluktuierenden Bewegungen binden, die heute nicht wissen, was sie morgen denken – geschweige denn Tun.

Entschuldigen Sie bitte den langen Brief.

(Please, Censor, excuse it too!)

Mit herzlichem Dank und Gruß unbekannterweise

Ihr Alexander Hirsch (Details anzeigen)

.

Fußnoten, Anmerkungen

Register

a
bTheale
cBerkshire
dEngland
eTillich, Paul
fWolfers, Arnold
gNew Haven (CT)
hTillich, Paul
iLatein-Amerika
jLondon
kWillits, Joseph Henry
l
mWillits, Joseph Henry
nPickett, Clarance E.
oPhiladelphia (PA)
pEngland
qEngland
rTemple, William
sBracken, Brendan
tCrossman, Richard
uDeutschland
vDeutschland
wMoskau
xMoskau
yBerlin
zStresemann, Gustav
aaBerlin
abDeutschland
acDeutschland
adDeutschland
aeHirsch, Alexander

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/152(51)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Alexander Hirsch an Paul Tillich von Pfingsten 1943
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Anders (Alexander Hirsch) vom 21. Oktober 1943

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Alexander Hirsch an Paul Tillich 21. Juni 1943, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10610.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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