Der editierte Text

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An Weihnachten 36

Mein lieber Paul (Details anzeigen),

schon längst hätte ich an Dich geschrieben und Dir für Deine Abschiedskarte aus Europa (Details anzeigen) gedankt, wenn mich nicht meine Krankheit daran gehindert hätte. Du hast wohl davon schon gehört. Ich bin nun in der 11. Woche bettlägerig, kann zwar zuweilen etwas aufstehen, aber das ist für mich anstrengender, ich kann mich schwer|:nicht mehr:| aufrechthalten. Ich habe sehr viel Schmerzen, die manchmal unerträglich scheinen, namentlich seitdem ich neulich in der Nacht gefallen und mir einen Bluterguss, beinah einen Rippenbruch, zugezogen habe. Schmerzen habe ich im Magen ({Ichthyas}) und in beiden Hüften, außerdem aber ist das Grundübel - Nervenleiden mit Gemütsdepressionen.- Du kannst Dir denken, daß ich unter diesen Umständen die Lebenslust verloren habe und ein baldiges Ende mir erwünscht scheint; aber das Herz arbeitet noch tadellos und die inneren Organe sind gesund. So muß ich denn das Schmerzenslager aushalten. Gehen kann ich kaum noch und nicht einmal lange auf Stuhl ? |:oder:| Sofa sitzen. Glücklicherweise kann ich noch etwas lesen. - Am Nachmittag werde ich häufig besucht, von den meisten Verwandten. Regelmäßig kommt Fr. Krüger (Details anzeigen) mehrere Male in der Woche, um das Schriftliche zu erledigen und vorzulesen. Elisabeth (Details anzeigen) kommt fast jeden 2. Tag auf eine Stunde.

Mein Intellekt ist, Gott sei Dank, noch in Ordnung bis aus {reichliche} Gedächtnisschwäche.

Die Krankenschwester pflegt mich jetzt Tag und Nacht, ich werde ohne sie nicht fertig.

Die politischen Ereignisse verfolge ich aus der Zeitung. Die Situation ist ja in der ganzen Welt überaus bedenklich, namentlich in Europa (Details anzeigen). Näheres kann man darüber nicht schreiben.| Ebenso wenig möchte ich mich über unsere Kirchenfrage äußern, wie ich stehe, weißt Du ohnehin. Aufs Ganze gesehen, glaube ich, eschatologische Vorzeichen zu sehen. Ich lebe sehr viel in Erinnerungen, die zum Teil {wunderbar} scharf sind, die heutige Welt ist mir ziemlich versunken.

Ich weiß nicht, ob ich noch einmal an Dich schreiben oder diktieren kann, aber ich danke Deiner und den Deinen viel. Frau Ministerialrat {Landi} hat mich neulich besucht und mir viel von Euch erzählt, von Deiner angesehenen Stellung in N. und von dem guten Aufblühen Stefans (Details anzeigen). Es ist traurig, daß ich Euch hier nicht werde wiedersehen können. Familie und ein kleiner Freundeskreis ist das Einzige, was mir auf Erden geblieben ist. Ich begehre auch nicht mehr und warte einer besseren Heimat.

Über Euch wiederhole ich meinen väterlichen Segen, Gott führe und behüte Euch

Soeben Euren lieben Brief erhalten. Tausend Dank. 23/12


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Paul
bEuropa
cKrüger, Frau
dSeeberger, Elisabeth
eEuropa
fTillich, René Johannes Stefan
gTillich, Johannes Oskar

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/193(17)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 9. August 1935
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 12. Januar 1936

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Johannes Tillich von Weihnachten 1936, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10258.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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