Brief von Paul Tillich an Hans Speier aus der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1936

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Der editierte Text

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Lieber Herr Speier (Details anzeigen),

zunächst meinen sehr herzlichen Dank für Ihren Beitrag zu meiner Fünfzigsten Geburtstagsmappe. Ich habe mich gerade um deswillen darüber gefreut, was Sie zögern liess, den Beitrag zu schickem: Dass unsere Anschauungen sich gegenüberstehen. Das hat sich nicht geändert, sondern ist eher noch verschärft worden durch die stille Auseinandersetzung mit meiner Diskussionsrede im general Seminar, die Ihre ganze Arebeit durchzieht. Umso mehr aber freue ich mich, dass mir die Bitte um einen Beitrag, die ich von den Herausgebern dieses Buches erhielt, Gelegenheit gibt, die Diskussion mit Ihnen, die für mich von grösster Wichtigkeit ist, fortzusetzen. Freilich wird es mir nicht möglich sein, meine damalige improvisierte Rede auch nur einigermassen zu reproduzieren. Ich denke aber, dass die wesentlichen Gesichtspunkte, die mich damals zu leidenschaftlichem Protest gegen Ihren ausgezeichneten Vortrag veranlassten, auch in dieser Essay Kritik zum Ausdruck kommen.

Mein Einwand richtet sich gegen Ihre Methode. Da Ihre Methode nun nicht nur die Ihre ist, sondern von einer starken und einflussreichen Gruppe von Soziologen angewandt wird, und andererseits meine methodischen Einwände nicht nur die meinen sind, sondern gleichfalls von einer Gruppe von wissenschaftlichen und persönlichen Persönlichkeiten unbewusst erhoben werden oder bewusst auxsgeübt wird, so kann unsere Auseinandersetzung grundsätzliche Bedeutung gewinnen. Mir ist es bei dem Nachdenken über Ihren Beitrag merkwürdig ergangen. Zuerst wollte ich die Richtigkeit Ihrer Methode zugestehen und nur ihre Fruchtbarkeit in Zweifel ziehen. Dabei aber glaubte ich zu bemerken, dass diese Scheidung unmöglich ist, dass in einer bestimmten Schicht Richtigkeit und Fruchtbarkeit koinzidieren.

Am leichtesten liesse sich das Kriterium der unfruchtbaren Richtigkeit anwenden auf die Gesetze, die Sie zu formulieren suchen, das politische Gewicht der sozialen Differenzen exakt zu fassen. Ich glaube | nicht, dass gegen Ihre Formulierungen ein anderer Einwand erhoben werden könntekann, als dass sie rein analytische Urteile sind und nahe an das Tautologische herankommen. Sicher ist es richtig, dass man den Grad sozialer Spannungen nicht von dem Bestehen einer Reichtumschicht an sich und einer Armutschicht an sich ableiten kann, auch nicht von einem gleichmässigen Aufsteigen oder Absinken beider Gruppen. Nur die dynamische Relation zwischen beiden ist massgebend. Aber diese Erkenntnis ist analytisch, wenn man den Begriff sozialer Spannungen überhaupt einführt, und tautologisch, wenn man behauptet, dass mit wachsendem proportionalen Abstand die Spannung grösser wird. Mehr aber scheinen mir Ihre Gesetze nicht zu sagen. Es ist wie mit manchen nationalökonomischen Gesetzen, die deduktiv-analytisch aus der Definition des wirtschaftlichen Handelns abgeleitet werden können, ohne eine mehr als definitorische Bedeutung zu haben analytische Erkenntnis zu vermitteln.

Wichtiger ist die Frage nach der Richtigkeit der von Ihnen im Anfang historisch gegebenen Beispiele, die die Möglichkeit einer Demokratie bei starker sozialer Schichtung Differenzierung beweisen sollten. Freilich ist es auch hier ein definitorisches Problem, das zunächst auffällt. Wenn sie erklären, dass es Demokratieen mit so starken sozialen Gegensätzen wie den von Freien und Sklaven, von Herren und Hörigen gegeben hat, so kommt alles darauf an, was Sie dabei unter Demokratie verstehen. Zweifellos hat es z.B in den griechischen Städten demokratische Regierungen gegeben, während gleichzeitig Sklaverei herrschte. Aber das bedeutet doch nur, dass der "Demos" der die Herrschaft ausübt, auf bestimmte Gruppen der Gesamtbevölkerung beschränkt blieb, dass die Demokratie innerhalb der herrschenden Gruppen zugleich Absolutismus gegenübernden ausgeschlossenen Gruppen bedeutete. Ihre Beispiele wären beweiskräftig wenn es sich um totale Demokratie handeln würde. idt aber in keinem der genannten Fälle die Rede. Ueberall handelt es sich um demokratische Einrichtungen, von denen durch absolutistische Massnahmen gerade diejenigen Schichten ferngehalten werden, die die Demokratie gefährden | würden, wenn sie in sie aufgenommen wären. Wir müssen nach meiner Ueberzeugung totale Demokratien von demokratischen Einrichtungen unterscheiden. Für Länder mit demokratischen Einrichtungen ist Ihre Beweisführung zutreffend aber überflüssig, da die Schwierigkeiten, die die soziale Spannung für eine Demokratie bietet, ja gerade auf undemokratische Weise gelöst werden. Für totale Demokratien haben Sie den Beweis nicht einmal versucht. Das deutsche Experiment einer totalen Demokratie würde auch von einem solchen Versuch abschrecken. Das führt mich zu einem grundsätzlicheren Gedankengang: Ihr ganzer Aufsatz arbeitet mit Allgemeinbegriffen, die aus bestimmten historischen Beispielen abgezogen sind. Nun glaube ich, dass auch in den Sozialwissenschaften eine gewisse Art von Allgemeinbegriffen notwendig ist, nämlich Typenbegriffe, ohne die historische Darstellungen unmöglich wären. Jede historische Arbeit benutzt solche Begriffe, um aus der Unendlichkeit des Materials bestimmte, häufiger wiederkehrende Strukturen herauszuheben, und mit ihrer Hülfe die Mannigfaltigkeit des Wirklichen beschreibend zu bewältigen. Schädlich wird die Verwendung solcher typologischen Allgemeinbegriffe nur, wenn man versucht, mit ihrer Hülfedurch sie der geschichtlichen Entscheidungssphäre zu entfliehen. Die typologische Methode ist unzulänglich, weil die Geschichte fortschreitet, fortschreitend Neues setzt ------ im Unterschied von dem zyklischen Charakter der Natur mit der ständigen Wiederholung ihrer Strukturen ----. Fortschreiten der Geschichte folgt nämlich daraus, dass die Induktion, aus der die soziologischen Allgemeinbegriffe entnommen werden, nicht nur vom Subjekt sondern auch vom Objekt her unvollständig ist. Benutzt man nun solche Allgemeinbegriff, ohne ihrer prinzipiellen Unvollständigkeit methodischen Ausdruck zu verschaffen geben, so ist es wie wenn man über dieder geschichtlichen Wirklichkeit ein Netz wirftnachwirft, um sie am Vorwärtslaufen zu hindern Das bedeutet, dass man unter dem Schein objektiver, distanzierter Wissenschaftlichkeit in konservativer Weise die Geschichte aufhalten will. Aber die Geschichte lässt sich nicht einfangen, und die aus den bisherigen Erfahrungen abstrahierten soziologischen Typen | sind schon von der Geschichte verlassen, wenn der Soziologe sie ausspricht. Für Ihr Problem bedeutet das, dass man weder von Demokratie noch von sozialer Schichtung als Wesensbegriffen reden kann. Statische Wesensbegriffe sind nur dem Natürlichen, nicht dem Geschichtlichen gegenüber berechtigt. Und auch Typenbegriffe sind statische Wesensbegriffe. Typen kann man nebeneinander in den Raum stellen. Die Zeit aber und ihre sinnhafte Erfüllung, die Geschichte, durchbricht das Nebeneinander der Wesen und der Typen. Geschichte kann nur gefasst werden in historischen Funktionsbegriffen, d.h. in Begriffen die ihrer Definition nach offen sind und Möglichkeiten der Erfüllung haben, die im Begriff selbst noch nicht einmal angedeutet sind. Historische Funktionsbegriffe sind Begriffe im Zustand der Potentialität. Die Aktualisierung kann nnicht vorausgesehen werden und muss grundsätzlich offen bleiben. Soziologische Wesensbegriffe aber sperren die Zukunft ab. Lassen Sie mich dafür ein Beispiel gegen: Wenn zur Zeit als Luther auftrat, ein Religionssoziologe die wesensmässige Zusammengehörigkeit von kirchlicher Religion und Priestertum behauptet hätte, so hätte er sich dafür auf praktisch alle damals bekannten, kirchlich geformten Religionen berufen können. Er hätte bestreiten können, dass organisierte Religion ohne Priestertum möglich ist. Und hätte, wenn sich die Geschichte in das Netz seiner Definitionen hätte einfangen lassen, die Reformation verhindert. Hier sehen sie deutlich die Gefahr Ihrer soziologischen Methode. Was die soziologische Begriffsbildung leisten kann, ist Sprachbereicherung für geschichtliche Darstellungen. Der Historiker aber muss frei sein, durch Konstellation dieser Begriffe das Neue in einem geschichtlichen Moment aufzuweisen. Dazu aber müssen diese Begriffe die Offenheit haben, die zu einem funktionellen Geschichtsbegriff gehört.

Die zugleich fruchtbare und logisch richtigemögliche Aufgabe der Soziologie ist, die Analyse einer gegebenen gesellschaftlichen Situation zu ermöglichen, die Strukturen und Tendenzen dieser Situation herauszuarbeiten, dafür, wenn auch vorsichtig analoge Situationen heranzuziehen, nicht | aber aus einzelnen Beispielen in allgemeine Regeln abzuleiten. Ob Demokratie und soziale Schichtung vereinbar sind, ist zunächst eine Frage der aktuellen Situation, in der wir stehen. Keine Abstraktion von einer Summefrüherer Situationen kann darüber etwas ausmachen. Als Marx die kapitalistische Gesellschaft analysierte, hat ihm die allgemeine Kategorie "Klasse" nur ein sprachliches Hilfsmittel gegeben. Was Klasse ist, hat er nicht aus der Abstraktion von früheren Klassen gewonnen, sondern aus der Analyse derjenigen Klassen, die vielleicht allein den Namen Klasse verdienen, der beiden im Kapitalismus gegeneinander kämpfenden Klassen. Klasse war für ihn ein historischer Funktionbegriff, dessen völlig unbestimmter Sinn erst durch seine Gegenwartsanalyse einen bestimmten Sinn gewann, dessen Potentialität erst durch seine Anwendung auf die kapitalistische Gesellschaftslage Aktualität gewann. Hier liegt der Unterschied zwischen Marx und Hegel. Hegel's Begriff der bürgerlichen Gesellschaft z.B. hat den Charakter eines durch soziologische Abstraktion gewonnenen Wesens Begriffes. Der Begriff war darum unfähig, zur wirklichen Analyse der gesellschaftlichen Situation im Zeitalter Metternicht-s etwas beizutrage Er wirkt reaktionär, weil er nicht als Funktionsbegriff sondern als Wesensbegriff konzipiert war. Marx benutzte ihn als Funktionsbegriff, dessen konkrete Erfüllung er aus der wirklichen Zeitanalyse nahm. Deswegen wirkte sein Begriff der bürgerlichen Gesellschaft enthüllend und revolutionär.

Für das Problem der Demokrate bedeutet das Aus dem Allgemeinbegriff "EDemokratie", der von bisherigen demokratischen Einrichtungen abstrahiert ist, können keinerlei Schlüsse auf den Charakter von totalen oder partiellen Demokratien in der gegenwärtigen Weltlage gezogen werden. Auch von dem Allgemeinbegriff "soziale Schichtung" kann man nur durch Hinzufügung spezifischer Merkmale zu der Eigentümlichkeit der spät-kapitalistischen Marktsitiation durchvordringen. Es gibt keinen Weg von dem Allgemeinbegriff "Soziale Schichtung" zu der Klassenfront in der Spätzeit des Kapitalismus. Die Unvereinbarkeit der Demokratie mit der sozialen Struktur des Spätkapitalismus zeigt sich deutlich an zwei Phänomenen: Als haltbar | erwiesen haben sich bisher die partiellen Demokratieen, diejenigen also, in denen aristokratische, absolutistische oder traditionelle Elemente die Einbeziehung aller in den herrschenden Demos verhindert haben. Das gilt für Deutschland im Bismarck'schen Zeitalter, wo einer-seits die Jugendlichen und die Frauen von der Demokratie ausgeschlossen waren, andererseits durch das Preussische Dreiklassenwahlrecht auch die Massen weitgehend entrechtet waren Es gilt von England, wo bis zum Krieg noch sehr viel stärkere Einschränkungen des demokratischen Mitbestimmungsrechtes vorlagen und auch heute noch teils durch den politischen Konformismus der Engländer, teils durch die Auswahl und die Stellung der Kabinettsmitglieder und manches andere die Demokratie mehr die Beeutung eines Korrektivs als eines Konstitutivs hat. Es gilt für Amerika, wo bis jetzt die Abhängigkeit des gesamten politischen Lebens von zwei einander ablösenden, traditionsbelasteten und von einer Perteihie rarchie geführten Parteien den Spielraum demokratischer Entscheidung aufs äusserste einschränkt. Je näher eine Demokratie dem Charakter der Totalität kommt, desto mehr setzt sie eine Interessenhomogenität zum mindesten in einer überwältigenden Majorität der Bevölkerung voraus. Das war trotz der Existenz einer Klasse bedrückter Bergbauern und des neu entstandenen Proletariats bis jetzt in der Schweiz der Fall. Das Gegenteil davon war in der Weimarer Republik verwirklicht. Daraus würde ich schliessen: Im Zeitalter des Spätkapitalismus sind totale Demokratieen entweder gar nicht zu halten oder geraten in dem Maasse an die Gefahrengrenze, in dem die kapitalistische Klassenstruktur sich in ihnen durchsetzt. Weit widerstandsfähiger sind partielle Demokratien oder Länder mit demokratischen Einrichtungen, weil in ihnen die Demokratie von vorneherein durch das nichtdemokratische Elementin Staatsbau Möglichkeit hat. Gefahren durch Unterdrückung oder kluges Entgegenkommen zu überwinden. Endlich ist zu berücksichtigen, dass auch die aussenpolitische d.h. heute militärische Lage indirekt einen schweren Gefahrenpunkt für alle | Demokratien bildet, sofern es den kapitalistischen Mächten naheliegt, die militärische Hochspannung zur Unterdrückung der sie gefährdenden Gruppen zu benutzen. Dabei mag die Frage ausser acht bleiben, wie weit der gegenwärtige totale Militarismus selbst eine Konsequenz der sozialen Situation des Spätkapitalismus ist. Auf alle Fälle bedeutet er bei der einmal gegebenen Grundspannung eine schwere für die westlichen Länder wohl die schwerste Bedrphung ihrer demokratischen Einrichtungen. Das Volldemokratieen ihnen erliegen müssen, hat Deutschland gezeigt, dass der Versuch zu einer totalen Demokratie zu kommen, Spanien dem Fashismus in die Arme getrieben hat und Frankreich seiner Ueberzeugung nachschwer bedroht, sind Tatbestände, die für Ihr Problem nicht ausser acht gelassen werden dürfen.

Ich schliesse diese kritischen Bemerkungen mit dem Dank für die Gelegenheit zur Auseinandersetzung, die mir Ihr methodisch so eindeutiger Aufsatz gegeben hat, und der Hoffnung, dass sie verstehen werden, welche zugleich wissenschaftlichen und politischen Motive mich zu dem Versuch treiben, die statische Wesenslogik durch eine Logik dynamischer Funktionsbegriffe abzulösenzu ersetzen.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aSpeier, Hans
bTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/28(8)
Typ

Brief, maschinenschriftlich mit handschriftlichen Einfügungen

Postweg
unbekannt - unbekannt
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Brief von Hans Speier an Paul Tillich vom 14. Januar 1947

Entitäten

Personen

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hans Speier aus der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1936, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10256.html, Zugriff am ????.

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