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            <title>Brief von Richard Wegener and Paul Tillich1935</title>
            <author ref="#tillich_person_id__2020">Carl Richard Wegener</author>
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               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3229-6246">Ole Soldatow</name>
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            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
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            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
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                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
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                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
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            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
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                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno>bMS 649/202(45)</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich</p>
               </physDesc>
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            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
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         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
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            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__2020">Carl Richard Wegener</persName>
               <date when="1935-12-22">22.12.1935</date>
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               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
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         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__2020">Korrespondenz mit Carl Richard Wegener</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__2020" target="L10159.xml">Brief von Richard Wegener an Paul Tillich vom 6. Januar 1935</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L10321.xml">Brief von Paul Tillich an Fritz Medicusvon Dezember 1935</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L10249.xml">Brief von Paul Tillich an Hermann Schafdtaus dem Jahr 1936</ref></correspContext></correspDesc>
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            <language ident="deu">Deutsch</language>
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      <creation><date type="sort" when="1935-12-22"/></creation></profileDesc>
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         <change who="OS" when="2025-05-07">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
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   <text type="letter">
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         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><dateline><date>22. Dezember 1935</date></dateline>
               <salute>Mein lieber<rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Paulus!</rs></salute>
            </opener>
            <p>Sonntag vormittag, als am vierten Advent, da kommt dein Gruss, Dein Brief, der mir
               auch deine Anschrift bringt. Seit Tagen schneit es sanft und stetig. Seit langem wars
               nicht so weihnachtlich. Als ich gestern nachmittag durchs verschneite Städtchen ging,
               so gegen 7 Uhr, verglich ich unsern altmodischen Marktplatz mit seinen Giebelhäusern
               von 1676 mit dem Bahnhofsplatz von Zehlendorf oder mit dem Reichskanzlerplatz; ich
               finde ihn ehrlich v i e l schöner. Während ich dies schreibe, fährt mein Vater
               hierher; um 3/4 2 kommt er an. Der Sohn ist gestern schon gekommen, aus Pommern, wi
               er im Alumnat sich sehr wohl fühlt, weil er ein Mensch der Herde ist. Stell Dir vor,
               dass wir von einem Park mit hohen alten Bäumen aus dem Jahr 1866 umgeben sind; dass
               wir eine geräumige Wohnung haben, die mit dem Laden so verbunden ist, wie in unserer
               vorigen Wirkungsstätte. Auf der Strasse jagen hunderte von Autos zu der Hauptstadt
               oder von ihr her; sodass das "Leben" in etwas Abstand an uns vorüber "pulst". Aber
               denk Dir, es weckt nicht den Gedanken, mitzupulsen, <hi rend="u">wir sind sesshaft
                  geworden</hi>. Ich bin gern hier, fahre fast nie mehr in die Kapitale, die
               meinetwegen der Spitzhacke geopfert werden kännte. Was diese einst so geliebte Stadt
               uns war, ist sie nicht mehr. Unsere Stadt ist verschwunden</p>
            <p>Der Laden hier, der am Aussterben war, hat sich unter meiner Führung schnell
               verdreifacht. Was er jetzt ist, ist er durch mich. Wenn ich durch die Stadt gehe,
               kennt mich jeder; das ist "unser" D., heisst es. Sowie es heisst: das ist "unser"
               Superintendent. Nicht, dass dies meine Brust stolz "schwellte", aber es ist doch eine
               "richtigere" Situation als die weltstädtische Anonymität, auf die wir einst so viel
               Wert legten. Für einen Mann von 50 Jahren ist es gut, ein Werk zu haben, das sein
               Werk ist und für das er ganz allein verantwortlich ist, ohne irgend eine
               "parlamentarische" Einschränkung; ich kann viel weitgehender als es früher möglich
               gewesen wäre, frei gestalten; ich bin für alles allein verantwortlich, aber alles hat
               zu parieren. So kann ich gestalten, es kommt subjektiv und objektiv <pb n="2"/> viel
               Gutes dabei heraus. - Lieber, ich glaube den Unterschied von "schlechter" Aktualätit
               und kairoshaftem Schicksal noch wohl unterscheiden, so billig kannst Du mich nicht
               widerlegen. An Cafes beider Arten, bzw irgend einer Art kann ich nicht mehr glauben.
               Das Wissen um die Dinge bekommt man n u r wenn man - wenn auch mit Schmerzen und
               grade dann - mitten drin und zwar arbeitend steht. Im Cafe ist man immer -
               unverantwortlich. Im Cafe fehlt wie man sich auch guerieren mag, das WERK und die
               Verantwortung für ein Werk; die allgemeine Verantwortung von Gott und von der
               "Weltgeschichte", die sich der bedeutend redende Cafetier beiliegen darf, ist eine
               schlechte Allgemeinheit. Auch der Schmerz ist nicht so konkret, so wenig wie die
               Lust.</p>
            <p>Inzwischen schneit das Städtchen weiter ein, um den Anfangsstil dieses Briefes
               bewusst wieder aufzunehmen. Der Sohn hat aus dem Schnee vorhin Rosenkohl geholt; den
               macht er mit H. zurecht; H. und ich haben diesen Kohl gedüngt, gepflanzt, begossen,
               von Unkraut befreit. Dem Grünkohl wird der Kuhmist und jetzt der Frost gut getan
               haben, wer spricht im Cafe von Kuhmist!? Kuhmist ist das Bleibende. Natürlich muss er
               gut verrottet sein. Von unserm Nussbaum haben wir 60 Pfund Wallnüsse geerntet; am
               letzten Abend im Laden konnte in Nüssen geschwelgt werden. Ich habe zu Weihnachten
               zwei Schweine, die ich gemästet habe von fast 8 Zentnern, geschlachtet. Denn ich bin
               ländlicher Gastwirt. Für meinen Laden habe ich, für 90 RM, Gemüseland gepachtet; ich
               habe für 1300 RM Gemüse geerntet. Was sagst Du dazu? Gewiss, dass es nicht
               weltbewegend ist. Ich will aber die Welt nicht mehr bewegen. Bewege Du sie. Meine
               Situation ist jedenfalls sehr konkret und ich - damit Du den unveränderten
               Grundcharakter siehst - g e n i e s s e sie, diese Konkretheit.</p>
            <p>Lotte und Heiner, jeder für sich, kommen oft zu uns herübergeflitzt, in 1 1/4
               Stunden. Wir haben Ha.'s wundervolle Gedichte bekommen. Danke. In meinem Laden habe
               ich einen Angestellten, der zum George-Kreis gehört hat. Mit diesem Mann verbringe
               ich manchen Abend, er ist ein Trost, aber nicht der wahre; denn der ist nur die
               gestaltende Arbeit. Neben mir steht H. und sagt, ich soll Dir viel-vielmals grüssen. </p>
            <p>Und zur Geburt der <unclear reason="illegible">¿¿¿ ... ¿¿¿</unclear>. Nun soll
                  <unclear reason="illegible">¿¿¿</unclear>mit dem Zug, mit dem meine Mutter kommt,
                  <unclear reason="illegible">¿¿¿</unclear> machen</p>
            <salute>Dein D.</salute>
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                  <persName>Tillich, Paul</persName>
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                     <date>1886-08-20</date>
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                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
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                     <date>1965-10-22</date>
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                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
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                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
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                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
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