Der editierte Text

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22. Dezember 1935

Mein lieberPaulus! (Details anzeigen)

Sonntag vormittag, als am vierten Advent, da kommt dein Gruss, Dein Brief, der mir auch deine Anschrift bringt. Seit Tagen schneit es sanft und stetig. Seit langem wars nicht so weihnachtlich. Als ich gestern nachmittag durchs verschneite Städtchen ging, so gegen 7 Uhr, verglich ich unsern altmodischen Marktplatz mit seinen Giebelhäusern von 1676 mit dem Bahnhofsplatz von Zehlendorf oder mit dem Reichskanzlerplatz; ich finde ihn ehrlich v i e l schöner. Während ich dies schreibe, fährt mein Vater hierher; um 3/4 2 kommt er an. Der Sohn ist gestern schon gekommen, aus Pommern, wi er im Alumnat sich sehr wohl fühlt, weil er ein Mensch der Herde ist. Stell Dir vor, dass wir von einem Park mit hohen alten Bäumen aus dem Jahr 1866 umgeben sind; dass wir eine geräumige Wohnung haben, die mit dem Laden so verbunden ist, wie in unserer vorigen Wirkungsstätte. Auf der Strasse jagen hunderte von Autos zu der Hauptstadt oder von ihr her; sodass das "Leben" in etwas Abstand an uns vorüber "pulst". Aber denk Dir, es weckt nicht den Gedanken, mitzupulsen, wir sind sesshaft geworden. Ich bin gern hier, fahre fast nie mehr in die Kapitale, die meinetwegen der Spitzhacke geopfert werden kännte. Was diese einst so geliebte Stadt uns war, ist sie nicht mehr. Unsere Stadt ist verschwunden

Der Laden hier, der am Aussterben war, hat sich unter meiner Führung schnell verdreifacht. Was er jetzt ist, ist er durch mich. Wenn ich durch die Stadt gehe, kennt mich jeder; das ist "unser" D., heisst es. Sowie es heisst: das ist "unser" Superintendent. Nicht, dass dies meine Brust stolz "schwellte", aber es ist doch eine "richtigere" Situation als die weltstädtische Anonymität, auf die wir einst so viel Wert legten. Für einen Mann von 50 Jahren ist es gut, ein Werk zu haben, das sein Werk ist und für das er ganz allein verantwortlich ist, ohne irgend eine "parlamentarische" Einschränkung; ich kann viel weitgehender als es früher möglich gewesen wäre, frei gestalten; ich bin für alles allein verantwortlich, aber alles hat zu parieren. So kann ich gestalten, es kommt subjektiv und objektiv | viel Gutes dabei heraus. - Lieber, ich glaube den Unterschied von "schlechter" Aktualätit und kairoshaftem Schicksal noch wohl unterscheiden, so billig kannst Du mich nicht widerlegen. An Cafes beider Arten, bzw irgend einer Art kann ich nicht mehr glauben. Das Wissen um die Dinge bekommt man n u r wenn man - wenn auch mit Schmerzen und grade dann - mitten drin und zwar arbeitend steht. Im Cafe ist man immer - unverantwortlich. Im Cafe fehlt wie man sich auch guerieren mag, das WERK und die Verantwortung für ein Werk; die allgemeine Verantwortung von Gott und von der "Weltgeschichte", die sich der bedeutend redende Cafetier beiliegen darf, ist eine schlechte Allgemeinheit. Auch der Schmerz ist nicht so konkret, so wenig wie die Lust.

Inzwischen schneit das Städtchen weiter ein, um den Anfangsstil dieses Briefes bewusst wieder aufzunehmen. Der Sohn hat aus dem Schnee vorhin Rosenkohl geholt; den macht er mit H. zurecht; H. und ich haben diesen Kohl gedüngt, gepflanzt, begossen, von Unkraut befreit. Dem Grünkohl wird der Kuhmist und jetzt der Frost gut getan haben, wer spricht im Cafe von Kuhmist!? Kuhmist ist das Bleibende. Natürlich muss er gut verrottet sein. Von unserm Nussbaum haben wir 60 Pfund Wallnüsse geerntet; am letzten Abend im Laden konnte in Nüssen geschwelgt werden. Ich habe zu Weihnachten zwei Schweine, die ich gemästet habe von fast 8 Zentnern, geschlachtet. Denn ich bin ländlicher Gastwirt. Für meinen Laden habe ich, für 90 RM, Gemüseland gepachtet; ich habe für 1300 RM Gemüse geerntet. Was sagst Du dazu? Gewiss, dass es nicht weltbewegend ist. Ich will aber die Welt nicht mehr bewegen. Bewege Du sie. Meine Situation ist jedenfalls sehr konkret und ich - damit Du den unveränderten Grundcharakter siehst - g e n i e s s e sie, diese Konkretheit.

Lotte und Heiner, jeder für sich, kommen oft zu uns herübergeflitzt, in 1 1/4 Stunden. Wir haben Ha.'s wundervolle Gedichte bekommen. Danke. In meinem Laden habe ich einen Angestellten, der zum George-Kreis gehört hat. Mit diesem Mann verbringe ich manchen Abend, er ist ein Trost, aber nicht der wahre; denn der ist nur die gestaltende Arbeit. Neben mir steht H. und sagt, ich soll Dir viel-vielmals grüssen.

Und zur Geburt der {¿¿¿ ... ¿¿¿}. Nun soll {¿¿¿}mit dem Zug, mit dem meine Mutter kommt, {¿¿¿} machen

Dein D.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/202(45)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Richard Wegener an Paul Tillich vom 6. Januar 1935

Entitäten

Personen

Zitiervorschlag

Brief von Richard Wegener and Paul Tillich1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10245.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L10245.pdf